Bericht vom BPtK-Symposion „Zukunft der Ausbildung“  am 09.04.08 in Berlin

Die Bundes-Psychotherapeutenkammer hatte für den 9. April zu einem Symposion „Zukunft der Ausbildung“ nach Berlin eingeladen, um den Fortgang  des Forschungsgutachtens mit eigenen Veranstaltungen zu begleiten.

In ihrem Grußwort sprach Frau Knufmann-Happe, zuständige Referentin des BMG, von der Bedeutung des umfassenden Evaluierungsprozesses, der durch das Forschungsgutachten auf die Ausbildung in den psychotherapeutischen Heilberufen zukomme. Es gehe darum, dem Gesetzgeber die Grundlagen für notwendige Nachbesserungen, auch mit Blick auf die Nachbarländer, zu erarbeiten, damit die Psychotherapie als Heilberuf auch in Zukunft eine „attraktive und moderne“ Ausbildung darstelle. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass die psychotherapeutischen Heilberufe aus der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung nicht mehr wegzudenken seien.

Im Hauptvortrag „Therapeutische Kompetenz und Methodenäquivalenz“ ging Prof. Dirk Revenstorf, Tübingen, auf die seit Wampold (2001) vorliegenden Ergebnisse zur Methodenäquivalenz der verschiedenen therapeutischen Verfahren ein, deren methodenspezifische Wirkungsnachweise als eher gering einzustufen seien. Vielmehr seien es die persönlichen Kompetenzen des Behandlers, die verändernde Prozesse in einer therapeutischen Beziehung initiieren, aufrechterhalten und gestalten. Ausbildung sei daher – neben der methodischen Vertiefung in einem Verfahren – vor allem mit dem Erwerb persönlicher Handlungskompetenz verknüpft.

Diagnostische und interventionsbezogene Kompetenzen müssten erworben werden, daneben seien es aber vor allem die innere Überzeugtheit des Therapeuten von seiner Methodik („Allegiance“) wie die Fähigkeit, sich mit dem Patienten in eine innere Verbindung zu begeben („Alliance“), die die Grundlage für die therapeutische Kunst bilden und dem Patienten (Selbst)Heilung ermöglichen.

Mit zunehmender Erfahrung wachse die Fähigkeit des Therapeuten, jenseits seiner Schulenorientierung implizites Wissen einzusetzen und dem Patienten zur Verfügung zu stellen. Die Einzigartigkeit jeder therapeutischen Beziehung und Behandlungsgeschichte werde inzwischen schulenübergreifend anerkannt und mit den Worten des Gestalttherapeuten Erv Polster ergänzte er: „Everybodys life is worth a novel“

Im Bereich der „Resonanzkompetenz“ bezog sich Revenstorf sowohl explizit auf psychoanalytische Konzeptbildungen von Übertragung, Gegenübertragung und Selbstreflexion, als auch auf Konzepte der Hypnotherapie und der systemischen Therapie. Vor allem zwischen den analytischen und kognitiv-behavioralen Ansätzen näherten sich die Begriffsbildungen zur Beschreibung des Beziehungsgeschehens innerhalb therapeutischer Prozesse immer weiter an, und als Kontrapunkt zur manualgesteuerten Psychotherapie zitierte er zum Abschluss Freud: „Speisekarten und Rezepte machen nicht satt.“

In der Diskussion wurde Revenstorfs Vortrag als ein Versuch zur schulenübergreifenden Beschreibung therapeutischer Kompetenz gewürdigt; der Referent wies aber  gleichzeitig darauf hin, dass er eine vertiefte Ausbildung in einem Verfahren als unerlässlich betrachte.

Aus dem Blickwinkel „Möglichkeiten der Kompetenzerweiterung“ für PP und KJP in Richtung auf Pharmakotherapie sprach anschließend Prof. Harald Rau, Wilhelmsdorf. Er befasste sich ausführlich und kritisch mit den Erfahrungen aus der US-Armee, wo nach gründlicher Fortbildung auch Psychologen in Kooperation mit Ärzten die Möglichkeit zur Medikamentenverordnung erhielten und diese mit Erfolg ausübten.

Angesichts der empirischen Forschungslage zur additiven pharmakologischen und psychotherapeutischen Behandlung bei Panikstörungen und depressiven Erkrankungen zeigte er anhand vorliegender Untersuchungsergebnisse, dass die Kombination von Psychopharmaka und Psychotherapie zu keinen besseren Behandlungsergebnissen führte als Psychotherapie alleine. Bei den langfristigen Erfolgen war die alleinige Psychotherapie der Kombinationsbehandlung sogar überlegen. Begleitende Pharmatherapie könne im Gegenteil langfristige psychotherapeutische Behandlungserfolge sogar beeinträchtigen. Er machte auf die Gefahren einer „Biologisierung“ der Psychotherapie aufmerksam. Psychotherapie stärke das Selbstwirksamkeitserleben der Patienten, während eine Pharmakotherapie eher dazu führe, den Focus und die Verantwortung für den Heilungsprozess zu externalisieren. Aufgrund der dargestellten unklaren Wirksamkeit von Pharmakotherapie sei daher ein Verordnungsrecht für Medikamente als Kompetenzerweiterung für PP und KJP fragwürdig.

Für die psychotherapeutischen Heilberufe (in den psychiatrischen Kliniken) sehe er es vielmehr zunächst als wichtige Aufgabe an, ihre spezifische Behandlungskompetenz in „psychotherapeutischer Beziehungsarbeit“ offensiv und deutlich gegen die Psychiater zu konturieren. Die Gefahr sei sonst, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die PP/KJP in der „leichten“ Welt der Neurosen angesiedelt würden, die die schweren psychiatrischen Fälle anderen überlassen würden. Um das zu verhindern sei es u.U. notwendig, auch die Verordnungskompetenz nach außen zu vertreten. In den psychiatrischen Kliniken könne den oft langjährig arbeitenden und kompetenten PPs bei entsprechender medizinischer und pharmakologischer Schulung durchaus auch die Möglichkeit eingeräumt werden, Medikamente zu verschreiben.

Auch in der anschließenden Diskussion war ein psychotherapeutisches Verordnungsrecht, das auch das Recht zur Einweisung oder Krankschreibung umfassen könnte, das Thema zahlreicher Redebeiträge. Während für die einen ein solches Recht im Widerspruch zum Selbstverständnis der Profession steht, befürworten andere eine solche Kompetenzerweiterung, weil sie die psychotherapeutische Tätigkeit der ärztlichen gleichstellt.

Im zweiten Teil des Symposions stellten sich Vertreter der Bundesarbeitsgemeinschaft der Ausbildungsträgerverbände (BAG) (AVM, dgvt, DGPT, DFT, unith, GwG, DVT, VAKJP) unter dem Thema „Ausbildungsstrukturen auf dem Prüfstand. Aktuelle Situation und Perspektiven“ der Diskussion.

Zunächst stellte Günter Ruggaber die gegenwärtige Ausbildungslandschaft mit reichem Zahlenmaterial aus Sicht der Ausbildungsträgerverbände vor. Umfassend belegte er die gegenwärtige Attraktivität der Ausbildung in den insgesamt 180 Instituten mit bundesweit ca. 8500 AusbildungsteilnehmerInnen, davon 6500 PP und 2500 KJP. Inzwischen seien 80% der Ausbildungsteilnehmer/innen Frauen. Insgesamt absolvieren 75% der AusbildungsteilnehmerInnen eine Vt- Ausbildung.

Die Praktische Tätigkeit beschrieb er als das zentrale, strukturelle Kernproblem der bisherigen Ausbildungssituation: die ungeregelte und mangelhafte Vergütung sei zentraler Belastungs- und Abschreckungsfaktor für AusbildungsteilnehmerInnen. Als einen Lösungsvorschlag sah er die Öffnung der „PT 2“ – d.h. des 2. Teils der Praktischen Tätigkeit mit seinen 600 Stunden – für Einrichtungen der Jugendhilfe und/oder Beratungsstellen für den KJP-Bereich.

Als zu gewährleistende  Bedingungen formulierte er:

 – Ausbildungsvielfalt sichern hinsichtlich Verfahren, inhaltlichen Ausbildungsschwerpunkten und Sicherung des Nachwuchsbedarfs durch eine ausreichende Anzahl an Ausbildungsplätzen!
 – Bundeseinheitlichkeit der Ausbildung!
 – Gleichwertige Zugänge zu PP- und KJP-Ausbildung


Und als vordringliche Aufgaben benannte er:

 –  Das zentrale Problemfeld Praktische Tätigkeit muss reformiert werden, d.h. tarifliche Regelung der Vergütung in der Praktischen Tätigkeit.
 –  Entwicklung ausreichender Masterstudiengänge (inkl. Klinischpsychologischer Inhalte) für (sozial-)pädagogische Zugangsberufe
 –  Masterabschluss als Zugang für beide Ausbildungen.
 –  Entwicklung aubildungsstättenübergreifender überprüfbarer Qualitätsstandards

Als Vertreterin der psychoanalytischen Ausbildungsinstitute in der BAG entwarf Anne Springer das Modell einer Grundausbildung an der Universität in Form eines ersten Ausbildungsabschnitts, ohne die Institutsausbildungen selbst in Frage zu stellen.

Die Vermittlung der „wissenschaftlich-geistigen und ethischen Grundlagen der Psychotherapie“ (PsychThG) in der Ausbildung müsse sich aus einer gesellschaftlichen Analyse ableiten. Nach Darstellung verschiedener Zugänge der Kompetenzforschung (Popp, Hanke und Tuckett) kam sie zu dem  Ergebnis, therapeutische Kompetenz müsse insbesondere die Fähigkeit zur Eigenverantwortung und zu selbständigem Handeln beinhalten, um der wachsenden Flexibilisierung und Instabilität gesellschaftlicher Institutionen eine glaubwürdige und in sich kohärente therapeutische Haltung entgegen setzen zu können.

Wenn, so Springer, dies die Grundlagen einer professionellen Identitätsbildung seien, müsse der zwingende universitäre Zugang in die Ausbildungen von den verhaltentherapeutisch dominierten Psychologie-Studiengängen abgekoppelt werden und in psychotherapiewissenschaftliche Master-Studiengänge übergehen. Dort könnten allgemeine und methodenübergreifende Inhalte der Grundausbildung in den anwendungsorientierten klinischen Fächern von Vertretern verschiedener therapeutischen Schulen gelehrt werden. Daneben könne die für Versorgungsforschung und klinische Studien dringend benötigte Forschungskompetenz erworben werden.

Auch für die KJP mit ihren anderen wissenschaftlichen Grundqualifikationen könne der Zugang in diese Masterstudiengänge Psychotherapiewissenschaft geschaffen und damit das Dilemma der verschiedenen Zugangsvoraussetzungen behoben werden. Ein Abschluss des psychotherapiewissenschaftlichen Studiengangs durch eine erste Staatsprüfung (schriftliche Prüfungsfragen IMPP) sei sinnvoll, bevor die Bewerbung an den Instituten für den zweiten Ausbildungsteil mit den bisherigen Schwerpunktsetzungen in den einzelnen Vertiefungsverfahren erfolgen könne.

Aus Sicht der analytischen Kinder- und Jugendlichentherapeuten wurde die besondere Notwendigkeit, sich einen generationenübergreifenden Blick zu bewahren, betont. Diese dürfe durch eine Neuordnung der Ausbildungswege nicht gefährdet werden. der Zugang in die KJP-Ausbildung müsse daher die Breite verschiedener fachwissenschaftlicher Qualifikationen bewahren.

Zuletzt zeigte Dr. Wolfgang Groeger die Probleme infolge der Bachelor-/Master-Studienreform auf, verglich die Aus- und Weiterbildungsstrukturen der verschiedenen Heilberufe miteinander, um daraus Schlussfolgerungen für die Psychotherapieausbildung abzuleiten und stellte schließlich sein Modell der Direktausbildung an der Universität vor, das vielen aus seinen verschiedenen Veröffentlichungen (PTJ 4-2006) und seinem Beitrag auf dem Dortmunder „Tag der Ausbildung“ im Oktober 2007 bekannt sein dürfte. Neu war, dass er inzwischen die Vollapprobation am Ende des Masterstudiengangs ansiedelt, an die dann die Institute ihre von den Landeskammern geregelten Weiterbildungen in den jeweiligen Vertiefungsverfahren oder störungsorientiert anschließen. Personen, denen eine Bewerbung an den Instituten nicht gelänge, könnten sich – wie bisher die psychologischen Heilpraktiker – mit ihrer Approbation heilkundlich betätigen.

Die Abschlussdiskussion drehte sich vor allem um folgende Punkte:

 – die Bezahlung der Praktischen Tätigkeit für die PiA.
 – die Frage der Einbeziehung/Stellung der KJP mit pädagogischem Grundberuf und der Eigenständigkeit der KJP als eigener Heilberuf.
 – die Forderung, Teile der Praktische Tätigkeit auch in Beratungsstellen absolvieren zu können, da nachgewiesen sei, dass dort psychische Krankheit in hohem Umfang behandelt werde und angehende Psychotherapeuten vor allem wertvolle Erfahrungen mit der Arbeit in Beziehungsumfeldern sammeln können.
 – die Frage, wie neue, anwendungsbezogene psychotherapiewissenschaftliche  Studiengänge akkreditiert werden könnten( analog Wirtschaftsprüfer).
 –  die Problematik der Neuordnung der bisherigen Ausbildung als Weiterbildung und damit die Gefahr, dass eine Art von „Heilpraktiker-Tätigkeit“ ohne  Ausbildungsabschluss in einem Weiterbildungsverfahren für Approbierte wieder attraktiv werden könne.

In seinem Schlusswort kündigte BPtK-Präsident Prof. Rainer Richter die Fortsetzung der Begleitveranstaltungen zum Forschungsgutachten an. Die Profession sei gefordert, sich jetzt mit Konzepten zu äußern, da der Zeitdruck des Gutachtens wenig Raum für Abwarten lasse. Dabei sei mit Blick auf das Gutachten des Sachverständigenrats im Gesundheitswesen festzuhalten, dass es bei jeder Veränderung und Weiterentwicklung der Profession auch darum gehen müsse, die Versorgung von Patienten an den Punkten zu verbessern, die im Moment noch nicht den gewünschten Qualitätsstandards entsprechen.

Als Fazit der Auftaktveranstaltung der BPtK zu den Fragen des Forschungsgutachtens lässt sich zunächst festhalten: Ungeachtet der Differenzen in verschiedenen Konzeptionen zur Neuordnung der Ausbildung herrschte unter allen Referenten große Einigkeit in dem Punkt, dass in der psychotherapeutischen Ausbildung eine Verfahrensorientierung erhalten werden solle. Dies sei die unverzichtbare Basis, auf der sich die für den Behandlungserfolg zentrale und persönliche Beziehungskompetenz des Psychotherapeuten entwickle. Hier wird es nun darauf ankommen, schulenübergreifend zu einer Begriffsbildung für erfolgreiche therapeutische Beziehungsarbeit zu kommen und diese in notwendige Kompetenzprofile der Ausbildung zu übersetzen. In welchem Umfang die Verankerung in einem Verfahren in der weiteren beruflichen Entwicklung aufrechterhalten werden müsse, war dagegen umstritten. Man darf auf den Fortgang der Diskussion gespannt sein. SWP (mit Hinweisen und Ergänzungen von UM, UCD, TM, MS)

Alle Vorträge und Folien sind veröffentlicht: www.bptk.de/show/1107921.html.