Bericht "Im Netz der 'Neuen Medien'" - Psychotherapeutenkammer Hessen

Fachtagung „Im Netz der `Neuen Medien`“

“Im Netz der `Neuen Medien`” – wie sich Identitäten, Beziehungen und psychotherapeutische Prozesse durch das Web 2.0 verändern“  war der Titel einer Fachtagung, welche die Psychotherapeutenkammer Hessen am 06.11.10 im Roncalli Haus in Wiesbaden veranstaltete. Wie schon die Vorgängertagung zum Themenkomplex  „Verloren in virtuellen Welten – Computerspielsucht im Spannungsfeld zwischen Pädagogik und Psychotherapie“ (zu der ein sich bereits in der 2. Auflage befindender Tagungsband beim Verlag Vandenhoeck & Ruprecht publiziert wurde) war die Veranstaltung mit rund 200 Teilnehmern bereits im Vorfeld komplett ausgebucht gewesen. Dies kann als Hinweis darauf gewertet werden, dass das Thema dem Berufsstand quasi unter den Nägeln brennt – worauf auch Uta Cramer-Düncher, Vorstandsmitglied und Mitinitiatorin der Veranstaltungsreihe, in ihrer Begrüßung hinwies.

In seiner Einführung ins Thema bezog sich der Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen Jürgen Hardt zunächst auf die amerikanische Soziologin Sherry Turkle, die sich in ihren Büchern „The Second Self: Computers and the Human Spirit“ und „Life on the Screen: Identity in the Age of the Internet“  u.a. mit der Frage beschäftigte, wo (im Cyberspace) der Körper endet und wo die Seele beginnt –  und ob die Seele nicht ein Teil des Körpers ist. Anschließend beleuchtete Hardt den Briefwechsel zwischen dem französischen Philosophen Rene Descartes und Prinzessin Elisabeth von Böhmen. Dieser Briefwechsel sei deshalb für das Thema der Fachtagung sehr aufschlussreich, da er zum einen eine Art historischer Vorläufer von medienvermittelter Therapie darstellt (Elisabeth sprach Descartes in ihren Briefen als „docteur de l´ame“ an); zum anderen, weil es darin um das Verhältnis von Körper und Seele und eben das Leiden an der Dissoziation von beidem geht. Descartes habe in einem Brief Elisabeth zur Frage, wie man die Einheit von Körper und Seele erfahren kann, folgendes empfohlen:  „indem man… nur das Leben und die alltäglichen Gespräche nutzt und sich des Nachdenkens … enthält, (so) lernt man die Vereinigung von Seele und Körper begreifen.“

Den ersten Vortrag, der vom Vorstandsmitglied der Kammer Dr. Ulrich Müller moderiert wurde, hielt der Mannheimer Literatur- und Medienwissenschaftler Prof. Jochen Hörisch. Er verdeutlichte, dass das Bild der Seele/das Bild des Menschen schon immer dem jeweiligen Stand der Medientechnik entsprach. Platon habe etwa schon im Theaitetos die Seele des Menschen mit einer Wachstafel verglichen, Sigmund Freud das menschlichen Gedächtnis in seiner Notiz über den ‚Wunderblock‘ von 1925 ebenfalls. Ein „neues Kapitel“ in ihrem Leben konnten Menschen erst in Folge der Erfindung des Buches als Medium „aufschlagen“, ihr Leben im Angesicht des Todes wie in Zeitlupe vorüberziehen sehen erst nach Aufkommen des Films, so Hörisch weiter. Dass die „Neuen Medien“ u.a. unser Identitätsverständnis beeinflussen, dies ist also nichts Neues. Das Neue an den „Neuen Medien“ liege eher in dem Auftun spezifischer Paradoxien im Zusammenhang mit ihnen, wie etwa das mediensoziologische Phänomen der massenhaften Individualisierung oder das geisteskulturelle Phänomen der Sinninflation durch ein Sinnüberangebot im Internet (Stichwort „transzendentale Obdachlosigkeit“).

Die folgenden beiden Beiträge, die der Offenbacher Psychotherapeut Stefan Baier aus dem Vorbereitungsteam der Veranstaltung moderierte, beschäftigten sich mit relevanten Anwendungsaspekten des Web2.0: Die Medienpädagogin Angelika Beranek aus Neu-Isenburg stellte sehr anschaulich den Aufbau, Nutzen und Risiken des sozialen Netzwerks „SchülerVZ“ vor. Die ca. 11-15jährigen Schüler würden diese Internetplattform im Rahmen bestimmter Entwicklungsaufgaben, wie Identitätsbildung (etwa Profilselbstdarstellungen) und Beziehungsmanagement mit Peers, nutzen. Gleichzeitig sei erschreckend, wie wenig die Schüler davon wissen, wer wie Einsicht in ihr Profil nehmen kann, welche technischen Einstellungsoptionen existieren und wie es mit der Datensicherheit bestellt ist. Georg Schnurer, stellvertretender Chefredakteur der renommierten Magazins für Computertechnik c’t, erläuterte u.a. am Beispiel von Facebook, wie automatisiert und für Nutzer nicht nachvollziehbar Daten – bis hinein in die persönlichen Adressbücher auf den Computern – „abgegriffen“ werden. Er formulierte deshalb den Merksatz, dass Datensicherheit im Kopf beginne.

Die beiden Hauptvorträge des Nachmittags, moderiert von Uta Cramer-Düncher, thematisierten Identitäts- und Beziehungskonzepte im Kontext des Web 2.0´s. Die Klagenfurter Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Christina Schachtner von der Alpen-Adria-Universität stellte Ergebnisse aus ihren Forschungsprojekten zu Subjektkonstruktionen und digitale Kultur vor. Ein Ergebnis sei eine qualitative Typologie des virtuellen Subjekts anhand von vier Profilen: das gestaltende Subjekt, das spielende Subjekt, das flanierende Subjekt sowie das verunsicherte Subjekt. Anhand dieser Typen veranschaulichte sie zudem Gefährdungen (wie etwa Überforderung/Erschöpfung durch ein Zuviel an Differenzen und Entscheidungsoptionen)  und Chancen (wie zum Beispiel die Integration neuer kultureller Elemente in das eigene Identitätskonzept) des Subjekts in der Virtualität des Cyberspace. Die Sozialpsychologin Prof. Nicola Döring von der TU Ilmenau in Thüringen verglich in ihrem Referat das Kanalreduktionsmodell mit dem Filtermodell der Online-Kommunikation: Ersteres besage, dass die Online- im Vergleich zur klassischen Face-to-Face-Kommunikation zu Entsinnlichung und Entemotionalisierung führt; das Filtermodell gehe hingegen davon aus, dass es durch Online-Kommunikation zu einer Nivellierung von Statusunterschieden und einer psychologischen Enthemmung (sowohl in positiver wie in negativer Hinsicht) kommt. Die Empirie spreche für letzteres Modell, Online-Kommunikation scheine klassische Kommunikationsformen weder zu reduzieren noch zu ersetzen, sondern zu ergänzen; wer viel im Real Life kommuniziere, tue dies auch online.

In der  abschließenden Podiumsdiskussion, die von Jürgen Hardt moderiert wurde und an der alle ReferentInnen teilnahmen, wurde dann der Transfer von dem Gehörten in die psychotherapeutische Praxis geleistet. Hierzu trugen vor allem auch die praxisorientierten Statements des Vorstandsmitglieds und Systemikers Thomas Merz sowie des Vorsitzenden des Kammerausschusses für Qualitätssicherung und Verhaltenstherapeuten Jörg Wollstadt bei.
MO