Berufsordnung im Berufsalltag

Die häufigsten Fragen und Antworten im Rahmen der Veranstaltungen “Berufsordnung im Berufsalltag”, die vom Ausschuss für ethische Fragen und Berufsordnung der LPPKJP in Kassel (02.03.07), Frankfurt (23.03.07) und Marburg (27.04.07) ausgerichtet wurden

Inhalt:

 Niedergelassene PPs:
• Berichtspflicht
• Dokumentationspflicht
• Einsichtsrecht
• Aufbewahrungspflicht
• Honorar
• Information über und Anforderungen an Praxen

 KJPs:
• Einverständnis zur Psychotherapie
• Mangelnde Therapiemotivation
• Aufklärung
• Schweigepflicht
• Therapieanfrage eines Elternteils
• Gültigkeitsbereich der Berufsordnung

 Angestellte:
• Schweigepflicht
• Dokumentationspflicht und Einsichtsrecht
• Berufs- und Dienstrecht
• Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen
Die Ausschussmitglieder: Margitta Braun (PP), Dirk Fiedler (PP, Vorsitzender), Klara Kilber-Brüssow (PP), Stephan Jürgens – Jahnert (PP/KJP), Cornelia Pickl (PP), Stephan Stanko (PP, stellv. Vorsitzender).

Die Arbeitsgruppen für niedergelassene Psychologische Psychotherapeuten/innen

Bei allen drei Veranstaltungen war die Gruppe der niedergelassenen Psychologischen Psychotherapeuten/innen zahlenmäßig gut vertreten, so dass jeweils zwei AGs für jeweils 12 – 18 Teilnehmer angeboten  wurden.

Die Fragen und Diskussionsbeiträge entstammten vorwiegend folgenden Themenbereichen:

Schweigepflicht
Dokumentation
Einsichtsrecht
Aufbewahrungspflicht
Honorar
Informationen über und Anforderungen an Praxen

Schweigepflicht

Frage: Wie verhalte ich mich bei Anfragen von Gerichten?

Antwort: Hier gilt, dass eine Auskunft nur auf Grundlage einer ausdrücklichen Schweigepflichtentbindung seitens der Patientin bzw. des Patienten erfolgen kann. Allerdings entfällt für Aussagen vor Gericht bei wirksamer Schweigepflichtentbindung das Zeugnisverweigerungsrecht, daher sollten die Konsequenzen einer Schweigepflichtentbindung mit Patienten vorab geklärt werden. Eine Kollegin berichtete in diesem Zusammenhang auch, dass ein Gericht die Verweigerung einer Stellungnahme mit der Begründung ihrer Befangenheit als Behandlerin akzeptierte.
Eine Offenbarungspflicht gilt im Zusammenhang mit Strafvergehen nur für geplante schwerste Straftaten (§139,3,StGB), die eine Gefahr für Leib und Leben bedeuten.
In bestimmten Fällen kann ein Bruch der Schweigepflicht gerechtfertigt sein (sog. “rechtfertigender Notstand” nach §34 StGB), wenn ein Patient sein eigenes Leben oder das Leben anderer gefährdet. In diesem Kontext schilderten Kollegen/innen beispielsweise den Fall einer Gewaltandrohung gegen den Psychotherapeuten durch einen Patienten oder von dem Konflikt durch die Ablehnung von lebenserhaltenden therapeutischen Maßnahmen bei einer Patientin mit Anorexia nervosa.

Frage: Darf ich an Eltern junger erwachsener Patienten Informationen aus der Behandlung weitergeben?

Antwort: Auch hier gilt, dass eine Auskunft gegenüber Angehörigen die Entbindung von der Schweigepflicht voraussetzt.

Frage: Gilt die Schweigepflicht auch in Supervision, Intervision oder Qualitätszirkeln?

Antwort: Die Verschwiegenheit gilt auch für Supervision, Intervision, Beratung. Es dürfen keine Rückschlüsse auf die Person des Patienten möglich sein.

Frage: Wie verhalte ich mich bei Anfragen von Kostenträgern oder Sozialversicherungsträgern?

Antwort: Nach den sozialrechtlichen Bestimmungen besteht gegenüber den Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben eine Auskunftspflicht (Krankenkassen: Mittlung der notwendigen Daten zu Abrechnungszwecken und im Rahmen der Qualitätssicherung; MDK: bei Aufgaben der Begutachtung und Beratung). Die Anforderung von Informationen durch Krankenkassen z.B.  im Zusammenhang mit einer länger bestehenden Arbeitsunfähigkeit ist jedoch nicht zulässig und fällt in den Aufgabenbereich des MDK.
Gegenüber anderen Sozialversicherungsträgern (wie Rentenversicherer, Versorgungsämter, Gesundheitsämter, Arbeitsämter), bei denen das Sozialgesetzbuch X (§100) eine Auskunftserteilung regelt, ist immer die schriftliche Einwilligung der Patientin/ des Patienten notwendig. Therapeutische Vorbehalte und Bedenken gegen eine Auskunftserteilung (z.B. aufgrund der möglichen schweren Belastung der therapeutischen Beziehung durch eine Auskunft) sollten dabei aber immer mitbedacht, mit Patienten/innen besprochen und auch gegenüber der anfragenden Stelle geltend gemacht werden.

Aus den Diskussionen entwickelte der Ausschuss einen Antrag an die hessischen Kammerdelegierten, den Vorstand aufzufordern, gegenüber der Bundespsychotherapeutenkammer darauf hinzuwirken, dass private Krankenversicherungsträger ebenso wie die Träger der Beihilfe zu entsprechendem Datenschutz verpflichtet werden wie die Träger der GKV.

Berichtspflicht

Frage: Besteht gegenüber dem Hausarzt eine Berichtspflicht?

Antwort: Eine Berichtspflicht besteht gegenüber Hausärzten bzw. überweisenden Ärzten und ist bis auf weiteres gesetzlich geregelt (§24, Abs. 6, BMV-Ä), sofern keine schriftliche Erklärung des Patienten vorliegt, in der er sich gegen die Übermittlung eines Berichts ausspricht.

Dokumentationspflicht

Frage: Wie und in welchem Umfang muss ich die Behandlung dokumentieren?

Antwort: Die Dokumentationspflicht ergibt sich aus den gesetzlich geschützten Interessen der Patienten/innen, dient aber auch dem Schutz der Behandler/innen. So ist die spätere Nachvollziehbarkeit der therapeutischen Maßnahmen im Falle juristischer Auseinandersetzungen um die Behandlung für die Therapeutin bzw. den Therapeuten von großer Bedeutung.
Eine abschließende Aufzählung zum Umfang der Dokumentation lässt sich abstrakt nicht erstellen. Neben den anamnestischen und diagnostischen Informationen sollten jedoch auch solche therapierelevanten Informationen dokumentiert werden, die eine Nachvollziehbarkeit des therapeutischen Prozesses ermöglichen. Es kann im Rahmen der Tätigkeit als Psychotherapeut/in nur eine Behandlungsdokumentation geben. Zur leichteren Abgrenzung der persönlichen Bewertungen und emotionalen Erlebnisweisen von der übrigen Behandlungsdokumentation ist es empfehlenswert, beides aufzeichnungstechnisch zu trennen.

Einsichtsrecht

Frage: In welchem Umfang haben Patienten/innen ein Einsichtsrecht in die Dokumentation?

Antwort: Grundsätzlich haben Patienten/innen ein Einsichtsrecht in die Dokumentation. Das Einsichtsrecht ist aber auch immer unter dem Aspekt von therapeutischen Vorbehalten im Interesse der Gesundheit der Patienten/innen und schützenswerter Persönlichkeitsrechte von Therapeuten/innen oder Dritter zu sehen. Da der Anteil an “naturwissenschaftlich – objektiven” Daten in einer psychotherapeutischen Behandlung gering ist, hat der Therapeut eine weitgehende Verfügungsmöglichkeit über seine Dokumentation und muss und sollte auch immer die Wirkung der mit subjektiven Wertungen gefärbten Information auf  Patienten/innen einschätzen sowie eigene Schutzrechte und die Dritter mit bedenken. Wenn eine Einsichtnahme vom Patienten verlangt und diese ganz oder teilweise vom Behandler abgelehnt wird, sollte dies ausführlich begründet werden, um gegebenenfalls vor Gericht Bestand zu haben. Zum  erweiterten Einsichtsrecht bei eingeschränkter Wahlfreiheit in der Auswahl von Therapeuten und Behandlung (z.B. im Strafvollzug) siehe auch die Ausführungen zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Abschnitt zu Angestelltenfragen.

Aufbewahrungspflicht

Frage: Wie lange muss die Dokumentation aufbewahrt werden und wie ist sie zu sichern?

Antwort: Für die Dokumentation gilt eine Aufbewahrungsdauer von 10 Jahren. Aktenschränke müssen abschließbar und der PC mit einem Passwort geschützt sein.

Frage: Wer ist nach  dem Tod eines niedergelassenen Therapeuten für dessen Patientenakten verantwortlich?

Antwort: Hier gilt, dass die Erben die Rechte und Pflichten für die Praxis übernehmen und dann auch für die gesicherte Verwaltung der Patientendaten verantwortlich sind, falls keine diesbezügliche Vorsorgevollmacht hinterlegt wurde oder eine andere Regelung für den Todesfall getroffen wurde.

Honorar

Frage: Wie hoch darf ein Ausfallstundenhonorar sein?

Antwort: Die Höhe des Honorars kann bei gesetzlich Versicherten dem aktuellen Stundensatz der Kasse entsprechen, bei privat Versicherten oder selbst zahlenden Patienten entsprechend dem nach GOP vereinbarten Privathonorar. Die Regelungen über Ausfallhonorare sollten schriftlich festgehalten werden.

Frage: Wie hoch dürfen Honorare für Angebote sein, die nicht im Leistungsbereich der GKV vorgesehen sind?

Antwort: Auch für die Honorierung von Angeboten außerhalb des Leistungsbereichs der GKV (z.B. Paarberatung oder Entspannungsverfahren) gibt die GOP den Rahmen vor. Bescheinigungen, die Patienten für private Zwecke wünschen, können ebenfalls nach der GOP berechnet werden. An dieser Stelle werden wir unsere hessische Berufsordnung ändern.

Frage: Darf ich auch telefonisch abgehaltene Stunden abrechnen?

Antwort: Telefonisch abgehaltene Stunden dürfen nach den Richtlinien zur vertragsärztlichen Behandlung nicht abgerechnet werden, da die Behandlung in den Praxisräumen erfolgen muss.

Information über und Anforderungen an Praxen

Frage: Worauf muss ich bei der öffentlichen Darstellung meiner Tätigkeit achten?

Antwort: Bei der Gestaltung von Praxisschildern oder bei Internet-Auftritten zeigt sich als wichtiges Differenzierungskriterium die sachliche Information. Praxisschilder müssen die für die Patienten notwendige Information enthalten (Name, Berufsbezeichnung, Sprechzeiten). Besondere Qualifikationen und Tätigkeitsschwerpunkte, auf die hingewiesen wird, müssen der Kammer gegenüber auf Verlangen nachweisbar sein. Für Patienten muss die heilkundliche Tätigkeit von evt. sonstigen Tätigkeitsbereichen eindeutig unterscheidbar und transparent sein.

Frage: Darf ich auch in privat genutzten Räumen behandeln?

Antwort: Hier gilt, dass Praxisräumlichkeiten und der private Lebensbereich deutlich voneinander getrennt sein müssen und so bei Patienten/innen nicht der Eindruck entstehen kann, sie befänden sich im Privatbereich des Therapeuten bzw. der Therapeutin.


Die Arbeitsgruppen für Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeuten/innen

Die Fragen der Teilnehmer/innen an den KJP – Arbeitsgruppen bewegten sich überwiegend um KJP – spezifische Themen. Diese ergeben sich aus der besonderen Arbeitssituation der KJP, welche häufig durch eine oder mehrere der folgenden Faktoren bestimmt ist:

• Die Patientin / der Patient ist minderjährig.
• Die Patientin / der Patient bringt keine eigene Behandlungsmotivation mit.
• Die familiäre Konstellation ist schwierig und Konflikt beladen.
• Das soziale Umfeld versucht, in die Therapie hineinzuwirken.

Einverständnis zur Psychotherapie

Frage: Wann ist die Zustimmung zur Durchführung einer Therapie bei einem minderjährigen Patienten rechtlich einwandfrei?

Antworten:

1. Bei gemeinsam sorgeberechtigten Eltern, die zusammen leben/ verheiratet sind:
Wenn es eine Übereinstimmung bezüglich der Therapie des Kindes gibt, reicht in der Regel die Zustimmung eines Elternteils.

2. Bei gemeinsam sorgeberechtigten Eltern, die nicht zusammen leben:
Wenn die Eltern getrennt leben oder geschieden sind, muss das schriftliche Einverständnis beider Elternteile eingeholt werden. Bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Eltern könnte ansonsten ein Elternteil auch während der laufenden Therapie deren Weiterführung leicht blockieren. Wenn dies doch geschieht, muss die Behandlung unterbrochen werden bis zu einer Entscheidung des Familiengerichts. Nur bei einer drohenden Schädigung des Patienten darf die Behandlung trotzdem weitergeführt werden (Notvertretungsrecht).

3. Bei einem allein sorgeberechtigten Elternteil:
Dies ist in der Regel dann der Fall, wenn die Eltern bei Geburt des Kindes  nicht verheiratet waren. Hier reicht die Zustimmung der dann  sorgeberechtigten Mutter. Der Kindesvater als nicht sorgeberechtigtes  Elternteil hat ein Recht auf Information. Das bedeutet aber lediglich, dass er  von der Sorgeberechtigten über die Aufnahme der Therapie informiert werden  muss, aber nicht, dass er ein Auskunftsrecht gegenüber dem Therapeuten  besitzt. Die Mutter kann gegenüber dem Jugendamt eine „Erklärung über die  gemeinsame Ausübung des Sorgerechtes“ abgeben, so dass dann beide  sorgeberechtigt sind.

4. Bei fremd untergebrachten Kindern oder Jugendlichen:
Bei einer freiwilligen Maßnahme behalten die Eltern das Sorgerecht, es kann allerdings vom Familiengericht auch ein Amtsvormund eingesetzt werden. Die Fachberatung beim Jugendamt oder in der aufnehmenden Einrichtung kann diesbezüglich Auskunft geben. Wenn im Hilfeplangespräch einvernehmlich festgestellt wird, dass das Kind oder der Jugendliche Psychotherapie bekommen soll, reicht ein Auszug der Niederschrift dieses Gespräch, um das Einverständnis mit der Behandlung von allen Beteiligten, auch der Sorgeberechtigten, zu bestätigen.

5. Bei einem Antrag durch einen Jugendlichen selber:
GKV-versicherte Jugendliche können ab dem 15. Geburtstag eigenständig eine Psychotherapie beantragen. Eine Informationspflicht der Eltern oder ein Auskunftsrecht gegenüber dem Therapeuten bestehen nicht und würden auch der Schweigepflicht widersprechen.

Kommentar: Dies sind die rechtlichen Rahmenbedingungen bezüglich des Einverständnisses der Sorgeberechtigten zur Psychotherapie eines minderjährigen Patienten. Daneben gibt es die nicht minder wichtige Beziehungsebene. Eine KJ-Behandlung ist oft dann umso erfolgreicher, je besser ein Beziehungsaufbau zu beiden Elternteilen gelingt, insbesondere bei zerstrittenen Eltern. Dies ist erfahrungsgemäß zum Vater oft schwieriger als zur Mutter. Die Erfahrung zeigt allerdings auch, dass Väter öfter zur Mitarbeit bereit sind als Mütter es glauben. Die (rechtlich erforderliche) Einholung des Einverständnisses bei Mutter und Vater kann deshalb als Möglichkeit zu einem frühen Beziehungsaufbau zu beiden Elternteilen genutzt werden, da sich hier die Psychotherapeutin /der Psychotherapeut gleich zu Beginn als neutral und offen für beide Seiten präsentiert.

Mangelnde Therapiemotivation

Frage: Wie gehe ich damit um, wenn bei eindeutig behandlungsbedürftigen Kindern oder Jugendlichen eine ausreichende Therapiemotivation fehlt?

Antwort: Hier greift das ethische Grundprinzip der informierten Selbstbestimmung des Patienten. Das konkrete Vorgehen kann in zwei Schritten erfolgen, nämlich erst informieren, dann entscheiden: Zunächst wird der Patient dafür zu gewinnen versucht, sich über die Therapie zu informieren, und zwar sowohl durch verbale Aufklärung als auch durch das erfahrungsmäßige Kennen lernen in einigen Probesitzungen. Im zweiten Schritt kann der junge Patient dann wirklich entscheiden, ob er die Therapie beginnen möchte. Natürlich sind die Bezugspersonen in diesen Entscheidungsprozess mit einzubeziehen.

Aufklärung

Frage: Müssen auch Kinder und Jugendliche über die Therapie aufgeklärt werden?

Antwort: In §12,1 wird ausdrücklich betont, dass auch minderjährige Patient/innen über die angebotene Behandlung, Behandlungsalternativen und Behandlungsrisiken aufzuklären sind, wobei man jeweils eine dem Entwicklungsstand und der Einsichtsfähigkeit angemessene Form finden muss. Empirische Untersuchungen belegen, dass hier auf Patientenseite oft ein tatsächliches Interesse besteht.

Schweigepflicht

Frage: Besteht eine Schweigepflicht bei kleinen Kindern gegenüber den Eltern und wer darf eine Entbindung bei Gesprächen mit dem sozialen Umfeld aussprechen?

Antwort: Die Schweigepflicht bei minderjährigen Patient/innen gilt auch gegenüber den Bezugspersonen (§11,4). Die Diskussion unter Ethikern und unter Juristen geht vermehrt dahin, bereits sehr jungen Kindern (5-Jährige) zumindest eine Mitsprache bei der Entscheidung über die Entbindung von der Schweigepflicht zuzugestehen, und zwar nicht nur bezüglich der Gespräche mit den Eltern, sondern auch darüber hinaus. Wenn z.B. eine Mitarbeiterin vom Jugendamt oder ein Gutachter eine Schweigepflichtentbindung durch die Sorgeberechtigten vorlegt, reicht das nicht unbedingt, sondern der minderjährige Patient muss – nach entsprechender Aufklärung über die Folgen seiner Entscheidung – selber auch zustimmen, falls er die Bedeutung und Tragweite für sich einigermaßen verstehen kann. Allgemeine Entbindungen sind dabei nicht rechtsgültig, sie müssen zweckgebunden und damit auf die jeweilige Behandlung gerichtet sein.

Therapieanfrage eines Elternteils

Frage: Darf ich eine Therapie mit einem Elternteil beginnen, wenn das Kind bei mir in laufender Therapie ist?

Antwort: Als KJ-Behandler ist man manchmal froh, wenn ein Elternteil selber eine Therapie beginnt. Da über die Bezugspersonengespräche eine Vertrauensbeziehung entstehen kann, bietet es sich aus der Sicht des betroffenen Elternteils an, dass die Behandler/in des Kindes angefragt wird, wenn sie/ er eine Abrechnungsmöglichkeit als PP besitzt. Je nach Fall und schulenspezifischer Sichtweise kann eine solche Konstellation Chancen bieten, insbesondere aber auch Risiken. Um diese zu minimieren, schließt die BO eine Parallelbehandlung „in der Regel“ aus, d.h. sie verbietet sie nicht absolut, setzt aber eine hohe Erklärungshürde. Auch bei einer Behandlung einer Bezugsperson nach Abschluss der KJ-Behandlung „hat die Psychotherapeutin / der Psychotherapeut das Für und Wider besonders sorgsam abzuwägen“ (§14,6).

Gültigkeitsbereich der Berufsordnung

Frage: Unterliegt ein approbierter KJP der Berufsordnung, wenn er über HPG Erwachsenentherapie anbietet?

Antwort: Die Berufsordnung gilt für alle approbierten PP und KJP in ihrer Berufsausübung natürlich in der Psychotherapie, aber auch in allen „benachbarten“ Bereichen wie Beratung, Supervision, Ausbildung, gutachterliche Tätigkeit. Da in diesem Fall der Kollege eine Approbation (als KJP) besitzt, gilt die BO in diesem Sinne auch da, wo er Psychotherapie (für Erwachsene) ohne Approbation durchführt.

Frage: Gilt die BO auch dann, wenn keine Approbation vorliegt und Psychotherapie über die Heilpraktikererlaubnis durchgeführt wird?

Antwort: Bei nicht vorhandener Approbation fällt selbst die Durchführung von Psychotherapie nicht unter den Regelungsbereich der BO, aber es kann nicht schaden, sich nach ihr zu richten, und zwar sowohl was die ethischen Standards betrifft als auch die berufsrechtlichen Regelungen. So kann man sich in (juristischen) Streitfragen auf die Einhaltung der Berufsordnung für approbierte Psychotherapeut/innen berufen.

Die Arbeitsgruppen für Angestellte

Die Tätigkeitsschwerpunkte und Aufgabenbereiche der in Institutionen tätigen Kollegen/innen sind heterogen; sie reichen von Beratung/Therapie, z.B. in Erziehungs- und Familienberatungsstellen, bis zur Begleitung und Durchführung kurativer Maßnahmen, z.B. in stationären oder teilstationären Bereichen von Reha-, Kur-, Sucht- oder psychosomatischen etc. Kliniken. Zur Anwendung gelangen sowohl psychotherapeutische als auch andere therapeutische Leistungen nach wissenschaftlich anerkannten Methoden.

Darüber hinaus sind die Rahmenbedingungen für Angestellte in Institutionen unterschiedlich. Neben den Vorgaben des Berufsrechts unterliegen die angestellten Kollegen/innen weiteren rechtlichen Rahmenbedingungen, die sich z.B. aus dem Arbeits- und Tarifrecht ableiten. Große Unterschiede resultieren auch daraus, ob Psychologen/innen befristete oder unbefristete Arbeitsverträge haben. Befristet angestellte Kollegen/innen sind tendenziell subjektiv und objektiv in stärkerem Masse von Kontrollen und Vorgaben des Arbeitgebers eingeschränkt als unbefristet angestellte, da ihnen implizit oder explizit fortwährend die Beendigung des Vertragsverhältnisses droht. Dies erzeugt einen stärkeren Anpassungsdruck als bei unbefristet angestellten Kollegen/innen.

Die Diskussionen der angestellten Kollegen/innen drehten sich hauptsächlich um die Themen

Schweigepflicht
 • Datenschutz
 • Berichts- und Auskunftspflicht.

Schweigepflicht

Frage: Wie soll eine Entbindung von der Schweigepflicht aussehen? (s. a. Ausführungen zu KJP)

Antwort: Wichtig ist eine spezifische Entbindung gegenüber bestimmten Personen und für einen bestimmten Zweck auch im stationären Rahmen.
In einem neueren Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wurde eine pauschale Schweigepflichtentbindung von Patienten gegenüber einer Klinik für rechtswidrig erklärt, weil Schweigepflichtentbindungen nur jeweils zweckgebunden und damit auf die jeweilige Behandlung gerichtet sein müssen.
Beratungsstellen unterliegen ebenso der Schweigepflicht, auch wenn Soziale Dienste oder Familiengerichte dies mitunter anders sehen oder handhaben möchten.
Beamte und Angestellte sollten ihre Aussagegenehmigung vor Gericht zuvor mit dem Arbeitgeber klären.

Frage: Welche Informationen dürfen Kostenträger erfragen? (s. a. Ausführungen zu PP)

Antwort: In manchen Einrichtungen werden Pat. darüber informiert, dass Informationen über sie weitergegeben werden und akzeptieren dies nach entsprechender Aufklärung. Dennoch hat der Schutz von Privatgeheimnissen oberste Priorität. Daher ist in jedem Fall sorgfältig abzuwägen, wem welche Informationen weitergegeben werden und wer darauf Zugriff hat. Wichtig ist, dass unsere Berufsgruppe auch andere Berufsangehörige dafür sensibilisiert.
Problematisch ist es häufiger im stationären Setting von z.B. psychosomatischen oder Rehakliniken, wenn die Kollegen/innen Berichte über Patienten anfertigen sollen, die auf die Kostenübernahme gerichtet sind, über diese Berichte aber keine Verfügung nach außen haben. Bei Anfragen von Kostenträgern über schützenswerte Patientendaten entsteht ein Konflikt zwischen Schweigepflicht und Herausgabe der Daten zur Kostenzusage für die Maßnahme. Hier kann eine Schutzmaßnahme sein, klinikintern auf einen angemessenen Datenschutz hinzuwirken, entsprechende Antworten auf Anfragen mit Vorgesetzten abzustimmen und dies zu dokumentieren.

Dokumentationspflicht und Einsichtsrecht

Frage: Was beinhaltet die Dokumentationspflicht, wie ist das Verhältnis zum Einsichtsrecht, wie ist die Aufbewahrungsfrist? (s. a. Ausführungen zu PP)

Antwort: Zu dokumentieren sind mindestens die sog. objektiven Daten wie Sozialdaten und Gesprächstermine. Auch fachlich-inhaltlich muss ein Minimum für die Nachvollziehbarkeit dokumentiert werden. Wer außer dem/der Behandler/in oder Berater/in Einsichtsrecht in die Dokumentation hat, hängt von der Schweigepflichtentbindung durch Klienten/ Patienten ab. Hier kann es zu Spannungen zwischen Berufsrecht und vom Arbeitgeber beanspruchtem Dienstrecht kommen.
Hilfreich können zusätzliche ‚persönliche’ Aufzeichnungen als Bewertungen und Einschätzungen sein, besonders zum Zweck der eigenen Evaluation, die allerdings auch Teil der Behandlungsdokumentation sind. Außer im Falle von strafrechtlichen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft gegen eine/n Psychotherapeuten/in hat niemand ein Recht auf unbeschränkte Einsichtnahme in derartige Unterlagen – auch nicht die Ratsuchenden selbst im Konfliktfall. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts können im Maßregelvollzug Behandelte jedoch vollständige Einsicht beanspruchen, auch in persönliche Einschätzungen.
Besonders im Rahmen des Schutzauftrags nach SGB VIII § 8a empfiehlt es sich, die Einbeziehung anderer Fachstellen sowie die Ergebnisse der jeweiligen Fallbesprechungen zu dokumentieren.
Da in den Beratungsstellen uneinheitliche Aufbewahrungspflichten bestehen (6 Monate bis 2 Jahre) wird die Übernahme der Aufbewahrungszeiten für Dokumentationen aus der hessischen Berufsordnung (10 Jahre) empfohlen. Der Ausschuss für ethische Fragen und Berufsordnung ist mit dem Vorstand der hessischen Psychotherapeutenkammer (LPPKJP) einig, sich für eine einheitliche Regelung einzusetzen.

Berufs- und Dienstrecht

Frage: Wie ist das Verhältnis zwischen Berufs- und Dienstrecht?

Antwort: Das Berufsrecht ändert nichts an der grundsätzlichen Weisungsgebundenheit von Angestellten.
Wer die Fachaufsicht ausübt, ist in Kliniken meist geregelt, in anderen institutionellen Zusammenhängen aber oft unklar und daher regelungsbedürftig.
Inwieweit Vorgesetzte, wenn sie keine fachlich-therapeutische Qualifikation haben,  den angestellten PP und KJP auch fachliche Vorgaben machen können, ist umstritten. Im Konfliktfall sollten angestellte Kollegen/innen fachlich motivierte Bedenken gegenüber der Vorgesetzten- bzw. Leitungsebene schriftlich dokumentieren, um die eigene inhaltliche Verantwortung klar zu legen und abzugrenzen – dies auch als Schutz gegenüber eventuellen späteren Regressansprüchen. In diesem Zusammenhang wird auf die unverzichtbare Berufshaftpflichtversicherung hingewiesen, nicht zu verwechseln mit der Berufsunfall- oder Wegeversicherung durch die Berufsgenossenschaft. Die Beschäftigten sollten sich genau erkundigen, ob für sie ein solcher Schutz durch den Arbeitgeber besteht, und ihn ggf. privat abschließen.

Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen

Frage: Wie kann eine gleichberechtigte Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen erreicht werden?

Antwort: Die kollegiale Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen innerhalb einer Einrichtung insbesondere mit Ärzten wird teilweise als problematisch gesehen: Da Psychologen/innen keine somatische Führung der Pat. haben, werden sie manchmal nur als ‚Zuarbeiter’ ohne eigene Tätigkeitsprofile oder Verantwortungsbereiche gesehen. Letztlich entscheiden die Bedingungen ‚vor Ort’ darüber, inwieweit PP und KJP in Meinungsbildungsprozessen eine Stärkung ihrer Position im Zusammenspiel der verschiedenen Professionen erreichen können, z.B. durch Arbeitsplatzbeschreibungen.
Nicht selten sollen PP und KJP in multidisziplinären Teams aber auch sozialarbeiterische Funktionen übernehmen und werden entsprechend geringer bezahlt. Auch hier gilt, dass diese Kollegen/innen ihre spezifischen Kompetenzen bekannt machen, dafür werben und abgegrenzte Arbeitsplatzbeschreibungen festzulegen suchen.