2. Hessischer Heilberufetag: „Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt – Dürfen wir noch, was wir können?“ - Psychotherapeutenkammer Hessen

2. Hessischer Heilberufetag „Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt – Dürfen wir noch, was wir können?“

Am 03. Juni 2009 fand in der Wiesbadener Casino-Gesellschaft unter dem Motto „Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt – Dürfen wir noch, was wir können?“ der 2. Hessische Heilberufetag statt. Rund 300 TeilnehmerInnen nahmen an der Veranstaltung teil, der es gelang, auch die Tierärzte stärker in die Gruppe der Hessischen Heilberufekammern zu integrieren.


Begrüßungs- und Grußworte

Den ersten Aspekt des Mottos griff der Präsident der LÄK Hassen Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach in seinen Begrüßungsworten auf, indem er darauf hinwies, dass die Natur, verstanden als Mensch, Tier und Pflanze, von jeher als „heiliger Ort“ betrachtet wurde, um den sich Mythen rankten; heute hingegen habe der Mensch eine eher pragmatische Beziehung zu Tier und Pflanze. Dr. Margita Bert, Vorstandsvorsitzende der KV Hessen, erinnerte in ihrem Begrüßungswort mit Bezug auf den zweiten Aspekt des Mottos, also der Frage, ob Ärzte noch so helfen dürfen, wie sie können, daran, dass die Motivation den Arztberuf zu wählen, aus dem Wunsch erwachse, Menschen zu helfen; dieses Ansinnen werde heute durch die Ökonomisierung des Gesundheitsbereichs „verfremdet“.

Jürgen Banzer, Hessischer Minister für Arbeit, Familie und Gesundheit, dankte in seinem Grußwort den Heilberufekörperschaften und deren Funktionären ausdrücklich für die Aufgaben, die sie für die Gesellschaft übernehmen. Er plädierte dafür, dass bei allen ökonomischen Erwägungen im Gesundheitsbereich moralische Gesichtspunkte weiterhin Gegenstand von Abwägungsprozessen heilender Handlungen bleiben müssen. Zudem sprach er sich für ein erweitertes Verständnis von Gesundheit, das über die reine Abwehr von Lebensgefahr und Krankheit auch Fragen des Lebensstils beinhalte. Rose-Lore Scholz, Gesundheitsdezernentin der Stadt Wiesbaden, wies in ihrem Grußwort auf das aktuelle Ereignis der Schweinegrippe hin, das zum Motto des Heilberufetags passte: Gesundheitsförderung müsse die drei Bereiche Mensch, Tier und Umwelt umfassen.


Zwei Hauptvorträge


„Animals and Human – one Health“

In seinen Einführungsworten zum ersten Hauptvortrag bezog sich Prof. Dr. Alexander Herzog, Präsident der Landestierärztekammer Hessen, auf das von der Generaldirektion „Gesundheit und Verbraucherschutz“ in der EU im Rahmen der großen gemeinsamen Gesundheitsstrategie postulierte Programm „Tier und Mensch – eine Gesundheit“. Dieser gesundheitsbezogene Zusammenhang zwischen Tier und Mensch würde etwa bei den Zoonosen deutlich. Zoonosen sind Erkrankungen und Infektionen, die auf natürliche Weise zwischen Mensch und anderen Wirbeltieren übertragen werden können.

Auf das Problem der Zoonosen ging dann auch Prof. Dr. Dr. Hartwig Bostedt, Emeritus der Klinik für Geburtshilfe, Gynäkologie und Andrologie der Groß- und Kleintiere der Justus-Liebig-Universität Gießen, in seinem Hauptvortrag ein. Er eröffnete den Vortrag damit, dass er den vielen anwesenden Nicht-Tierärzten die Aufgaben der Veterinärmedizin verdeutlichte. Diese Aufgabe kann beschrieben werden als Erhaltung der animalen Gesundheit und Heilung im Krankheitsfall bei landwirtschaftlichen Nutztieren, Begleittieren und Wildtieren. Durch diese Aufgabe aber trage die Veterinärmedizin auch wesentlich zur humanen Gesundheit bei (etwa durch den Beitrag zu einwandfreien Lebensmitteln tierischer Herkunft).

Die Interdependenz von Tier und Mensch illustrierte Bostedt zudem mittels eines kleinen geschichtlichen Abrisses hierzu, da Tier und Mensch „seit Jahrtausenden eine enge Symbiose“ bilden würden: Historische Quellen belegen, dass die Fürsorge für die Gesundheit von Tier und Mensch im ursprünglichen Gemeinwesen ebenso wie die Hilfe im Krankheitsfall in einer Hand lag. Er wies zudem darauf hin, dass Aristoteles in seiner nikomachischen Ethik feststellte, dass dem Mensch und Tier gleichermaßen beseelt sind, wobei er in jedem Menschen und Tier die „animalische Seele“ beheimatet sieht, weil beide Leid und Glück empfinden können. Im Verlaufe des Mittelalters habe sich die Einstellung zum Tier aber geändert: Es wurde zum reinen Jagdbegleiter, Lastenträger, Zugtier und Lebensmittellieferant, so dass man ihm mehr und mehr Stumpfsinn und Undifferenziertheit attestierte. Hegel bezeichnete Tiere als Folge dieser Neuorientierung dann auch zu Beginn der Neuzeit als seelenlos. Mit zunehmender geistiger Aufklärung und technischem Fortschritt erhielt das Verhältnis zum Tier wieder eine neue, bessere Qualität. Dabei spielten mehrere Faktoren eine Rolle, wie durch die Industrialisierung vermehrt zur Haustier- und Kleintierhaltung, wodurch einzelne Tiergruppen (Hunde, Katzen, Tauben, Kaninchen, Geflügel) wieder zum engen Begleiter des Menschen erkoren wurden. Mit dieser Form der Tierhaltung ging jedoch dann das Problem der Zoonosen einher.

Heute seien mehr als 200 Infektionen bekannt, die Mensch und Wirbeltier gleichermaßen stark betreffen können. Bostedt warnte: Auch wenn in Mitteleuropa bestimmte Erkrankungen, wie etwa Tbc oder Brucellose, nicht mehr vorkommen, so sind aufgrund von Globalisierung und Klimawandel erneute Zoonosenbedrohungen (z.B. TSE, Q-Fieber, Salmonellose, Listeriose, Enzephalitiden, Toxoplasmose) auszumachen; man lebe hier diesbezüglich also keinesfalls auf einer „Insel der Seligen“. Die Veterinärmedizin trage zur Eindämmung dieser erneuten Bedrohungen etwa im Kontext der Nutztierhaltung dadurch bei, dass Fütterungsantibiotika verboten wurden und generell Antibiotika immer mehr versucht würden durch Impfungen zu ersetzen.

Abschließend würdigte Bostedt den zweiten Hessischen Heilberufetag als ernsthafte Plattform für die Diskussion um die gemeinsame Gesundheit von Tier und Mensch.


„Bebauen und Bewahren“ (Gen 2,15) – anthropologische Grundkonstanten

Dr. Michael Frank, Präsident der Landeszahnärztekammer Hessen, stellte den Referenten des zweiten Hauptvortrags, Seine Eminenz Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, vor. Er erinnerte daran, dass Lehmann von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz war und stellte dessen eminente philosophische Expertise, aber auch seinen Humor heraus.

Karl Kardinal Lehmann beschäftige sich in seinem Vortrag mit den Grenzen der Wissenschaft und der technischen Machbarkeit, wie sie sich etwa in der modernen Medizin darstellt und mit dem Motto versinnbildlicht wird: „Wir schreiten zurück, wenn wir nicht fortschreiten, weil man nicht stehen bleiben kann“ (das übrigens auf eine Randnotiz von Leibniz bei der Lektüre des Buches „Wissenschaft der Theologie“ von Johan Baptista van Helmont zurückgeht). Denn die Nebenwirkungen des Fortschritts würden immer deutlicher werden. Kardinal Lehmann veranschaulichte dies am Beispiel der Intensivmedizin, die einerseits Menschen in erstaunlicher Weise zum Überleben verhelfe und anderseits zugleich die schwierige Frage aufwerfe, ob Ärzte verpflichtet sind, alle therapeutischen Maßnahmen zu ergreifen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass nur vegetatives Fortleben erhalten wird.
Eine Grundschwierigkeit des Problems, so Kardinal Lehmann, bestehe darin, dass die Spannung zwischen dem technisch Machbaren und dem sittlich Verantwortbaren meist überhaupt nicht wahrgenommen wird: Es mangele auf weite Strecken an Sensibilität für die sittlichen Implikationen neuzeitlicher Naturbeherrschung. Er identifizierte zwei Gründe für diesen Sensibilitätsmangel: Zum einen sei dem technischen Fortschritte eine gewisse Eigendynamik inhärent, wodurch immer neue „Fortschritte“ und „Optimierungen“ fast automatisch angestoßen würden. Zum anderen würden viele technologische Prozesse quasi anonym ablaufen, wodurch sich niemand mehr so recht verantwortlich fühlen würde für dieselben; niemand besitze mehr eine „individuelle Steuerungsmöglichkeit“.

In diesem Zusammenhang rekurrierte Kardinal Lehmann auf das Werk des jüdischen Philosophen Hans Jonas „Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“. Dort führt Jonas fünf Gründe an, warum die moderne Technik einen neuen und besonderen Fall bildet, der auch eine neue ethische Betrachtung verlangt: 1. Es gibt eine tiefe Ambivalenz der Wirkungen in der Technik; 2. Die Zwangsläufigkeit der Anwendung technischer Fähigkeiten resultiert aus dem Faktum, dass das sonst so einleuchtende Verhältnis von Können und Tun, Besitz und Ausübung einer Macht aufgrund des technischen Potenzials und der ganzen Lebensgestaltung unsere heutige Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar trifft; 3. Da die moderne Technik auf „Großgebrauch“ angelegt ist und in Raum und Zeit weithin globale Ausmaße erreicht, wird das Leben von Millionen gegenwärtig und künftig lebender Menschen beeinflusst; 4. Eine nur anthropozentrische Ethik hat ihr Recht verloren, da die fast monopolistische Macht über alles andere Leben und die damit gegebene Rücksichtslosigkeit durchbrochen werden müssen; 5. Das apokalyptische Potential der Technik, nämlich den Fortbestand der Menschengattung zu gefährden oder ihre Integrität zu ändern, verklammert die „metaphysische“ Frage wie nie zuvor mit der Ethik.

Kardinal Lehmann fragte rhetorisch, ob man dem Konflikt zwischen dem technisch Machbaren und dem sittlich Verantwortbaren entfliehen könne – und beantwortet selbst diese Frage mit „Nein“. Der Mensch dürfe dies überhaupt nicht versuchen, sonst würde er sein „Wesen der Mitte“ verfehlen. Es gehe vielmehr um ein „Austragen“ dieses Grundkonflikts. Hierbei sei der Bezug zur jahwistischen Schöpfungserzählung hilfreich, in der eine anthropologische Grundaussage getroffen werde: Jede menschliche Arbeit nimmt in irgendeiner Weise teil an dem „Bebauen“ und „Bewahren“(vgl. Gen 2,15). Der Mensch dürfe sich also nicht einfach nur auf die Seite des erobernden und umgestaltenden Bearbeitens schlagen. Sonst kann aus dem noch sinnvollen Roden ein Werk der Zerstörung werden. Er sei aber auch nicht einfach nur der Hegende, der allen Wildwuchs zulässt. Er bewahre nur dann, wenn er auch eingreift, pflegt und zähmt, Ausleseprozesse in der Natur beobachtet und fortführt.

Abschließend bezog sich Kardinal Lehmann nochmals auf Jonas und zitierte dessen an Kants kategorischen Imperativ erinnernden ethischen Imperativ: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens“. Hieraus folge das ethische Gebot des „Maßhaltens“, etwa bei der psychologischen Beeinflussung von Menschen oder der Verlängerung des Lebens. Eine Verdrängung ethischer Fragen mittels Fortschrittsoptimismus oder Fortschrittspessimismus sei nicht hilfreich, so Kardinal Lehmann.

In seinen mit viel Beifall bedachten Diskussionsbemerkungen zu Kardinal Lehmanns Vortrag machte Jürgen Hardt, Präsident der LPPKJP Hessen, auf eine neben Fortschrittsoptimismus- und pessimismus weitere hoch aktuelle Fluchtbewegung vor den von Kardinal Lehmann angesprochene ethischen Dilemmata aufmerksam – nämlich eine von ihm als „ökonomistische Transformation ethischer Konflikte“ bezeichnete: Die ethischen Konflikte würden zu bloßen Fragen der Bewirtschaftung und der Verwaltung des Lebens werden. Das System von Verwaltung und Wirtschaft (wie es Jürgen Habermas verstanden hat) überwuchere die Lebenswelt und nehme, so Hardt, die schwer zu beantwortenden ethischen Fragen in sich auf: Dann laute die Antwort auf die ethische Frage „Was Machbar ist“ schlicht „Was Bezahlbar ist“. Dies sei, kulturpsychoanalytisch betrachtet, eine große Entlastung und deswegen seien solche Antworten auf komplexe Fragen, die schier unlösbar zu sein scheinen, auch so verführerisch. Nach dieser Logik seien selbst absehbar negative Folgen beherrschbar (d.h. zu verantworten), wenn nur genügend finanzielle Mittel zur Behandlung der Folgen zur Verfügung stehen (zu den vollständigen Diskussionsbemerkungen von Jürgen Hardt geht es hier).

MO


Plenumsdiskussion

In der Diskussion wurden verschiedene Aspekte rund um die Themen der beiden Hauptvorträge angesprochen. So wurde darauf hingewiesen, dass verantwortbare und verantwortungsvolle Fortschritte künftig nur durch Kooperation von Geistes- und Naturwissenschaften erzielt werden können.

Behutsames Sprechen im Spannungsfeld von Machbarkeit und Ethik

Bezug genommen wurde zudem auf die Ausführungen von Jürgen Hardt zur ökonomistischen Transformation ethischer Konflikte in der Heilkunde und gefragt, warum hierzu gesellschaftlich keine Diskussion stattfinde. Kardinal Lehmann bot als mögliche Antwort den Wertepluralismus an, der kein gutes Milieu für Wertediskussionen zu dem, was heilkundlich ethisch noch verantwortbar ist, darstelle. Als hilfreichen Weg in diesem Zusammenhang bot Kardinal Lehmann aber ein „behutsames Sprechen“ über die Dinge der Heilkunde an. Behutsamkeit sei für ihn überhaupt eine mögliche Antwort auf (medizinische) Phänomene und Prozesse im Spannungsfeld zwischen technisch Machbaren und ethisch vertretbaren. Ein Negativbeispiel hierfür sei etwa, wenn im Zusammenhang von Organspenden von einem „zu deckenden Bedarf“ in ökonomistischer Redeart gesprochen würde, wie von manchen Politikern.

Das „unendlich schwierige“ Verhältnis zwischen Tier und Mensch

Zudem wurden sensible Themenbereiche, wie Massentierhaltung oder Xenotransplantation (die Verpflanzung von Tierorgane in Menschen), angesprochen, oder etwa die Frage nach qualitativen Unterschieden zwischen Mensch und Tier. Kardinal Lehmann verwies hierbei auf die bekannte Aussage von Martin Heidegger, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Tier unendlich schwierig sei – mit anderen Worten, sich einfacher Antworten entziehe. Bostedt erinnerte daran, dass im Grundgesetz das Tier als „Mitgeschöpf“ des Menschen bezeichnet wird. Eine Ärztin plädierte dafür, dass jeder einzelne durch alltägliche Handlungen (etwa konsumbezogene) zu einem verbesserten Verhältnis zwischen Tier und Mensch beitragen könne.

In seinem Schlusswort tätigte Prof. Alexander Herzog nochmals einige Einlassungen zum EU-Gesundheitsmotto „Tier und Mensch – eine Gesundheit“ und verwies nochmals auf die wichtige Zoonosenbekämpfung als gemeinsame Aufgabe der Human- und Veterinärmedizin.

Abschließende Anmerkungen

Der Landestierärztekammer ist es gut gelungen zu verdeutlichen, dass nachhaltige Gesundheit nur durch die Zusammenarbeit von Veterinär- und Humanmedizin (Stichwort: Neue Zoonosengefährdung durch Globalisierung und Klimawandel) erzielt werden kann. Zudem wurde deutlich, dass es bei „schwierigen Fragen“ in diesem Zusammenhang, wie etwa dem der Xenotransplantation keine einfachen Antworten gibt und „Behutsamkeit im Sprechen über solche Dinge“, wie dies Kardinal Lehmann vorgeschlagen hat, ein guter Weg darstellen kann. Das wichtige, von Jürgen Hardt eingebrachte Thema der ökonomistischen Transformation ethischer Fragen (wie etwa auch Xenotransplantation) wurde von den Referenten des Hauptvortrags mit Interesse aufgenommen. Für eine Ausweitung der Diskussion des Mottos auch auf Inhalte heilkundlicher Psychotherapie fehlte Raum und Zeit. Dabei hätte es hier durchaus Ansatzpunkte gegeben, wie etwa die vermehrte Verbreitung von Therapietieren (z.B. Hunde, Pferde) im Kontext der stationären oder teilstationären Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder im Kontext der aufgrund des demografischen Wandels immer stärker an Bedeutung gewinnenden Geronotopsychotherapie.