Bericht 2. Hessischer PiA-Tag - Psychotherapeutenkammer Hessen

Bericht zum 2. Hessischer PiA-Tag 18.09.09, 14.00-18.30 Uhr

Am 18. 09. 09 fand als Vorveranstaltung zum 5. Hessischen Psychotherapeutentag der mit rund 55 TeilnehmerInnen gut besuchte 2. PiA-Tag der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP Hessen) in den Räumen der Fachhochschule Frankfurt statt. Der PiA-Tag war mit seinen Themenschwerpunkten  „Aus- und Weiterbildung – Berufswege“ und „Aktuelle Entwicklungen“ gemeinsam vom Vorstand und den hessischen PiA-LandessprecherInnen vorbereitet worden. Ziel war es, die Folgen der aktuellen berufs- und sozialpolitischen Entwicklungen für eine Veränderung des beruflichen Selbstverständnisses von Psychotherapeuten zu untersuchen. Erstaunlich und erfreulich war zudem die hohe Zahl an bereits approbierten oder in den Ausbildungsinstituten lehrenden Kolleginnen und Kollegen, die sich aufgrund der Themenstellung zu einer Teilnahme am PiA-Tag entschlossen hatten.

Der Präsident der LPPKJP Hessen, Jürgen Hardt, wies in seiner Begrüßungsrede am Beispiel der Psychotherapieausbildung darauf hin, dass die ökonomische und Rechtssicherheit schaffende Integration der Psychotherapie in das GKV-System durch das Psychotherapeutengesetz auch mit bestimmten „Kosten“ verbunden war. Zeichnete sich in früheren Jahren die Ausbildung etwa durch große Freiräume und Selbstverantwortung hinsichtlich fachlich-inhaltlicher Gestaltung aus, so erscheine sie heutzutage als in fast sämtlichen Aspekten hoch formalisiert und auch normiert. Hardt äußerte seine Besorgnis darüber, dass in der zunehmend rationalisierten Praxis und einer „qualitätsgesicherten, effizienten und kostengünstigen“ Ausbildung ein basaler Movens für die Berufswahl zum Psychotherapeuten verloren gehen könne, nämlich das Interesse am ganzen Menschen, daran wie Menschen leben und wie sie mit dem Leben und den damit verbundenen Aufgaben in ihrer Welt zurechtkommen. Er erinnerte daran, dass der Weg in die Psychotherapie immer ein ganzheitlicher Bildungsprozess und ein Prozess der persönlichen Veränderung sei – und das sei viel mehr als eine Ausbildung in einer bestimmten Psycho-Technik. Dieser Bildungsprozess ende zudem nicht mit Abschluss der PT-Ausbildung, sondern setze sich über den gesamten Zeitraum der Berufstätigkeit fort – und sei der eigentliche, nicht mit Geld aufzuwiegende  „Gewinn“ der psychotherapeutischen Tätigkeit.

Susanne Walz-Pawlita
, Mitglied im Vorstand der Psychotherapeutenkammer Hessen und verantwortlich dort für den PiA-Bereich, präsentierte in ihrem Vortrag wesentliche Befunde aus dem im Auftrag des BMG erstellten Forschungsgutachtens zur Ausbildung von Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Ein Schwerpunkt lag auf den Empfehlungen der Gutachtergruppe und den damit verbundenen antizipierten Veränderungen für die Psychotherapieausbildung. Die von Walz-Pawlita dargestellten und auch kritisch beleuchteten Empfehlungen des Forschungsgutachtens bezogen sich auf die Themenbereiche „Zugangsvoraussetzungen“, „Verfahrensorientierung“, „Definition Heilkundliche Psychotherapie“, „Medizinorientierung“, „Kostenregelung“ und „Veränderungen im Umfang von Ausbildungsbausteinen“. In der anschließenden Diskussion wurde die Stärkung der Verfahrensorientierung durch das Forschungsgutachten allgemein begrüßt. Kritische Fragen gab es zu den empfohlenen Veränderungen des Stundenumfangs einzelner Ausbildungsbausteine, wie etwa „Supervision“ und „Selbsterfahrung“. Auch wurde die unzureichende Honorierung der praktischen Tätigkeit im Rahmen der PT-Ausbildung angesprochen. Frau Walz-Pawlita hat in diesem Zusammenhang nochmals auf die verschiedenen Initiativen der Kammer hingewiesen, dies zu ändern (zuletzt etwa im Kontext der Novellierung des Krankenhausfinanzierungsgesetzes) – die aber bisher leider erfolglos geblieben sind. Auch das im Forschungsgutachten vorgeschlagene sog. „Meister-BAFÖG“ scheint keine angemessene Lösung hierfür darzustellen.

Hans Uwe Rose, Vorsitzender des Ausschusses „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ der Psychotherapeutenkammer Hessen, beschäftigte sich in seinem Beitrag mit den gegenwärtigen berufs- und sozialrechtlichen Möglichkeiten der therapeutischen Fort- und Weiterbildung nach der PT-Ausbildung. Hierzu arbeitete er die unterschiedliche berufs- und sozialrechtliche Relevanz jeweils von Fortbildung und Weiterbildung illustrativ heraus. Zudem formulierte er zukünftig zu klärende Fragen für den aktuell wohl bedeutsamsten und am kontroversesten diskutierten Bereich, nämlich jenen der sozialrechtlich relevanten Weiterbildung:

  •    Für welche Bereiche, Verfahren, Inhalte benötigt der Berufsstand Weiterbildungen?
  •    Welche Implikationen ergeben sich aus einer möglichen Novellierung des Psychotherapeutengesetzes in Folge des Forschungsgutachtens für die berufsrechtlich relevante Weiterbildung?
  •    Wie lassen sich diese Entwicklungen progressiv – und ggf. über die Etablierung von Weiterbildungsgängen – für den Berufsstand nutzen?

Nachfragen in der Diskussion bezogen sich vor allem auf die Vertiefung einzelner Aspekte des sehr informativen Vortrags.

Thomas Merz
, zuständiges Vorstandsmitglied für den Ausschuss „Psychotherapie in Institutionen“, beleuchtete in seinem lebendigen Vortrag Berufsfelder jenseits der Niederlassung. Hierzu seien etwa zu zählen: Psychosomatische Reha-Kliniken, Fachkliniken für Essgestörte, somatische oder onkologische Kliniken, Akutkrankenhäuser, psychiatrische Kliniken und deren Ambulanzen, Beratungsstellen (überwiegend Erziehungs- und Familienberatungsstellen), aber auch Suchtberatungsstellen, Psychosoziale- Kontakt- und Beratungsstellen für chronisch psychisch Kranke, Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch, Opferberatungsstellen, Massregel- oder Strafvollzug, die stationären Einrichtungen der Jugendhilfe (wie therapeutische Wohngruppen, Intensivbetreutes Wohnen, Kinder- und Jugendheime). Ca. 45% der Hessischen .Kammermitglieder arbeiten teilzeit oder vollzeit in einer Institution. Merz stellte zudem die Besonderheiten und Vorzüge der psychotherapeutischen Arbeit in Institutionen, wie etwa Multiprofessionalität oder die Mitwirkung an der Entwicklung neuer psychotherapeutischer Konzepte im stationären Kontext. Resümierend äußerte er, dass institutionelle Arbeit auch bedeute, sich in vielen Bereichen etwa auch berufspolitisch einzumischen und dafür zu sorgen, dass die Rahmenbedingungen für psychotherapeutisches Arbeiten stimmen.

Dr. Ulrich Müller
, Mitglied des Vorstands der Psychotherapeutenkammer Hessen, referierte zu neuen Entwicklungen des Kollektivvertragssystems und deren Folgen für die Psychotherapie. Das Kollektivvertragsystem sei eine hart erkämpfte Errungenschaft der Solidargemeinschaft. Gerade deshalb sei dessen langsames „Aufweichen“ durch Selektivvertragsmomente hoch problematisch, da strukturelle Zerstörungen des Kollektivvertragssystems irreversibel und nicht mehr zurück zu holen seien. So sei etwa zu befürchten, dass im Zusammenhang mit Selektivvertragsverhandlungen es für den Zusammenhalt des Berufsstands nachteilige Kämpfe zwischen verschiedenen psychotherapeutischen Gruppen um „Marktanteile“ geben könne. In der anschließenden Diskussion wurde angemerkt, dass auch durchaus positive Aspekte an Selektivverträgen erkennbar seien. Es wurde zudem der Sorge Ausdruck verliehen, dass der Schutz für die psychotherapeutische Tätigkeit, die das Kollektivvertragsystem bietet, in Zukunft wegfallen könnte.

Den abschließenden Teil zur Reflexion der Folgen für das Selbstverständnis der PsychotherapeutInnen gestalteten die Hessischen PiA-Sprecher Jona Iffland, Stuart Massey Skatulla und Sabine Wald in Gruppenarbeit. Dabei wurden verschiedene Aspekte des Themas für Kleingruppendiskussionen vorgegeben:

  •    Schulenkämpfe: Bedeutung der Schulenkämpfe für uns?
  •    Sozial-moralischer Vertrag: Welchen gesellschaftlichen Auftrag wollen wir umsetzten?
  •    Individualität:  Familie/ Individualität/ Ausbildung – Welche Entwicklungen sehen wir?
  •    Identität: Wie verändert sich in der Ausbildung meine Identität?
  •    Vision: Professionelle Identität im Europäischen Kontext.
  •    Menschenbild/ Haltung/ Werte: Welche therapeutische Haltung, Menschenbilder, Werte wollen wir entwickeln?

Trotz mittlerweile deutlich geschrumpfter TeilnehmerInnenzahl machte die Darstellung der Kleingruppendiskussionen deutlich, dass Fragen der Verfahrensorientierung oder „Schulenkämpfe“ in der Wahrnehmung der PiA heute weniger Relevanz besitzen, als dies älteren Berufskollegen annehmen. Ebenso wurde das Interesse an der Entwicklung der psychotherapeutischen Profession unter europäischer Perspektive geäußert. Interessante Fragen entwickelten sich zu den Themen: Menschenbilder, Haltung, therapeutische Identität. Hier wurde verfahrensübergreifend deutlich, welch großen Einfluss die Ausbildung und die prägenden Lehrer auf die Entwicklung der therapeutischen Haltung und einer beruflichen Identität nehmen. Ebenso wie eng doch höchst persönliche Selbst-Erfahrungen Einfluss auf die Gestaltung und den Weg der Ausbildung nehmen können.

Der PiA-Tag wurde von den TeilnehmerInnen insgesamt sehr positiv bewertet, da anschaulich und differenziert über neue relevante berufs- und sozialpolitische Entwicklungen informiert wurde. Als besonders positiv wurde zudem die von den Hessischen PiA-Vertretern initiierte interaktive Kleingruppenarbeit angesehen.

Durch das dichte Programm konnten allerdings einige wichtige Fragen und Themen nicht ausreichend diskutiert werden, so dass in einer ersten Bilanz der PiA-Tag in Zukunft wieder ganztätig erfolgen sollte.

SWP/MO