Erster hessischer PiA-Tag zu den Themen „Ethik in der Psychotherapie“ und „Zukünftige Berufschancen von Psychotherapeuten“

Am 07. Juni 2008 fand im Frankfurter Ökohaus der erste hessische PiA-Tag zum Thema „Ethische Fragestellungen in der Psychotherapie“ statt. Aufgrund der späten Einladung kamen bedauerlicherweise nur ca. 30 PiA und KJPiA zu den beiden großen Themenblöcken des Tages, die zum einen ethischen Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven psychotherapeutischer Tätigkeit, zum andern den zukünftigen Berufschancen von Psychotherapeuten gewidmet waren.

In seiner Ableitung der psychotherapeutischen Berufsethik aus dem Gefüge des moralischen und ethischen Denkens der Philosophie wies Präsident Jürgen Hardt auf die heutigen Ansätze einer intersubjektiven Ethik hin, die den Menschen in einen sozialen Kontext einbettet und ethische Fragen nicht mehr von einer Position außerhalb des Subjekts und außerhalb der sozialen Einbettungen entwirft. Aus dieser Perspektive ist jede therapeutische Berufsordnung der Selbstverantwortung einer Berufsgemeinschaft in einem freien Beruf verpflichtet, die die Ausübung und Einhaltung ethischer Prinzipien aus ihrer Verpflichtung gegenüber „dem Leben, der Gemeinschaft und dem individuellen Leiden“ begründet.

Stephan Stanko, stv. Vorsitzender des Ausschusses Ethik und Berufsordnung der Kammer, sprach anschließend über die Grundlagen der Hessischen Berufsordnung, die er als Ausdruck der Professionalisierung der therapeutischen Heilberufe beschrieb und aus dem professionellen ärztlichen Berufsethos und dem Schutz der Vertrauensbildung in der Arzt-Patient-Beziehung ableitete. Die Verbindung von Intimisierung und Individualisierung im therapeutischen Kontakt bei gleichzeitiger professionalisierter Berufsausübung erfordere vom Therapeuten eine besondere Fähigkeit zur Balance zwischen rollengebundenem und individuellem Handeln, zwischen diffuser und spezifischer Sozialbeziehung.

Die Notwendigkeit, sich affizieren zu lassen, sich diese Affizierung bewusst zu machen, in eine wissenschaftliche Sprache zu übersetzen und damit der Behandlung zugänglich zu machen, ist Kern des Übertragungskonzepts der Psychoanalyse, das mit seiner Entwicklung die Notwendigkeit der Abstinenz auch fachwissenschaftlich begründete. Hier ist auch die Verankerung der Selbsterfahrung, der Kenntnis der eigenen wunden Punkte in der Ausbildung zu begründen. In seiner beeindruckenden Übersicht über die Geschichte der Arzt-Patient-Beziehung seit dem hippokratischen Eid zeigte Stephan Stanko die Bedeutung der in den Ausbildungscurricula oft zu wenig beleuchteten Fragen therapeutischer Identität.

 

Unter der Moderation von Susanne Walz-Pawlita wurden die allgemeinen ethischen Überlegungen in der anschließenden Podiumsdiskussion aufgegriffen. Marlies Lübber-Hagmann, Vorsitzende des Ausschusses und Horst Häuser, Richter am VG Wiesbaden, Vorsitzender der Schlichtungsstelle stellten anschaulich das Vorgehen der Kammer bei eingehenden Beschwerdefällen aus Behandlungsstreitigkeiten vor. Marion Schwarz beschrieb die besonderen ethischen Probleme bei psychotherapeutischen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen, die immer auch eine Einbeziehung der Sorgeberechtigten erfordern, ohne die notwendige Schweigepflicht, die auch in Kinder- und Jugendlichenbehandlungen gelte, verletzen zu dürfen. Die beiden hessischen PiA-Sprecher Renate Schirmer und Jona Iffland wiesen aus ihrer Sicht auf die besonderen ethischen Probleme für Ausbildungsteilnehmer hin, deren Position im Gefüge ihrer Tätigkeit oft nicht ausreichend geregelt ist und unklare Grenzziehungen beinhalte. Darüber hinaus sei die finanzielle Situation vieler PiA selbst als unethisch zu bezeichnen. Zuletzt beschrieb Thomas Merz die besonderen berufsethischen Probleme von Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis, für die diese Fragestellungen immer in  den strukturellen Kontext ihrer Institutionen eingebunden sind.

Die sich darin anschließende offene Diskussion mit den Teilnehmern war besonders Fragen zur Dokumentations- und Schweigepflicht, sowie zur Situation der PiA gewidmet.

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Die von Hans Bauer moderierte Nachmittagsveranstaltung stand unter der Überschrift „Zukünftige Berufschancen von Psychotherapeuten“ und wurde durch die Vorträge von Susanne Walz-Pawlita zur „Nachwuchssituation von Psychotherapeuten und zum Forschungsgutachten“, von Thomas Merz zur „Beruflichen Situation von Psychotherapeuten in Institutionen“ und von Hans Bauer zu „Sozialrechtliche Aspekte, Niederlassungsfragen und Praxissitzverkauf“ eingeleitet.

In dem sich daran anschließenden lebhaften Austausch der anwesenden PiA mit dem Podium wurde deutlich, dass vor allem die Niederlassungsfragen besonders bedrückend sind. Die hohen finanziellen Forderungen einzelner Praxissitzverkäufe verschärfen die ohnehin angespannte Situation vieler PiA zusätzlich. Gleichzeitig wurde die offene Entwicklung im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigungen und zukünftiger Bedarfsplanungen als weitere Verunsicherung genannt.

Lesen Sie hier die Einführung in die Thematik des Präsidenten

Vortrag: “Berufsordnung und Berufsethik in der Psychotherapie” von Herrn Stanko

Folien Beschwerde und Schlichtung von Frau Lübber-Hagmann

Statement Podiumsdiskussion von Frau Lübber-Hagmann

Kurzstatement zum PiA-Tag 07.06.2008 – Ethik in der Psychotherapie von Marion Schwarz

Folien und Vorträge des PiA-Tags von Frau Walz-Pawlita

Ausbildung wozu? – Psychotherapeuten in Institutionen – Perspektiven zukünftiger Tätigkeitsfelder von Herrn Merz

Folien zum Vortrag “Ausbildung wozu? – Psychotherapeuten in Institutionen – Perspektiven zukünftiger Tätigkeitsfelder von Herrn Merz