Begrüßung 2. Hessischer PiA-Tag - Psychotherapeutenkammer Hessen

Begrüßung und Einleitung zum 2. Hessischer PiA-Tag in Frankfurt

Jürgen Hardt
Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen
Wiesbaden

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ich freue mich, dass ich Sie zum 2. Hessischen PIA- Tag begrüßen darf. Mein besonderer Dank gilt den Mitgliedern des Vorstandes und den Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle, die diese Veranstaltung möglich gemacht haben.  An erster Stelle danke ich Frau Walz-Pawlita, die sich im Vorstand den Angelegenheiten der Ausbildung intensiv angenommen hat und die gleich die Regie der Veranstaltung übernehmen wird.

Wir werden uns heute mit der Zukunft der Psychotherapie beschäftigen. Genauer: Mit der zukünftigen Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten und zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.

Das betrifft Sie, weil Sie zum Teil noch in der Ausbildung sind, oder aber zum größeren Teil, was uns bei der Anmeldung erstaunt hat, die Ausbildung schon längst abgeschlossen haben. Wir vermuten, dass Sie entweder Ausbildungsverantwortung tragen oder sich als Berufsangehörige für die weitere Entwicklung des Berufes mitverantwortlich fühlen.

Wir werden uns mit wünschenswerten oder zu erwartenden Veränderungen auseinander setzen, die mehr oder weniger den Empfehlungen des Forschungsgutachtens folgen. Das sind Empfehlungen, die von der Forschungsgruppe für den Gesetzgeber formuliert worden sind. Wie weit es gelingen wird die Vorschläge der Forschungsgruppe politisch durchzusetzen, ist noch weitgehend offen, wird aber vielleicht auch mit davon abhängen, wie sie in Fachkreisen, also von Ihnen Allen, aufgenommen und diskutiert werden.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, bestand ein, vielleicht ein wesentlicher Anteil der Forschungsarbeit über die Situation der Psychologischen Psychotherapie und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Ausbildung und in Praxis aus so genannten Expertenbefragungen, d.h. Befragungen von Kolleginnen und Kollegen, die in der psychotherapeutischer Ausbildung und der Organisation von psychotherapeutischen Aufgaben Erfahrung haben und Verantwortung tragen.

Viele dieser Kolleginnen und Kollegen – nehmen Sie mich als ein Beispiel – haben ihre Ausbildung schon vor langer Zeit absolviert. Das war in einer Zeit, in der noch es keine öffentlich rechtlichen Ausbildungsvorschriften für die Berufe Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut gab, sondern nur mehr oder weniger klar formulierte, vereinsrechtliche Ausbildungsordnungen, die gegebenenfalls zu irgendeiner Anerkennung von öffentlicher Relevanz führten.

Psychologinnen konnten delegationsberechtigt werden, Ärztinnen erhielten einen Zusatztitel nach unterschiedlichen Regelungen, später bekamen sie einen Facharzttitel zuerkannt. Die Abrechnungsgenehmigungen waren ebenfalls unterschiedlich und richteten sich gegebenfalls nach einem unsystematisch festgestellten Bedarf. Die Beteiligung der so genannten nichtärztlichen Psychotherapeuten an der Regelversorgung war auf jeden Fall „subsidiär“, das heißt ersatzweise eingeführt um den Bedarf zu decken und hätte bei genügender kassenärztlicher Behandlungskapazität aufgehoben werden müssen.

Die Ausbildungen verliefen recht unterschiedlich, je nach dem wie straff die Ausbildungsträger organisiert waren. Der Freiraum war groß, nur fachliche Reglungen waren gefragt und sie folgten fachlichen Überlegungen. Das forderte Selbstverantwortung und die Auseinandersetzung mit Normen, deren Vorteile und deren Nachteile.

In meiner Zeit gab es unter den Ausbildungskandidaten eine große Skepsis gegenüber jeglichen Ausbildungsvorschriften. Explizite, eng formulierte Regelungen wären und sind in der Tat auf heftige Proteste gestoßen.

So sollte zum Beispiel in der psychoanalytischen Ausbildung eine Liste mit Pflichtliteratur eingeführt werden, wogegen wir uns heftig wehrten. Wir empfanden es als eine ungehörige Zumutung, wie eine Erklärung der Unmündigkeit und ein Manöver der Infantilisierung, eine Pflichtlektüre auferlegt zu bekommen. Hatten wir doch das für uns unbeirrbare, sichere Gefühl, dass jeder von uns selbst entscheiden können müsse und entscheiden kann, was wichtig zu lesen und zu lernen sei. Wir wollten uns keine Vorschriften machen lassen.

Als ich meine erste Prüfung absolvierte, erfüllte ich eine inzwischen vereinbarte Prüfungsbedingung nicht. Von dieser Neuregelung hatte ich noch während der Prüfung keinerlei Kenntnis. Ich bestand die Prüfung trotzdem und die Nichterfüllung einer Norm war schließlich nach der bestandenen Prüfung auch kein wirkliches Problem, denn ich musste den Prüfern in die Hand versprechen, dass ich das Versäumte, Vermisste demnächst nachholen würde. Eine weitere Auflage gab es nicht.

Als ich später Verantwortung für die psychoanalytische Ausbildung zur tragen hatte, hatten sich die Verhältnisse schon weitgehend, man kann auch sagen, grundlegend verändert. Psychoanalytische Psychotherapie war zu einem Bestandteil der gesetzlichen Krankenversorgung geworden und damit waren öffentliche Interessen, die der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Kostenträger, in die Ausbildung, eingedrungen und zu beachten. Die Formalisierung der Ausbildung begann und ging schrittweise weiter.

Damit wurden aber die Richtwerte zu Sollwerten, wie zum Beispiel die Mindeststundenzahlen von Selbsterfahrung; und das veränderte die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden erheblich. Bewegte sich die Ausbildung vorher in einem Rahmen, der mit inhaltlichen Bewertungen gefüllt werden musste, so waren plötzlich Normen zu erfüllen. Der individuelle recht unterschiedliche Bildungsverlauf wurde schematisiert. Befürchtete Willkür in höchstindividuellen Bewertungsprozessen wurde eingedämmt. So wurde eine neue Sicherheit in der Erfüllung von Normen versprochen. Mit der zunehmenden Formalisierung wurde aber die inhaltliche Bewertung erschwert. Normen in der Ausbildung geben Sicherheit, weil es zählbare Werte gibt, gleichzeitig treten die „weichen“, inhaltlichen Kriterien, nämlich das Erreichen von Bildungszielen zurück.

Über diesen Prozess haben wir uns oft und lange Gedanken gemacht, faktisch hat sich die Formalisierung durchgesetzt, was dadurch verloren gegangen ist, wurde in Kauf genommen, droht in Vergessenheit zu geraten.

Die Formalisierung der Ausbildung – und damit auch die Rechtssicherheit – bekam mit der Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes einen gewaltigen Schub, denn damit waren zum ersten Mal gesetzliche Regelungen in der Ausbildung zu beachten. Damit trat der psychotherapeutische Beruf in den öffentlichen Rechtsraum, war zu einer Sache der öffentlichen Regelung geworden. Das bedeutet einen Gewinn an gesellschaftlicher Anerkennung, aber auch ein weiterer Verlust an Freiheit und an innerfachlicher Autonomie.

Trotz einiger Kritikpunkte, die Sie im Laufe des Tages diskutieren werden, war die Verabschiedung des Psychotherapeutengesetzes und damit die Formalisierung und Explikation der Ausbildungsordnungen ein großer Gewinn. Der überwiegende Anteil der erfahrenen Psychotherapeuten ist darüber hinaus der Meinung, dass sich die formalisierte Ausbildung bewährt hat.

Aber Sie wissen sicherlich auch, „umsonst ist nur der Tod“. Weniger dramatisch ausgedrückt, es gibt keinen Fortschritt, ohne dass etwas auf der Strecke bleibt, oder Nestroy hat es so gesagt: jeder Fortschritt ist bei genauerem Hinschauen nur halb so groß, wie er zuerst ausschaut, wenn man genau hinguckt. Das heißt, immer bleibt etwas zurück, ist als Verlust  des Fortschritts zu beklagen; so lange man sich daran noch erinnert…

Damit möchte ich mich kurz beschäftigen, nicht in einem nostalgischen Rückblick, in dem alles besser erscheint, was früher war, sondern weil ich Sie ermuntern möchte, in der Ausbildung und der zukünftigen Entwicklung an etwas festzuhalten, von dem ich zu wissen glaube, dass es viele in die Ausbildung geführt hat und was verloren zu gehen droht.

Es handelt sich um das Interesse am ganzen Menschen, daran wie Menschen leben, wie sie mit dem Leben und den damit verbundenen Aufgaben in ihrer Welt zurechtkommen. In der zunehmend rationalisierten Praxis und einer möglicher Weise qualitätsgesicherten, effizienten und kostengünstigen auf diese Praxis abgestimmten Ausbildung wird der Spielraum für ein solches weit gespanntes Interesse verengt. Für ein Bildungsinteresse wird in einer Ausbildung für einen psychotherapeutischen Reparaturbetrieb kaum Raum und Zeit sein.

Aus meiner langen Berufserfahrung heraus kann ich Ihnen aber versichern, dass der Erwerb der Kenntnisse über das Leben der größte Gewinn ist, den Sie in der psychotherapeutischen Berufstätigkeit erlangen können. Man kann sogar sagen, legitimiert durch die therapeutische Arbeit dürfen Sie Ihrem Interesse am menschlichen Leben in einer Weise nachgehen, wie es den meisten anderen Menschen verwehrt ist. Das ist ein klassisches Bildungsziel von hohem individuellem und gesellschaftlichem Wert.

Ich nehme an, dass die hohe Berufszufriedenheit, die von der Forschungsgruppe festgestellt worden ist, genau damit zusammenhängt, dass die Berufstätigkeit bei aller Anstrengung innerlich bereichern kann. Auf jeden Fall steht die Berufszufriedenheit wohl kaum mit dem materiellen Gewinn im Zusammenhang, den Sie aus der Berufstätigkeit erzielen können, denn der materielle Gewinn ist im Verhältnis zum Ausbildungs- und Arbeitsaufwand, den Sie leisten müssen, eher gering.

Dieser „ideelle“ Gewinn ist allerdings von verschiedenen Entwicklungstendenzen, denen Sie ausgesetzt sein werden, bedroht.

Einerseits durch fachliche Tendenzen. Die Psychotherapie soll nach der Meinung einiger Fachleute zu einer möglichst effizienten Veränderungstechnik des Menschen entwickelt werden. Aber diese Tendenz erfährt schon eine Korrektur. Die fachlichen Tendenz Psychotherapie zur spezialisieren, Symptomorientierung mit möglichst hoher Effizienz durch Einschränkung der Behandlungsbreite zufordern ist einer grundsätzlichen Kritik ausgesetzt. Psychotherapie, die symptomorientiert und manualisiert betrieben werden soll, ist nicht mehr unwidersprochen der richtige Weg. Gerade Professor Franz Caspar, der bekannte Psychotherapieforscher und Nachfolger von Klaus Grawe hat drauf hingewiesen, dass die Manualisierung sich zur Absurdität entwickelt kann und er hat daraus geschlossen, dass es zu einem Umdenken in der Ausbildung kommen müsse, um die Kompetenz der angemessenen Auswahl von Behandlungswegen zu erhöhen. Dazu sei eine breite Ausbildung mit einem höheren Maß an Selbsterfahrung vonnöten: Also doch wieder ein Bildungsziel!

Diese innerfachliche Gefahr schätze ich also für geringer ein, als sie bis vor kurzem noch erschien. Hier hat die Erfahrung der psychotherapeutischen Praxis, man könnte sagen das Leben selbst für eine Korrektur gesorgt. Besorgniserregender ist die Gefahr, die von außen sowohl die Ausbildung als auch die Praxis der Psychotherapie  bedroht. Die andere, weitaus größere Gefahr ist eine kulturelle, gesellschaftliche Tendenz, die auf die psychotherapeutische Praxis als Teil der gemeinschaftlich organisierten Heilkunde einwirkt. Durch diese Tendenz sind Praxis und psychotherapeutische Ausbildung bedroht.

Und zwar handelt es sich um Folgendes: Es gibt den unstillbaren Wunsch, alle Lebensvorgänge in unserer zunehmend komplexen Welt mit Hilfe von Virtualisierung planbar und kontrollierbar zu machen. Damit verbunden ist, dass alle Gesellschaftsbereiche, d.h. alle Lebensbereiche der ökonomischen und administrativen Logik unterworfen werden sollen. Das heißt in unserem Fall, die gesellschaftliche Behandlungskultur soll in eine Gesundheitswirtschaft transformiert werden, mit dem vagen Versprechen höherer Effizienz und den zu befürchtenden ethischen Kollateralschäden.

Bezogen auf die Psychotherapie heißt das, dass Sie als psychotherapeutische Leistungserbringer für Kunden und Kostenträger das Produkt seelische Gesundheit herstellen sollen. In einem möglichst effizienten und für Laien nachvollziehbaren Produktionsprozess. Plausibel soll das geschehen, weil diese mächtigen Laien nur rechnen, aber nicht psychotherapeutisch denken können. Man wird von Ihnen verlangen in der Sprache der Administration und der Ökonomie zu reden und wenn sie nicht aufpassen, werden sie nach und nach nur noch so denken. Sie werden dabei möglicherweise Normierungs- und Kontrollprozessen unterworfen, von denen höchst fraglich ist, ob sie lebensverträglich, lebensförderlich oder doch nicht eher lebensfeindlich sind. Die genormten Behandlungsprozesse werden die Lebensprozesse bedrohen, denen sie therapeutisch helfen sollen.

Es wird an Ihnen als künftigen Psychotherapeuten liegen, vielleicht auch an denen, die Psychotherapeuten ausbilden, die gesundheitsökonomischen Fantasien aufzudecken und zurechtzurücken, dass das Anliegen einer recht verstandenen Psychotherapie nicht Schaden nimmt.

Noch bin ich ganz optimistisch, weil das Leben selbst ein zwar zuerst geduldiger, aber letztlich doch unerbittlicher Lehrmeister für unverbesserliche Fantasten ist. Und der prosperierende Gesundheitsmarkt, auf dem die Ware seelische Gesundheit produziert, gehandelt und erworben wird, ist eine solche korrekturbedürftige Fantasie, die dem wirklichen Leben nicht standhält.

Wenn allerdings die psychotherapeutische Ausbildung als genormter Ausbildungsprozess lückenlos an die Bildungsproduktion von genormten Schul- und speziell ausgelegten Studiengängen geworden ist, dann wird die technische Verwertbarkeit psychotherapeutischer Leistungen ein Leichtes sein und einer gesellschaftliche Verwertung der Psychotherapie keinen Widerstand mehr bieten können.

Ich möchte das ganz kurz noch einmal anders sagen: Ganz egal welche Ausbildungsinhalte Sie lernen werden, der Weg in die Psychotherapie ist immer auch ein Bildungsprozess und das ist viel mehr als eine Ausbildung in einer bestimmten Psycho-Technik, vielleicht auch Lebenstechnik. Es ist immer ein Prozess der persönlichen Veränderung und ich darf das noch einmal wiederholen, der persönlichen Bereicherung, der weit über die Ausbildung hin anhält.

Ich möchte Ihnen wünschen, dass Sie in den Genuss solcher Bildungsprozesse kommen.

Das Ganze funktioniert aber nur, wenn Sie das Interesse am ganzen Menschen und das heißt, an jedem einzelnen Individuum in seinen Beziehungen und seiner umgebenden Kultur, nicht verlieren, sondern eigensinnig daran festhalten.

Ich weiß, dass die meisten Psychologen und sozial interessierten Studierenden mit einem solchen primären Interesse ihr Studium beginnen. Oft enttäuscht es wenigstens in der psychotherapeutischen Ausbildung erfüllt sehen möchten. Kaum jemand tritt in die Ausbildung mit einem sozial-technischen oder psycho-technischen Interesse ein.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass es Ihnen gelingen möge, das Interesse am Menschen zu erhalten, vielleicht trotz einer zukünftigen Ausbildung, die anderes bewirken will, und dass Sie später noch in einer Weise tätig werden können, in der die genormte Leistungserbringung nicht die Bildung in menschlichen Dingen erschlägt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.