16.10.2018

„Chronifizierung verhindern – Psychotherapie stärken“

Studie: „Versicherte werden von Krankenkassen bewusst falsch informiert“

Die Gesundheitsversorgung psychisch kranker und therapiesuchender Menschen hat sich in Deutschland seit 2017 deutlich verschlechtert. Wie aus einer von der Psychotherapeutenkammer Hessen mitgetragenen Versorgungsstudie hervorgeht, wird diese schlechtere Gesundheitsversorgung auch von Krankenkassen verursacht, die ihre Versicherten bewusst falsch informieren. „Auch in Hessen lehnen viele gesetzliche Krankenkassen Anträge auf Kostenerstattung von Psychotherapien ab. Diese Kassen nutzen die komplizierten Regelungen aus, um psychisch kranken Menschen den Zugang zu psychotherapeutischen Leistungen zu erschweren. So sparen die Kassen Kosten, statt ihren Patientinnen und Patienten Wege zur Therapie zu zeigen und ihnen zu helfen“, kritisiert die Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, Else Döring (Frankfurt).

Vizepräsidentin Else Döring: Behandlung zeitnah fördern statt behindern.

Wie die am Dienstag (16.10.) in Berlin vorgestellte Versorgungsstudie belegt, werden dabei viele Ablehnungen von den Krankenkassen falsch begründet: So zum Beispiel mit der Behauptung, Kostenerstattung sei nicht mehr erlaubt. 82 Prozent der befragten PsychotherapeutInnen berichten von Ablehnungen, die mit der Einführung von Terminservicestellen begründet wurden. Dadurch seien nun alle PatientInnen versorgt. Tatsächlich vermitteln diese Stellen Patienten aber nur einen Termin für die Sprechstunde, jedoch keine Therapieplätze. So sei die Bewilligungsquote von Anträgen auf Kostenerstattung binnen eines Jahres von 81 Prozent (2016) auf 47 Prozent (2017) gesunken – dieser Trend halte 2018 weiter an. Wenn Anträge bewilligt wurden, sank der Umfang der genehmigten Therapiesitzungen durchschnittlich um knapp 25 Prozent. Die Bearbeitungsdauer der Anträge stieg laut Studie von durchschnittlich 6,6 auf 8,4 Wochen (um 27 Prozent).

 

Döring: Möglichkeiten „ambulanter vor stationärer“ Behandlung zeitnah fördern statt behindern

Die Psychotherapeutenkammer Hessen fordert, einer Chronifizierung psychischer Erkrankungen vorzubeugen und einen schnellen Behandlungsbeginn „ambulant vor stationär“ zu gewährleisten. Der Gesetzgeber müsse sicherstellen, dass (gemäß § 13 Abs. 3 SGB V) die Kostenerstattung für Psychotherapien in Privatpraxen von den Krankenkassen weiterhin bewilligt wird. Die gesetzlichen Krankenkassen sind dazu verpflichtet, eine erforderliche ambulante Psychotherapie außervertraglich im Wege der Kostenerstattung zu finanzieren, wenn die Sicherstellung der Behandlung im Rahmen der Vertragspraxen nicht gewährleistet werden kann. Wie die Studie belegt, wird ein erheblicher Anteil der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung bisher in „Kostenerstattungs-Praxen“ erbracht. Durch die restriktive Handhabung der Kostenerstattung für diese außervertragliche Psychotherapien „verknappen Krankenkassen die ohnehin unzureichenden ambulanten Behandlungsmöglichkeiten für Versicherte der gesetzlichen Krankenkassen”, bedauert die Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, Else Döring. So verschlechtere sich die ambulante psychotherapeutische Versorgung für die Patienten weiter.

 

Psychotherapeutenkammer Hessen ermutigt Patienten: Gegen Ablehnungsbescheide vorgehen!

Die Psychotherapeutenkammern fordern „eine an den regionalen Versorgungserfordernissen orientierte Versorgungsplanung, die sich am konkreten Behandlungsbedarf der PatientInnen orientiert.” Die Psychotherapeutenkammer Hessen ermutigt betroffene Patienten, gegen Ablehnungsbescheide vorzugehen. Die von zehn Landespsychotherapeutenkammern erarbeitete Versorgungsstudie zur aktuellen Lage der Kostenerstattung von  Psychotherapien in Privatpraxen basiert auf einer Umfrage unter Psychologischen PsychotherapeutInnen und Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen im 1. Quartal 2018 (Stichprobengröße  2417). Die gesetzlichen Krankenkassen finanzieren ambulante Richtlinien-Psychotherapie – also Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Psychotherapie und Psychoanalyse – bei niedergelassenen PsychotherapeutInnen in Vertragspraxen.

–     Die Psychotherapeutenkammer Hessen ist die Selbstverwaltung aller Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen und -psychotherapeuten des Landes. In der Psychotherapeutenkammer Hessen sind rund 5.400 qualifizierte Expertinnen und Experten organisiert – mehr als 1.000 von ihnen sind auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind Expertinnen und Experten für psychische Gesundheit und psychische Erkrankungen – sie tragen mit ihrer Tätigkeit zur Gesundheit in der Bevölkerung Hessens bei. Die Kammer setzt sich für leistungsfähige Versorgungsstrukturen und berufsübergreifende Zusammenarbeit ein. Sie arbeitet eng mit anderen Kammern zusammen und pflegt regen Austausch mit Organisationen des Gesundheitswesens in Gremien und Initiativen. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist die Psychotherapeutenkammer Hessen demokratisch verfasst.          (rge)

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