Begrüßung der Gäste und Einführung zum 5. Hessischen Psychotherapeutentag „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“ - Psychotherapeutenkammer Hessen

Begrüßung der Gäste und Einführung zum 5. Hessischen Psychotherapeutentag „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“

Jürgen Hardt
Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP)
Wiesbaden

Meine Damen und Herren, sehr verehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich begrüße Sie zum 5. Hessischen Psychotherapeutentag.

Der Titel unserer Tagung ist etwas seltsam, nicht leicht verständlich und klingt angestaubt. Ich habe sagen hören, dass das Thema, das wir uns gestellt haben, von gestern sei und sich längst erledigt habe. Die Postmoderne gilt als aus und vorbei, hat sich angeblich längst erledigt!

Stellen Sie sich bitte einen Herrn mittleren Alters vor:

Lässig mit erlesenem Geschmack schwarz gekleidet, blass mit kahl geschorenem Schädel, gerade aus der siebten gescheiterten Beziehung, die einvernehmlich zu Ende gegangen ist, genesen, wie er sich auf die Schenkel klatscht und sich über unseren Titel mokiert. Spöttisch sagt er:

„Was soll das noch mit  „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“, höhnt er, „damit lockt man keinen Hund mehr vom Ofen. Postmoderne ist doch seit mindestens einer Generation kalter Kaffee. Und Familie ist ein alter Hut, den sich niemand mehr aufsetzen mag. Und das dann noch mit einer romantischen Sehnsuchtssoße überzogen; so ein Kitsch“.

Mit der Überheblichkeit von gewissen Intellektuellen setzt er hinzu: „ich wusste es doch, die Psychos sind die letzten Hinterweltler, ewig Gestrige, knapp hinter dem Mond“.

Ich möchte in meiner Einführung diese Kritik als ungerechtfertigt erweisen, ich werde mit ein paar Bemerkungen zu unserem Titel die psychotherapeutische und zugleich kulturelle Relevanz des Themas herausstellen, trotz der intellektuellen Einwände, die man erhaben könnte.

Tatsächlich redet heute kaum noch jemand von der Postmoderne; sie scheint vorbei gegangen wie eine Modeerscheinung, wie ein intellektuelles Happening Marke Woodstock oder wie eine belanglose Erkältungskrankheit der modernen Vernunft. Einige der Protagonisten der Postmoderne haben kräftig dazu beigetragen, dass man das Anliegen nicht anhaltend ernst nehmen musste, so hat man gewartet, bis der Spuk vorbei war und kann so weiter machen wie bisher.

Aber die ernsten Probleme der Postmoderne sind nicht gelöst, die postmoderne Kritik hat Fragen aufgeworfen, die längst nicht mehr nur intellektuelle Fragen sind, sie sind zu Lebensproblemen geworden. Das, was Aufregung in esoterischen Intellektuellenkreisen verursachte, ist im alltäglichen Leben angekommen und stellt uns vor neue Probleme und verlangt neue Lösungen; besonders wir Psychotherapeuten sind gefragt, weil es unsere Aufgabe ist, mit dem Leben zurechtkommen zu helfen; dazu bedarf es Antworten.

Was verstehen wir unter Postmoderne, die man auch Spätmoderne oder selbstkritische Moderne nennen könnte? Wir verstehen darunter nicht eine Zeit der fröhlichen Beliebigkeit, was viele unter Postmoderne fassen, sondern folgen dem Verständnis eines der philosophischen Väter der Postmoderne, Jean-Francois Lyotard, der alles andere als beliebig war. Lyotard wollte mit großem Ernst die „Ehre des Denkens“, der Vernunft, in Zeiten ihrer Gefährdung durch Zersplitterung retten, dem galt seine Anstrengung.

Nach Lyotard haben die großen Erzählungen über das Weltgeschehen und das Leben ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Unter großen Erzählungen versteht man Auffassungen von Geschichte, große Projekte oder Ideologien, in denen Menschen sich verstehen und orientieren können. Die Unglaubwürdigkeit der großen Erzählungen betrifft die Religionen als Heilgeschichten, auch den Glauben an den unendlichen Fortschritt. Mit beiden Erzählungen waren dem Leben Ziele gesetzt.

Das Gleiche wie den Religionen gilt also auch deren Gegenbewegung, der Erzählung vom unendlichen Fortschritt der Moderne und der Aufklärung, die, so versprach man sich von ihnen, zu immer mehr Vernunft, zu Frieden aus Einsicht, zu Gleichheit zwischen den Menschen und Wohlstand für Alle führen sollten. Auch diese Erzählung hat versagt, sie haben ihre Versprechungen nicht eingelöst. Diese großen Erzählungen haben die Welt erklären wollen und sie hatten eine Bindungskraft in der Gesellschaft und sie machten Lösungsangebote für und gaben Orientierung in Lebensfragen. Alle diese Erzählungen haben sich als unglaubwürdig erwiesen.

Unordentlichkeit ist eingezogen. Damit wurden neue Fragen nach Orientierung aufgeworfen. Alles scheint beliebig geworden zu sein und alles scheint möglich. So zieht Anarchie in das Leben ein. Was man als Befreiung oder als Bedrohung erleben kann; je nach dem…

Für unseren Bereich hatte die Erzählung von der natürlichen Familie eine Orientierungs- und Bindungsfunktion. Sie hat unser Handeln und das Verstehen von Lebensläufen geleitet, meint man. Aber auch sie hat ihre Glaubwürdigkeit verloren. Wir können aus dieser normativen Erzählung – als sei es selbstverständlich, dass Leben in „natürlichen Familien“ organisiert sein muss – keine Orientierung mehr finden. Das ist nicht zufällig so entstanden, sondern gerade die Entwicklung des modernen Fortschritts hat zur Labilisierung unseres „Konstrukts“ Familie geführt.

Konkret heißt das: in unserer Kultur galt die Familie aus Vater, Mutter und Kind als die natürliche Einheit der Gesellschaft. Sie war der Rest von der früheren, über mehrere Generationen reichenden Großfamilie, zu denen Groß- und Urgroßeltern, sowie Enkel, Tanten und Onkels usw. zählten. Familie galt unhinterfragt als die Keimzelle der Gesellschaft, in der Leben entstand, verlief und organisiert wurde.

Durch interkulturelle, ethnologische Vergleiche wurde schon vor langem unabweisbar, dass unser Verständnis der natürlichen Familie ein kulturelles Konstrukt ist, das als eine Ausprägung neben vielen anderen möglichen Formen steht. Das interessierte zuerst aber nur Wissenschaftler.

Die entscheidenden Impulse zur Veränderung des traditionellen Familienkonzeptes gingen von gesellschaftlichen Veränderungen und dem wissenschaftlichem Fortschritt aus. So spielt die erst seit vierzig Jahren sichere Empfängnisverhütung eine wesentliche Rolle in diesem Prozess, sie hat mitbewirkt, dass das Geschlechterverhältnis und die Rollenverteilung in der Familie sich gewandelt haben. Auch die zunehmende Akzeptanz unterschiedlicher sexueller Orientierungen hat einen Einfluss auf den Platz der Familie in der Gesellschaft. Einen besonderen Einfluss, mit dem wir uns beschäftigen werden, üben die Erfolge der Reproduktionsmedizin auf das „natürliche“ Familienkonzept aus.

Ich will das bei dieser Andeutung belassen, wir werden uns damit ausführlich befassen.

Damit bekommen Sie aber schon einen Eindruck davon, wie der Fortschritt der Moderne zu einer unübersichtlichen Situation geführt hat, in der neue Möglichkeiten entstanden sind und die Orientierung erschwert ist. Das nennen wir die postmoderne Problematik, dass uns Kriterien fehlen und wir neue Kriterien brauchen, um mit den neuen, vielfältigen Möglichkeiten, die die Moderne uns beschert hat, umgehen zu können.

Die alte Erzählung von der natürlichen Familie kann uns keine Antwort mehr auf die Fragen geben, die sich uns heute aufdrängen. Wir müssen uns der Frage stellen, was „Familie“ leisten kann, worin ihr Wert besteht und – vielleicht noch wichtiger – wo sie mit Erwartungen und Bedeutung überfrachtet wird, was sie überlastet und zum Scheitern bringt.

Wenn wir kritisch zu fragen beginnen, was es mit der „Familie“ auf sich hat, dann stellen wir fest, dass, was uns als die natürliche Familie erschienen ist, ein kulturelles / gesellschaftliches Produkt war, das nur deswegen eine Selbstverständlichkeit beanspruchen konnte, weil es als „natürlich“ ausgegeben wurde und als Norm galt. So ist meine Kindheit und Jugendzeit noch ganz unter dem Diktat der nationalsozialistischen Familiennorm verlaufen. Eine Mischung aus traditionell religiösen und völkischen Konzepten. Ich vermute, dass wir zu dieser Thematik einiges hören werden.

Nun möchte ich auf den ersten Teil unseres Titels kurz eingehen „Sehnsucht Familie“. Die Familie als natürliches Gebilde kann keine normative Geltung mehr beanspruchen, scheinbar sind unendlich viele Formen des Zusammenlebens möglich. Mit einem verbreiteten Wort auch in Familiendingen gesagt: „Anything goes“. Damit meint man das Motto, den Kampfruf der Postmoderne. Nach dem Ende der großen Erzählung „natürliche“ Familie geht alles, ist alles erlaubt, weil alles möglich ist und es keine Instanz mehr gibt, die über richtig und falsch entscheiden darf.

Hier ist Vorsicht geboten und es ist nötig, sich genauer damit zu befassen, was mit „Anything goes“ eigentlich verbunden ist. Wenn wir genauer hinsehen, stellen wir fest, dass „Anything goes“  nicht völlige Beliebigkeit sondern nur Aufhebung von ungerechtfertigtem Zwang bedeutete.

Dazu eine kleine Fallvignette, weil Sie als Psychotherapeuten es gewohnt sind, in Lebensgeschichten zu denken. Ich kann diesen Fall verwenden, weil er nicht aus dem klinischen Kontext stammt, sondern nur publiziertes Material verwendet. Wegen der fast an Schamlosigkeit grenzenden Offenheit des Autors könnte man meinen es stamme ungefiltert aus einer Behandlungsbeziehung.

Eigentlich ist „Anything goes“ eine intellektuelle Provokation in einem tragischen Kontext. Es ist ein Zitat, das aus einer Arbeit des Wissenschaftsphilosophen Paul Feyerabend stammt.

Paul Feyerabend wurde in Wien geboren. Sein Mutter war schwer depressiv, in seiner flapsigen Art schrieb er später, dass er sie als kleines Kind öfter davon abgehalten habe, aus dem Fenster zu springen; das habe sie erst dann erfolgreich getan, als er nicht mehr auf sie aufpassen konnte. Mit seinem Vater wie mit allen Autoritäten hatte er zeit seines Lebens große Probleme. Er war ein hochbegabtes Kind, das die Schule ohne Mühe absolvierte.

Als junger Mann trat er freiwillig in die deutsche Wehrmacht ein und wurde aus Leichtsinn schwer verwundet, weil er einmal, wie er schrieb, den Helden spielen wollte. Er bekam einen Schuss in den Unterleib, der zu einer Gehstörung führte, die er elegant überspielte – er soll ein begnadeter und charmanter Tänzer gewesen sein. Durch die Schussverletzung wurde er aber auch impotent, was ihn nicht daran hinderte, viele Liebschaften zu haben und mehrfach zu heiraten.

Nach dem Krieg wurde er wider Willen Wissenschaftsphilosoph im Kreis von Karl Popper. Wider Willen, weil er zu Ludwig Wittgenstein wollte, der aber plötzlich verstorben war. Als Wissenschaftler beschäftigte er sich mit der Geschichte wissenschaftlicher Theorien. Das Ergebnis seiner Nachforschung war, dass der Fortschritt der Wissenschaft nicht logisch sei und keiner erkennbaren Regel folgt: Anything goes. Es gibt in der Geschichte bei genauem Hinsehen keine große Erzählung vom wissenschaftlichen Fortschritt, keine Logik der Erkenntnis. Sein Befund: die Geschichte hat keine Regel und die Erkenntnis folgt keiner Logik.

„Anything goes“ ist nach Feyerabend der „erschreckte Ausruf“ von jemandem, der Ordnung zu finden sucht, aber seine Befunde anerkennt und sie nicht wegredet. Zusammen mit seinem Freund Imre Lakatos plante Feyerabend ein Buch über die Ergebnisse seiner Forschung zu schreiben. Lakatos sollte den Gegenpart übernehmen. Imre Lakatos starb aber vor der Fertigstellung des Buches und so blieb das Wort „Anything goes“, das als Provokation und Auftakt für Lakatos gedacht war, ohne Gegenrede.

Anschließend wurde „Anything goes“ zu Feyerabends Motto erklärt. Tatsächlich hat sich aber Paul Feyerabend mehrfach dagegen verwahrt, dass er als Theoretiker des „Anything goes“, das heißt einer postmodernen Beliebigkeit bezeichnet wurde. Wegen seiner antiautoritären und unsteten Art, nahm ihm das aber niemand ab. Er galt als Clown der Wissenschaftsphilosophen, Dadaist und Dali der Philosophie.

Zeitlebens hatte dieser scheinbar fröhliche Chaot mit schweren Depressionen zu kämpfen, die es ihm fast unmöglich machten, seinen vielfältigen Lehrverpflichtungen nachzugehen. Er hatte zur gleichen Zeit Lehrverpflichtungen in Auckland, Neuseeland, Berkeley, USA und in Kassel. Also war er scheinbar selbst ein Beispiel, das alles möglich sei: also doch Anything goes als Lebensprinzip.

Mit fast 60 Jahren lernte Paul Feyerabend seine vierte Frau kennen, die ein Kind mit ihm haben wollte, was er zuerst weit von sich wies. Er heiratete sie mit 65 und begann „wie sie zu fühlen“ und wollte trotz innerem Zwiespalt ein Kind mit ihr bekommen. Mehrere Jahre versuchten die beiden, ihre Sehnsucht nach einem Kind und d.h. nach einer richtigen Familie zu stillen. Sie nahmen dazu die Hilfe von medizinischen Experten in Anspruch, es gelang nicht. Schließlich wurde bei Paul Feyerabend ein inoperabler Gehirntumor, d.h. ein Krebsgeschwulst am Ort seines wilden und freien Denkens, festgestellt. Die Versuche, ein Kind zu zeugen, wurden trotz fortschreitender Krankheit von dem Paar fortgesetzt.

Paul Feyerabend konnte die Sehnsucht nach einer Familie nicht stillen. Er starb kinderlos. Er konnte den Wunsch seiner Frau, der zu seinem eigenen geworden war, nicht mehr erfüllen.

Es geht eben doch nicht alles, kann man aus seiner Lebensgeschichte folgern. Die scheinbar fröhliche Beliebigkeit hat in seiner Lebensgeschichte eine fast tragisch-traurige Schattenseite. Seine Leichtfüßigkeit war wohl eher ein verzweifelter Versuch, vom depressiven Boden seiner Geschichte loszukommen. Das ist eine postmoderne Familiengeschichte, die uns beschäftigen sollte.

Diese Lebensgeschichte stellt viele Fragen, denen wir uns heute und morgen stellen wollen.

Welchen Ort hat Familie in unserer kulturellen Situation, in der scheinbar alles möglich ist?

Ist Familie nur eine voraufklärerische Fantasie?

Ist die „natürliche Familie“ nur der lange Schatten des Nationalsozialismus, aus dem wir endlich heraustreten sollten?

Welchen Wert hat „natürliche Familie“ und wie ist sie zu verteidigen, nur traditionalistisch?

Ist die unverkennbare Sehnsucht nach einer einfachen überschaubaren Ordnung des Lebens nur ein anachronistischer kindlicher Traum, aus dem wir endlich aufwachen müssen?

Gibt es überhaupt noch so etwas wie einen natürlichen Lebensverlauf und eine natürliche Familie oder ist alles machbar?

Ohne kulturelle Reflektion werden wir diese Fragen, die in unserer alltäglichen psychotherapeutischen Arbeit immer gestellt werden und die unsere Stellungnahme erfordern, niemals mehr beantworten können.