4. Hessische Heilberufetag: „Stadt, Land, Flucht – Patienten bald allein zu Haus?“ - Psychotherapeutenkammer Hessen

4. Hessische Heilberufetag: „Stadt, Land, Flucht – Patienten bald allein zu Haus?“

Am 10. März fand zum vierten Mal der Hessische Heilberufetag statt, wieder, wie auch schon die vorherigen beiden Male, in der Wiesbadener Casino-Gesellschaft. Diesmal widmete sich der gut besuchte Heilberufetag der Versorgungsproblematik des deutlichen Stadt-Land-Gefälles in Bezug der Verfügbarkeit von Ärzten und Psychotherapeuten angeht.

Einführung und Begrüßung: Gemeinwohlverpflichtung der Heilberufe

Jürgen Hardt, Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP Hessen), erläuterte in seiner Begrüßung und Einführung in das Thema, dass zum einen die Bedarfsplanung so angelegt sei, dass es auf dem Land deutlich weniger GKV-Sitze gibt als in der Stadt; zum anderen verhalte es sich so, dass junge Ärzte und Psychotherapeuten für eine Niederlassung fast ausschließlich die Stadt bevorzugen; aber auch innerhalb von Städten gebe ein deutliches Gefälle – all dies laufe, so Hardt, der Gemeinwohlverpflichtung der Heilbrufe zuwider. Zudem erinnerte er in Anknüpfung an die Thematiken der vorherigen Heilberufetage an die ethische Grundposition heilkundlichen Handelns, nämlich der Ehrfurcht vor dem Leben von Menschen und Tieren. Zum Schluss wies er darauf hin, dass es schon ein Gewinn sei, wenn die hochkomplexe Thematik gemeinsam erörtert werde, auch wenn es schwer vorstellbar sei, diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung durch gesundheitspolitische Beschlüsse zu regeln sei.

Grußworte: Die Vorteile der Telemedizin 

Ein Grußwort sprach in Vertretung des Wiesbadener Oberbürgermeisters die Stadträtin Frau Dr. med. Doris Jentsch. Sie empfahl eine stärkere Nutzung der Telemedizin, um dem Problem der therapeutischen Unterversorgung der Heilberufe Herr zu werden. Vorteile der Telemedizin seien etwa, dass eventuell häufigere Kontakte mit dem Arzt/Psychotherapeuten möglich werden, dass viele Menschen via Twitter, Facebook etc. bereits mit sozialen Netzwerken im Web vertraut sind, sowie, dass Telemedizin ökonomisch betrachtet ein Wachstumsimpuls mit hohem Exportpotential für die Gesundheitswirtschaft darstellen kann.

Impuls: Regionale flexible Bedarfsplanung am Patienten orientiert

Impuls- und Hauptreferent war der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU). Er spannte die paradoxe Situation der Bedarfsplanung auf: Einerseits sei die Anzahl der Ärzte sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich in den letzten 10 Jahren um rund 25% angestiegen; zudem sei bekannt, dass nach Bedarfsplanungsrichtlinie in fast allen Regionen eine Überversorgung mit Ärzten und Psychotherapeuten gebe. Andererseits müssten sehr viele Patienten, vor allem auf dem Land, aber eben nicht nur dort, lange Wartezeiten und Anfahrtswege in Kauf nehmen; besonders drastisch und dramatisch gestaltet sich dies bei der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen (quasi unmöglich ist, eine so gibt es ländliche Regionen in Hessen, wo es nicht nur aufgrund der langen Wartezeiten, sondern auch aufgrund der nicht vorhandenen örtlichen Verfügbarkeit für Kinder und Jugendliche quasi fast nicht möglich ist, sich einer Psychotherapie zu unterziehen in Anspruch zu nehmen ).

Grüttner führte weiter aus, dass die Bedarfsplanungsrichtlinie veraltet sei. Bei ihrem Inkrafttreten 1990 sei ihr Hauptzweck gewesen, die sog. „Ärzteschwemme“ einzudecken – und zwar bekanntlich dadurch, dass der damalige Ist-Zustand der Niederlassungen rundweg zum Soll-Zustand erklärt wurde. Inzwischen existiere aber eine „Ärztemangel“, zudem seien die Bedarfsplanungsräume zu groß. Grüttner äußerte, dass er sich deshalb im Bundesrat mit den anderen Ländern dafür einsetzen werde, dass im Rahmen der Bedarfsplanungsreform rechtliche Richtlinien erstellt werden, damit auf regionale Besonderheiten etwa bezüglich Bevölkerungs-, Morbiditäts- und Versorgungsstruktur kleinräumig reagiert werden kann. Auch müsse die Behandlungskontinuität Schnittstellen-Management an den Sektorengrenzen verbessert werden etwa durch besseres. Ein Beispiel sei hierfür etwa das durch das neue hessische Krankenhaugesetz vorgeschriebene Ersetzen der Krankenhauskonferenzen durch regionale, sektorenübergreifende Konferenzen. Insgesamt sei das Ziel weiterhin eine flächendeckende medizinische GKV-Versorgung, wozu zwar Telemedizin einen geringen Beitrag leisten könne, der persönliche Kontakt zum Arzt/Psychotherapeuten müsse aber weiterhin gewährt sein, vor allem, aber nicht nur, für ältere Patienten (die zudem aufgrund der demografischen Wende immer mehr werden).

Podiumsdiskussion: Gründe für das Stadt-Land-Gefälle und Lösungsansätze

An der anschließenden Podiumsdiskussion, in die auch teils das Plenum mit einbezogen und die von der aus Funk und Fernsehen bekannten Bärbel Schäfer mit Verve und Sachverstand moderiert wurde, nahmen neben dem Sozialminister auch Erika Fink, Präsidentin der Landesapothekerkammer Hessen, Dr. Gerd W. Zimmermann vom Vorstand der KVH sowie Stephan Allroggen als Vorsitzender des Vorstands der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Hessen teil. In der Diskussion ging es um die Frage, was Gründe für die Landflucht von Heilkundlern sind und wie dem Problem begegnet werden kann. Zimmermann empfahl den ländlichen Kommunen, Anreize für Heilkundler zu schaffen, etwa durch die kostenlose Zurverfügungstellung von Praxisräumen, die Einrichtung der Praxisräume sowie weitere Maßnahmen, um das unternehmerische Risiko von Ärzten abzufangen. Allroggen erläuterte ergänzend, dass eine zahnärztliche Niederlassung mit Investitionen im Durchschnitt von 350.000 € verbunden seien. Seitens der KV könne man durch die Zulassung von Berufsausübungsgemeinschaften auf dem Lande verbunden mit Zweitpraxisgenehmigung (bzw. eine weitere flexible Aufteilung von Zulassungen) zu Lösungsversuchen beitragen. Auch wurde die Option der Entbudgetierung im ländlichen Raum angesprochen. Eine weitere Ursache für die Probleme sei zudem, dass immer mehr Ärzte/Psychotherapeuten eine gute sog. „Work-Life-Balance“ anstreben. Dies führe dazu, dass junge Ärzte/Psychotherapeuten vermehrt lieber in Angestelltenverhältnissen tätig sind oder Teilzeitarbeitsmodelle anvisieren. Dr. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der LÄKH, äußerte, dass neben schon genannten monetären Anreizen auch eine wieder erstarkende gesellschaftliche Anerkennung für Heilkundler dazu beitragen könne, dass sich selbige auch im ländlichen Raum engagieren. Grüttner forderte in einem recht emotionalen Statement die Selbstverwaltung der heilkundlich Tätigen auf, ihre bereits jetzt schon vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, um das Problem des Stadt-Land-Gefälles zu bewältigen: So könnten beispielsweise Kooperationen mit Rettungsdiensten auf dem Land eingegangen werden, um Ärzte dort von abschreckenden Bereitschaftsdiensten zu entlasten. Gerd W. Zimmermann von der KV Hessen entgegnete, dass durch politische Vorgaben, wie SGB V, Bedarfsplanungsrichtlinie, Budgetierungen u.ä. ihm die Hände gebunden seien, um effektiv handeln zu können. Hans Bauer, Vizepräsident der LPPKJP Hessen, wies auf die besondere Situation der Psychotherapeuten im Kontext der Bedarfsplanung hin: so wurde etwa nur wenige Monate nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999 für diese Gruppe der Heilkundler der Bedarf festgesetzt – zu einem Zeitpunkt also, an dem noch nicht klar war, wie viele Psychotherapeuten tatsächlich zugelassen werden, da etwa die Zulassungsverfahren gerade der vielen sog. „Kostenerstattler“ noch nicht abgeschlossen waren. Außerdem habe es, dadurch, dass erst kurz zuvor das Psychotherapeutengesetz in Kraft getreten sei, noch keine gewachsenen Versorgungsstrukturen durch Psychotherapeuten gegeben, wie dieses bei in Kraft Treten der Zulassungsbeschränkungen für Ärzte der Fall gewesen sei. Sozialminister Grüttner schloss hieran an, indem der die Besonderheiten in der Versorgung durch Psychotherapeuten betonte, die etwa sich an bestimmte gesellschaftliche Routinen, wie Arbeits- und Schulzeiten der Patienten, anpassen müssen. Einigkeit bestand darin, dass es einen gesellschaftlichen Konsens geben müsse dazu, was für eine Versorgung man haben will und bereit ist zu bezahlen. Grüttner skizzierte abschließend, worauf Patienten sich zukünftig einstellen müssen:  sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen, keine in unmittelbarer Nähe vorhandene hausärztliche Versorgung, Gemeinschaftspraxen, weite(re) Wege zu Fachärzten, in manchen ländlichen Regionen leer stehende Praxisräume, in denen nur stundenweise, zum Beispiel aus der nächsten Stadt anreisende Ärzte, Sprechstunden angeboten werden würden.. In seinem Schlusswort sprach Knoblauch zu Hatzbach nochmals das Thema der (Ent-)Budgetierung von Landärzten an und äußerte die Vision, dass es einen Wettbewerb um Ärzte zwischen den Regionen gebe.

Insgesamt machte die Veranstaltung deutlich, dass eine differenziertere, flexiblere Bedarfsplanung dringend von Nöten ist, die sich an den Besonderheiten der Regionen und der in Ihnen lebenden Menschen mit ihren spezifischen soziodemografischen und morbiditätsbezogenen Merkmalen ausrichtet – aber eben auch an den Besonderheiten der spezifischen heilkundlichen Tätigkeiten, was Sozialminister Stefan Grüttner vor allem für die Psychotherapeuten konstatierte.
MO