Bericht 5. HPT - Psychotherapeutenkammer Hessen

5. Hessischer Psychotherapeutentag

beschäftigt sich mit „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“

Am 18./19.09.09 fand in den Räumen der Fachhochschule Frankfurt mit rund 300 TeilnehmerInnen der 5. Hessische Psychotherapeutentag unter dem Motto „Sehnsucht Familie in der Postmoderne“ statt.

Freitagabend

Das Ende der „großen Erzählung“ von der natürlichen Familie

In seinen Eröffnungs- und Begrüßungsworten am Freitagabend verdeutlichte der Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP Hessen), Jürgen Hardt, dass unter den Bedingungen der Postmoderne die „große Erzählung“ von der natürlichen Familie keine Verbindlichkeit mehr beanspruchen könne. Gleichzeitig sei aber die mythische Sehnsucht nach einer solchen Idealfamilie weiterhin in den Herzen der postmodernen Menschen tief verwurzelt. Um sich von dieser ein Stück weit distanzieren zu können und Chancen und Herausforderungen der heute vielfältigen Familienformen wahrnehmen zu können, sei es nötig, aus dem immer noch langen Schatten des Nationalsozialismus und mancher kirchlicher Strömungen herauszutreten. Hardt forderte im Kontext von Psychotherapie Fragen zu reflektieren: Welchen Ort hat Familie in unserer kulturellen Situation, in der scheinbar alles möglich ist? Ist Familie nur eine vor-aufklärerische Fantasie? Ist die „natürliche Familie“ nur eine Ideologie oder entspricht sie Lebenstatsachen? Welchen Wert hat „natürliche Familie“ noch und wie ist sie zu verteidigen? Ist die Sehnsucht nach einer einfachen Ordnung des Lebens nur ein anachronistischer kindlicher Traum, aus dem wir endlich aufwachen müssen? Gibt es überhaupt noch so etwas wie den natürlichen Lebensverlauf? Hardt verdeutlichte die aktuelle Problematik an der Familiengeschichte eines Protagonisten der Postmoderne, Paul Feyerabend. Er resümierte, dass ohne kulturelle Reflektion diese Fragen, die in der alltäglichen psychotherapeutischen Arbeit immer wieder gestellt werden, nicht mehr beantwortet werden können.

Staatsminister Jürgen Banzer, Hessisches Ministerium für Arbeit, Familie und Gesundheit, stellte in seinen Grußworten die gute Zusammenarbeit des Ministeriums mit der Kammer seit deren Errichtung heraus und wünschte explizit, dass diese gute Zusammenarbeit Bestand haben werde. Insgesamt betonte er die Notwendigkeit eines „ganzheitlichen Ansatzes“ in der Medizin. Dabei müsse die psychische Dimension von Krankheit mehr Berücksichtigung finden. Aus diesem Grund habe er sich dafür eingesetzt, dass „Psychiatrien“ nicht mehr „auf der grünen Wiese“ angesiedelt seien, sondern mehr noch als bisher zu einem integrierten Teil der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung vor Ort werde. Außerdem wies er auf die gesundheitliche Bedeutung von gesellschaftlichen Strukturen, wie auch der Familie hin.

Dr. Detlev Buchholz, begrüßte als Präsident der Fachhochschule Frankfurt und Hausherr die hessische Psychotherapeutenkammer und bescheinigte der Veranstaltung hohe Aktualität. Er erinnerte zudem an die gute Zusammenarbeit der Psychotherapeutenkammer mit der Fachhochschule anlässlich früherer Psychotherapeutentage und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass auch zukünftig die Fachhochschule Veranstaltungsort für Psychotherapeutentage werde.

Martin Richardt
von der LAG Erziehungsberatung Hessen knüpfte in seinen Begrüßungsworten dankend an die Resolution der Psychotherapeutenkammer Hessen zur Streichung von finanziellen Landesmitteln für Erziehungsberatungsstellen an. Zudem begrüßte er den Vorschlag aus dem Forschungsgutachten zur Novellierung des Psychotherapeutengesetzes, auch Erziehungsberatungsstellen als Kooperationspartner der Ausbildungsinstitute für die praktische Tätigkeit einzubinden. Des Weiteren betonte er die unverzichtbare Kompetenz von PP´s/KJP´s im multiprofessionellen Team von Erziehungsberatungsstellen.

Romantisierung von Kindern und Quasi-Professionalisierung von Elternschaft


Marion Schwarz
, Vorstand der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP Hessen), stellte den Referenten des Festvortrags, Prof. Norbert Schneider, Leiter der Abteilung „Soziologie der Familie und der privaten Lebensführung“ im Institut für Soziologie an der Universität Mainz und Leiter des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, vor. Schneider befasste sich in seinem exzellenten Vortrag mit der gegenwärtigen Situation von Eltern und Elternschaft in Deutschland, mit der Frage, wie das Kindeswohl gefördert werden kann, sowie mit der Konturierung einer nachhaltigen Familienpolitik. Seine zentrale These lautete, dass Elternschaft in den letzten Jahrzehnten voraussetzungsvoller geworden ist und sich zu einer zunehmend schwieriger zu bewältigenden Gestaltungsaufgabe entwickelt hat. Er identifizierte verschiedene Tendenzen dieses Wandels, wie etwa, dass Elternschaft von immer mehr Menschen lediglich als eine unter vielen Lebensgestaltungsoptionen angesehen werden, dass eine Quasi-Professionalisierung und Pädagogisierung von Elternschaft stattgefunden hat oder dass Kinder und Kindheit zunehmend romantisiert worden sind und weiterhin werden. Schneider setzte dem sympathisch entgegen, dass Kinder aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet einfach auch Chaoten und Rebellen seien, denen man sich als Eltern entgegenstellen müsse und die begrenzt werden müssten. Sehr kritisch äußerte er sich zu den familienpolitischen Anstrengungen in Deutschland der letzten Jahrzehnte, die aufgrund fehlender gesellschaftspolitischer Zielbestimmungen wenig bis keine Wirkung entfaltet habe. So sei etwa der privilegierte Schutz der Institution Ehe mit moderner Familienpolitik nicht vereinbar. Zudem betonte er, dass konzertierte Anstrengungen, um Familienpolitik bedeutsam voranzubringen, nur möglich seien, wenn sich die Wirtschaft, etwa auf regionalen Ebenen, substantiell daran beteilige.

Samstagvormittag

Hans Bauer, Vizepräsident der Psychotherapeutenkammer Hessen (LPPKJP Hessen) führte in den Samstag ein. Er lud in seinen Einführungsworten zu einer kleinen etymologischen und historischen Exkursion zum Thema „Familie“ ein und deutete die Vielfalt der Entwicklung familientherapeutischer Ansätze und Schulen an. Ausdrücklich würdigte er den Beitrag des Giessener Psychoanalytiker und Familientherapeuten Horst Eberhard Richter zur Etablierung und Entfaltung von Familientherapie in Deutschland.

Eine Grunderfahrung der Postmoderne: Das Scheitern an Mythos der Idealfamilie und der romantischen Liebe

Die beiden Hauptvorträge des Vormittags wurden mit Witz und Souveränität von Prof. Fritz Mattejat moderiert und eingeführt. Der erste Hauptreferent Prof. Reinhard Sieder, außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, näherte sich in seinem mit viel Lob und Interesse bedachten Vortrag den Zusammenhängen zwischen den Bestimmungsmomenten Familienmythos, Liebe und Postmoderne an. Er zeichnete zunächst nach, wie das Ideal der romantischen Liebe und damit assoziiert der Idealfamilie, ideengeschichtlich und familiensoziologisch entstand. Dann entwickelte er seine Hypothese, dass dieser Familienmythos bis heute eine betörende Wirkung auf Menschen unseres Kulturkreises entfalte, indem er etwas verspricht, nämlich immerwährendes Glück und Stabilität, das er – wie das Mythen in der Regel so an sich haben – nicht halten kann. Diese Erfahrung des Scheiterns am Mythos der Idealfamilie und der romantischen Liebe sei eine Grunderfahrung des Menschen in der Postmoderne, auf die eine mögliche Antwort jene der ironischen Haltung gegenüber der (romantischen) Liebe sei. Diese ironische Haltung sei jedoch nicht zu verwechseln mit abwertenden Einstellung etwa gegenüber der aktuellen Renaissance von romantischen Liebesriten, wie beispielsweise der Hochzeit in weiß, wie Sieder in der anschließenden Diskussion erläuterte. Vielmehr sei sie eine Art Bewältigungsversuch, mit den Ambiguitäten und Ambivalenzen umzugehen, die mit der Sehnsucht nach romantischer Liebe und der heilen Familie in postmodernen Zeiten des Wissens um deren Brüchigkeit und Wirklichkeitsferne zusammenhängen.

Neue Entwicklungen innerhalb der Familientherapie

Der zweite Hauptvortragende des Vormittags Prof. Jochen Schweitzer, stellvertretender Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg sowie Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF),  referierte zu historischen, aktuellen und zukünftigen Entwicklungen von (systemischer) Familientherapie. Auch er würdigte die Pionierleistung von Horst Eberhard Richter für die Familientherapie in Deutschland, indem er auf dessen grundlegende Arbeit als leitender Arzt der Beratungs- und Forschungsstelle für seelische Störungen im Kindesalter am Kinderkrankenhaus im Berliner Arbeiterviertel Wedding in den 50iger Jahren hinwies. Schweitzer stellte zudem aktuelle Entwicklungen in der Familientherapie vor, wie aufsuchende Familientherapie (AFT), Multi-Familien-Therapie (MFT) sowie Multisystemische Therapie (MST). MST, eine Therapiemethode, die konsequent und nachhaltig das familiäre und soziale Umfeld einbezieht, habe sich etwa in einer Reihe sehr hochwertiger RCT-Studien als eine sehr effektive Behandlungsmethode bei schwerer juveniler Delinquenz herausgestellt. Abschließend äußerte er, er hoffe für die Zukunft auf durchlässigere Grenzen zwischen Erwachsenen- und Kindertherapie, Psychotherapie und  Jugendhilfe; Psychotherapie und Medizin sowie den verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren; hierzu könne systemische Familientherapie einen wichtigen Beitrag leisten. Sein mit großem Beifall bedachter Vortrag, der in wenig Zeit einen umfassenden Überblick wagte, löste allerdings auch hier und da Irritationen aus, da teilweise unklar blieb, wie etwa im ambulanten Setting der psychotherapeutischen Versorgung Familientherapie praktiziert werden solle und wie mit den vielfältigen Übertragungs-Gegenübertragungsphänomenen bei ständig wechselnden Set- und Setting-Konstellationen fachgerecht umgegangen werden kann.

Samstagnachmittag

Am Samstagnachmittag wurden fünf gut besuchte Fachforen veranstaltet, die sich mit dem Motto des Psychotherapeutentags innerhalb verschiedner Themenfelder auseinandersetzten
Im ersten Forum, das Dr. Ulrich Müller vom Vorstand der Kammer moderierte, wurde die Familie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit thematisiert. Die Berliner Soziologin Dr. Giselind Berg reflektierte aus psychodynamischer Perspektive zur Technisierung der Zeugung und Prof. Margarete Berger von der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf stellte empirische Befunden der frühen Entwicklung von sogenannten Retortenkindern im familiären Kontext vor.

Das zweite Forum (Moderation: Dr. Renate Frank von der Universität Gießen) widmete sich dem Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“. Prof. Fritz Mattejat von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Marburg erweiterte auf der Basis eigener durchgeführter Forschungsprojekte die Sichtweise auf Kinder psychisch kranker Eltern von der Risiko- hin zur Resilienzperspektive.

Prof. Albert Lenz (Fachhochschule Paderborn) stellte ein erprobtes Programm zur Psychoedukation für Kinder psychisch kranker Eltern vor. Dr. Christiane Hornstein, Psychiaterin vom Zentrum für Psychiatrie Wiesloch, berichtete – direkt aus ihrer Stationsarbeit kommend – von einer Mutter-Kind-Interaktionstherapie bei postpartalen psychischen Störungen.

In den Kontext von Multikulturalität wurde die Familie innerhalb des dritten, von Uta Cramer-Düncher (Vorstand LPPKJP Hessen) moderierte Forum gestellt. Der Ludwigsburger Pädagoge Prof. Christoph de Oliveira Käppler illustrierte den interessanten Ansatz einer transkulturellen Familienpsychologie am Beispiel von Brasilien und Deutschland.

Prof. Haci-Halil Uslucan, Hochschullehrer an der Bundeswehruniversität Hamburg, verdeutlichte auf der Basis empirischer Daten Familienbilder in türkischen Familien und bei türkischen Jugendlichen.

Im vierten Forum zum Thema „Kinder in familiengerichtlichen Verfahren“, moderiert von Marion Schwarz (Vorstand LPPKJP Hessen), referierte Prof. Maud Zitelmann, von der FH Frankfurt, zunächst zu den rechtlichen Grundlagen und erläuterte den Rechtsbegriff „Kindeswohl“. Sehr anschaulich stellte sie den Spannungsbogen zwischen Kindeswohl und Kindeswille dar. Dr. Katja Schweppe, Richterin am OLG Frankfurt, erläuterte aus ihrem Arbeitsfeld die Aufgaben des Familiengerichts und den Ablauf der familienrechtlichen Verfahren. Alfred Krieger von der Erziehungsberatungsstelle in Frankfurt-Höchst berichtete aus seiner Praxiserfahrung mit Kindern im begleiteten Umgang. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde auch die Frage der Beteiligung von Psychotherapeuten (KJP) in solchen Verfahren und die Rolle der Schweigepflicht  kritisch thematisiert.

Im von Thomas Merz (Vorstand LPPKJP Hessen) moderierten Forum „Familien in Psychotherapie – Strategien und Konzepte aus vier Blickwinkeln“ diskutierten anregend mit Impulsstatements der Giessener Psychoanalytiker Prof. Hans-Jürgen Wirth, der Osnabrücker Verhaltenstherapeut Dr. Josef Könning, die systemische Familientherapeutin Margot Spiller aus Wiesbaden und die Gesprächspsychotherapeutin Gisela Borgmann-Schäfer, die in  Mainz praktiziert.
Die Abschlussveranstaltung beinhaltete zum Ausklang eine kurze Lesung der Berliner Journalistin und Buchautorin Gerlinde Unverzagt, in der sie kurzweilig die vielfältigen familiären Konstellationen eines fiktiven Familienfests im Jahr 2020 illustrierte. Jürgen Hardt beschloss als Präsident der Kammer in Anschluss an die Lesung offiziell den auf hohem fachlich-inhaltlichem Niveau stattgefunden habenden 5. Hessischen Psychotherapeutentag.

MO