Begrüßung Jürgen Hardt zur gemeinsamen Fachtagung der LÄK Hessen und LPPKJP Hessen – „Stiefkinder der psychotherapeutischen Versorgung“ - Psychotherapeutenkammer Hessen

Jürgen Hardt
Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen

Begrüßung zur gemeinsamen Fachtagung der LÄK Hessen und LPPKJP Hessen – „Stiefkinder der psychotherapeutischen Versorgung“ am 18./19. Juni 2010

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste,

ich begrüße Sie im Namen der Landeskammer für psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten herzlich zu der heutigen Veranstaltung, die von der Landesärztekammer und von uns getragen wird. Sie ist vom Gemeinsamen Beirat der beiden Kammern organisiert worden, der damit in hervorragender Weise seine Aufgabe erfüllt, die ihm von Gesetzgeber aufgetragen worden ist – ich zitiere aus dem Hessischen Heilberufsgesetz: § 2 Abs 4:

Die Landesärztekammer und die Landeskammer für Psychologische Psychotherapeuten und für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bilden zur gemeinsamen Erörterung von die Ausübung der Psychotherapie betreffenden Fragen…. einen Beirat.

Zuerst möchte ich mich bei den Mitgliedern des gemeinsamen Beirates für die Thematik bedanken, die sie für diese Veranstaltung in den Blick gerückt haben: „Stiefkinder der psychotherapeutischen Versorgung“.

Dieser Titel ist auf Kritik gestoßen, wurde doch vermutet, dass wir damit Vorurteile bedienen oder gar schüren, die mit Stiefbeziehungen allgemein verbunden werden und die Stieffamilien, Stiefeltern, Stiefkinder im familiären Kontext sehr belasten. Gegen einen solchen undifferenzierten, vorurteilsvollen Gebrauch des Titels wenden wir uns. Wir haben diesen Titel gewählt, weil der Begriff „Stiefkinder“ allgemein mit Vernachlässigung assoziiert wird – und es geht in der heute und morgen stattfindenden Veranstaltung tatsächlich um Vernachlässigung, um vernachlässigte Patientengruppen, was die psychotherapeutische Versorgung angeht. Natürlich wissen wir, dass Kinder getrennt lebender oder geschiedener Eltern, die in neuen Familienkonstellationen leben – was ja ursprünglich unter Stiefkindern verstanden wurde – sich heutzutage im Großen und Ganzen hinsichtlich ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit nicht von Kindern aus sogenannt natürlichen, biologischen Zwei-Eltern-Familien unterscheiden.

Mit Kindern in neuen Familienstrukturen ist notwendiger Weise Annehmen und Aufnehmen neuer Beziehungen nach Zurücklassen und Aufgeben alter Beziehungsstrukturen verbunden.

Mit dieser Problematik des Aufgebens und wieder Annehmens, des Zurücklassens und wieder Aufnehmens von leidenden Menschen, die der Psychotherapie bedürfen und keine bekommen, wollen wir uns in dieser Tagung beschäftigen. Dass wir den Titel „Stiefkinder“ gewählt haben, soll also nicht ausgrenzen und abwerten, sondern im Gegenteil betonen, dass wir uns diesen Patienten verpflichtet fühlen und ihnen verbunden sind, dass wir uns ihrer annehmen sollten und dazu bereit sind.

Meine Damen und Herren, bitte erlauben Sie mir eine persönliche Bemerkung zum Thema, die ich auch im Namen meiner Frau, einer Ärztin, Psychiaterin und Psychoanalytikerin machen kann und mit ihr besprochen habe.

Wir haben Anfang der 70er-Jahre gemeinsam in einer sich im Umbruch befindenden Psychiatrie gearbeitet und an der sozialpsychiatrischen Reformbewegung teilgenommen. Unser Anliegen war es – auch und gerade – in der akutpsychiatrischen Versorgung psychotherapeutische Sichtweisen einzuführen. Etwas später bekam ich von der Leitung des Krankenhauses die Gelegenheit, eine psychotherapeutische Modellstation für Langzeit-Psychosekranke aufzubauen und durfte diese Station unter der Schirmherrschaft des ärztlichen Direktors leiten.

Als wir schließlich das Krankenhaus verließen, um gemeinsam eine psychotherapeutisch- psychoanalytische Praxis zu gründen, hatten wir vor, weiterhin psychiatrische Patienten (Psychotische und Borderlinepatienten) psychotherapeutisch ambulant zu behandeln. Das gelang auch, allerdings nicht in dem Maße, wie wir das uns gewünscht hatten.

Ich hatte – als Psychologe mit psychoanalytischer Ausbildung – mehrere psychiatrische Patienten über den Zeitraum von mehreren Jahren in Behandlung. Die Kostenträger hatten gegen eine Behandlung durch mich keinerlei Einwände, weil die Behandlung meist auf Zuweisung und in Absprache mit einer Universitätspsychiatrie erfolgte. Gelegentliche Nachfragen bezüglich der weiteren Behandlungsnotwendigkeit waren schnell erledigt, entweder mit Verweis auf die Klinik und deren Befürwortung oder einer vertrauensärztlichen Stellungnahme. Das waren zum Teil langjährige Behandlungsprozesse mit oft gutem Erfolg, gut zumindest insofern, weil weitere Verschlechterungen ausblieben, was ohne Behandlung eher zu erwarten gewesen wäre, soziale und auch berufliche Integration verbessert oder überhaupt erst möglich wurde und Klinikaufenthalte vermieden oder verkürzt werden konnten.

Im Laufe der Zeit wurde es allerdings schwieriger, solche Behandlungen durchzuführen. Die Kostenträger waren nicht mehr bereit, lange Behandlungsprozesse zu finanzieren oder sie verwiesen auf die psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten, die meine Frau zwar wahrnehmen konnte, die mir aber verschlossen waren. So entwickelte sich unsere Praxis mehr und mehr in eine Richtung, die wir eigentlich nicht vorgesehen hatten: wir behandelten in der Mehrzahl gut integrierte, meist akademisch gebildete und beruflich oft erfolgreiche neurotische Patienten, die allerdings nicht aus Luxus Behandlung suchen, sondern weil sie leiden und ohne Hilfe nicht genesen können

Mit der genaueren Auslegung der Psychotherapierichtlinien durch die Kostenträger war die psychotherapeutisch-ambulante Langzeitpsychotherapie für Psychosekranke zumindest innerhalb der gesetzlichen Krankenversorgung kaum noch möglich. (Die psychiatrischen Ziffern erlauben zwar eingeschränkte Kontakte, die natürlich hilfreich sind, aber sie gestatten keine aufwändige Psychotherapie, die oft notwendig wäre).

Aber es waren nicht nur äußere Gründe, die dazu führten, dass die Behandlung von psychiatrischen Patienten in unserer Praxis immer seltener wurde. Es gab auch Gründe, die mit einer psychotherapeutischen Praxis verbunden sind. Psychotische Patienten sind sperrig gegenüber dem psychotherapeutischen Normalbetrieb. Sie bringen meist nicht die erforderliche Ich-Stärke auf, die vom Praxisbetrieb verlangt werden muss. Sie können oft den Aufschub bis zum nächsten vereinbarten Termin nicht leisten und sind auf die vorgemerkten Termine schwer zu beschränken…. Sie werden das alle kennen, wenn Sie jemals in diesem Bereich gearbeitet haben.

Was wäre damals eine Lösung gewesen? Wir planten, bei Gründung der Praxis eine offene Sprechzeit einzurichten und wollten im engen Kontakt mit Beratungsstellen, die in der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft eingerichtet worden oder zumindest vorgesehen waren, arbeiten. Aber das zu leisten, was heute Vernetzung genannt wird, gelang nur zum Teil. Denn es stellte sich bald heraus, dass nicht nur die Praxiszwänge der Kooperation Grenzen setzen, sondern dass auch sozialpsychiatrische Einrichtungen nur eingeschränkte Kapazitäten zur Kooperation mit einer normalen Kassenpraxis zur Verfügung haben.

In diesem Zusammenhang gilt es einen weiteren der psychotherapeutischen Praxis intrinsischen Grund, der die Kooperation behindert, zu beachten: Psychotherapie braucht immer absolute Vertraulichkeit, was man im englischen „privacy“, also Privatheit, nennt. Privatheit in diesem Sinne isoliert den Ort der Psychotherapie, d.h. rückt die Praxis aus dem gesellschaftlichen Kontext heraus. Sie steht also einer Vernetzung, die leichtere Durchlässigkeit bewirken soll, entgegen. Dis absolute Vertraulichkeit setzt der Kooperation Grenzen, die beachtet werden müssen und deren Überschreitung genaues Bedenken bedarf.

Wir werden, so bin ich mir sicher, in der folgenden Tagung mit dem Spannungsfeld Privatheit versus Vernetzung, sowie den Möglichkeiten und den Schwierigkeiten der Kooperation sehr viel zu tun haben. Denn alle von uns zurückgelassenen, nicht wieder angenommenen oder abgegebenen Patienten konfrontieren uns damit, die Grenzen psychotherapeutischer Praxis und ihre Privatheit zu wahren und zugleich kollegiale Kooperationen aufzusuchen und einzugehen, soweit das möglich ist. Darüber hinaus müssen wir uns fragen, ob die Regularien der Richtlinien-Psychotherapie, die der ambulanten Praxis eine gewisse Stabilität geben, für manche Patientengruppen nicht zu starr und damit zu wenig „anschlussfähig“ an diese sind, sie also zu Stiefkindern machen.

Erst wenn wir diese Problem fachlich gelöst haben, können wir uns mit dem Anliegen an die Kostenträger wenden, die Behandlung von psychotherapeutischen Stiefkindern so auszustatten, dass die notwendigen Kooperationen eingegangen und mitgetragen werden können.

Ich danke Ihnen und wünsche Ihnen einen anregenden Tagungsverlauf.

Am Ende der Tagung schließt sich der Kreis. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion betonen die Notwendigkeit der Vernetzung, die bisher lediglich mithilfe von Appellen und Finanzierungsmodellen erreicht werden soll. Dem stehen aber nur begrenzte Mittel zur Kooperation zur Verfügung. So macht sich eine Ratlosigkeit breit. Eine Rückbesinnung auf die Anfänge der Sozialpsychiatrie und die sie tragenden Konzepte eröffnet einen Weg. Psychosoziale Arbeitsgemeinschaften stellten Vernetzungen in der Gesellschaft her, sie waren getragen vom Gedanken der „Solidarität“, die für H.-E. Richter oberstes Lernziel der Gesellschaft sein sollte.

Als Vorbild galt den neuen Initiativen das 13. Arrondissement in Paris, das eine ethische Basierung in der französisch katholischen Soziallehre hatte, also auf christlichen Werten beruhte. Diese Initiativen haben aber ihren Schwung verloren, weil einerseits die Eigenlogik – der Eigensinn – von beteiligten Institutionen sich durchgesetzt hat, weil aber andrerseits der Gedanke der Solidarität aus der Gesundheitswirtschaft verdrängt worden ist.

Hier ist die politische Öffentlichkeit gefordert: Krankenbehandlung kann nur als Gemeinschaftsaufgabe gelingen und der verschärfte Wettbewerb unter den „Anbietern“ macht vertrauensvolle Kooperation dysfunktional und unmöglich.