12.02.2019

„Getrennt leben – gemeinsam erziehen“

Fachtagung zum Reformbedarf im Familienrecht und zum Wechselmodell

Das Wechselmodell ist kein Allheilmittel. In vielen Fällen funktioniert eine „Doppelresidenz“ für Kinder rein praktisch nicht, weil die Eltern zu weit auseinander wohnen. Zugleich sind sich Psycholog(inn)en und Psychotherapeut(inn)en, Pädagog(inn)en und Jurist(inn)en einig: Das Familienrecht muss auch in Deutschland weiterentwickelt werden. Im Bundesjustizministerium wird deshalb an Reformplänen gearbeitet. In anderen Ländern Europas ist das Wechselmodell gesetzlich verankert (Norwegen, Spanien, Schweiz, Tschechien) und zudem vom Gesetzgeber bevorzugt (Schweden, Frankreich, Belgien, Italien). In Deutschland ist die Zahl der Verfahren zum Umgangsrecht (2017 fast 55.000) in den zurückliegenden Jahren in Deutschland kräftig gestiegen. Immer wieder werden Psychotherapeut(inn)en deshalb mit forensischen Gutachten beauftragt. Familiengerichte wollen herausfinden, welches Erziehungsmodell nach der Trennung der Eltern den betroffenen Kindern die besten Entwicklungsperspektiven gibt. Denn das Wohl der Kinder soll dabei im Mittelpunkt stehen.

„Getrennt gemeinsam erziehen“ war der Titel einer Fachtagung zur aktuellen Debatte rund um das Wechselmodell. Die Psychotherapeutenkammer Hessen hat Expert(inn)en unterschiedlicher Professionen nach Frankfurt eingeladen, um die mit dem Wechselmodell-Vorstoß für ein neues Familienrecht verbundenen Herausforderungen aus psychotherapeutischer, pädagogischer und juristischer Perspektive zu beleuchten. Rund neunzig Familienrichter(innen), Verfahrensbeistände und Psychotherapeut(inn)en sind dieser Einladung (am 7. Februar) gefolgt – wenige Tage vor der öffentlichen Anhörung zu diesem Thema im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages (am 13. Februar). Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter bezeichnete das Thema „Wechselmodell“ als erkennbar spannungsreiche und interdisziplinäre Herausforderung: Deshalb sei es für Juristen, Rechtsbeistände und Gutachter hilfreich, dass sie sich nicht nur im Gerichtssaal – mit Blick auf konkrete Einzelfälle – begegnen. Winter bewertete den Fachtag als Gelegenheit, gemeinsam darüber nachzudenken, wie die unterschiedlichen Akteure an den gemeinsamen Schnittstellen miteinander im Interesse des Kindeswohls vorankommen wollen: Residenzmodell oder Wechselmodell – welches Erziehungsmodell passt – in welchen Fällen?

Prof. Hildegund Sünderhauf wirbt für das Wechselmodell: “Ist generell vorzuziehen.”

Sünderhauf: „Wechselmodell ist generell vorzuziehen“

Prof. Dr. jur. Hildegund Sünderhauf warb für das Wechselmodell und gab in einem Einführungsvortrag Einblicke in die psychologische Forschung und die rechtliche Umsetzung. Die Professorin für Familienrecht (Ev. Hochschule Nürnberg), die sich seit zehn Jahren mit dem Thema Wechselmodell befasst, verweist auf die veränderte Realität in der Gesellschaft: Dem nach wie vor dominierenden Residenzmodell, bei dem Kinder nach einer Scheidung meist bei der Mutter leben, liege noch die „Hausfrauenehe“ als Familienmodell zugrunde, bei der die Frau Kinder betreute und der Vater das Geld verdiente. Mit Blick auf das gesellschaftliche Leitbild des 21. Jahrhunderts sei heute das Wechselmodell zu favorisieren, wenn die Partnerschaft der Eltern beendet sei, aber die gemeinsame Erziehungs-Verantwortung beider Elternteile ernst genommen werde. Sünderhauf ist überzeugt davon, dass dem Wechselmodell generell der Vorzug zu geben ist. Sie verweist auf die „überwiegende Mehrheit der vorliegenden wissenschaftlichen Studien zu den Auswirkungen des Wechselmodells auf Kinder und Jugendliche“, die zu positiven Ergebnissen gekommen sei. Auch wenn das Wechselmodell keine Lösung für jede Trennungsfamilie sein könne und es in Einzelfällen gravierende Gründe dagegen gebe (z. B. bei konkrete Gefährdung des Kindes durch Gewalt und Missbrauch), dürfe nicht vergessen werden: „Das sind die Ausnahmen.“

 

„Der Kindeswille und die Kommunikationsfähigkeit der Eltern“

Dr. Julie Strube über das “Wechselmodell in Familiengerichts-Verfahren”.

„Das Wechselmodell im familiengerichtlichen Verfahren“ war Thema eines Vortrags der erfahrenen Familienrichterin Dr. Julie Strube. Die Richterin am Oberlandesgericht Frankfurt erläuterte die Maßstäbe, die bei einer Gerichtsentscheidung über den regelmäßigen Aufenthalt eines Kindes eine Rolle spielen: Zum Beispiel die Erziehungseignung der Eltern, die Bindungen des Kindes, der Kindeswille sowie die Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit der Eltern. Wenn Familiengerichte diese Kriterien nicht selbst beurteilen können, kommen Sachverständigengutachten zum Einsatz. Wie ist die entwicklungspsychologische Situation des Kindes? Wie anpassungsfähig ist das Kind an den regelmäßigen Wechsel des Lebensumfeldes? Im Blick der Gerichte ist dabei auch das Kriterium, dass Kinder bei einer hohen Konfliktbelastung durch die Eltern ständig mit den Streitigkeiten konfrontiert werden und in Koalitionsdruck geraten: Sind beide Eltern in der Lage, ihre persönlichen Konflikte von der gemeinsamen Elternrolle zu trennen und kindeswohlbezogen zu kommunizieren?

Befürworter des Wechselmodells als Leitbild sehen die Chance, dass sich die Zahl der Sorgerechtskonflikte deutlich reduzieren ließe: Bisher seien Eltern bei einer Trennung umworben von einer „florierenden Streitbewirtschaftungsindustrie“ und Fachliteratur mit den „25 fiesesten Scheidungstricks“. Mit der Einführung des Wechselmodells als Leitbild müsste die Möglichkeit einer geteilten Betreuung zu ungefähr gleichen Teilen vorrangig erwogen und geprüft werden. Der bisher oft erfolgreichen Strategie, mit Tricks und Konflikten vor dem Familiengericht das Residenzmodell durchzusetzen, könnte systematisch entgegengewirkt werden.   

 

„Nestmodell ist das beste Wechselmodell“

Roland Wiebe: das Nestmodell ist das beste Wechselmodell.

Diplompädagoge Roland Wiebe (Bensheim) kennt sich aus mit Eltern und Streitigkeiten vor Familiengerichten. Er ist Verfahrensbeistand und vertritt vor Gericht die Interessen der Kinder: Aus seiner Sicht ist das Nestmodell das beste Wechselmodell – die Betreuung der Kinder erfolgt auch nach der Trennung der Eltern abwechselnd im gewohnten Umfeld („Nest“). Ungünstige Bedingungen für diese besondere Wechselmodell-Variante sind nach seinen Erfahrungen, wenn etwa ein Elternteil in den Schriftsätzen den anderen abwertet, „Fakten schafft“ (z. B. durch Umzug) oder Vorurteile pflegt („Kinder gehören zu den Müttern“ bzw. „Die Mutter will nur nicht arbeiten gehen.“). Wo es eine Übereinstimmung in den wesentlichen Bereichen im Alltag und das gemeinsame Ziel gebe, weitere Katastrophen zu verhindern (Wiebe: „Eine Trennung der Eltern ist für die Kinder meist eine persönlich in sämtlichen Lebensbereichen relevante Katastrophe“), sei das Nestmodell das beste Wechselmodell: Kindern bleibe das Hin- und Her-Pendeln erspart – sie bleiben im gewohnten „Nest“ sowie in ihrer Schule, der Kindertagesstätte und dem Sportverein. Verfahrensbeistand Wiebe wirbt dafür, das Nestmodell als Option zu prüfen. Wichtig sei eine zeitnahe, möglicherweise zeitintensive und ergebnisoffene Beratung. Auch Architekten könnten zum Gelingen des Lebens im Nestmodell beitragen. Diplom-Pädagoge Wiebe hat „Nesthäuser“ skizziert, in denen die Wohnung der Kinder die zentrale Rolle einnimmt – mit unterschiedlichen Zugängen sowie angebauten Räumen für die Eltern, die so ganz praktisch getrennt leben und gemeinsam erziehen könnten.

 

Empirische Evidenz und der Alltag in Familiengerichten

Podiumsdiskussion: Das Wechselmodell ist kein Allheilmittel, aber in geeigneten Fällen für die Kinder eine bessere Lösung.

Verfahrensbeistände, Rechtsanwälte, Familienrichter, forensische Sachverständige und Psychotherapeuten kamen bei dieser interdisziplinaren Fachtagung so über die Herausforderungen und Chancen im Familienrecht ins Gespräch – auch über die Frage, welche Bedingungen dazu beitragen, dass ein Umsetzen des Wechselmodells für alle Beteiligten gut gelingen kann. Bei einer Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass die Evidenz der empirischen Forschung zum Wechselmodell bislang nicht mit Alltagserfahrungen bei Jugendämtern, Rechtsbeiständen und Familiengerichten harmoniert: Dort landen oft „hochstrittige Eltern“, bei denen eine partnerschaftlich geteilte Betreuung der Kinder nur schwer denkbar scheint. Prof. Hildegund Sünderhauf warnt dagegen vor einem inflationären Gebrauch des Begriffs „Hochstrittigkeit“. Sie ist überzeugt, dass eine aktualisierte Gesetzgebung mit dem Wechselmodell auch die kooperative Grundeinstellung der meisten Eltern sichtbar machen würde: „Die meisten Eltern lieben ihre Kinder (…) und sind bereit, ihr Bestes zu geben – Mütter und Väter. Geben wir ihnen und ihren Kindern diese Chance.“

Die Psychotherapeutenkammer Hessen wird die weitere Entwicklung der Debatte um das Familienrecht verfolgen und wegen des enormen Interesses an diesem Themenkomplex voraussichtlich 2020 eine weitere Fachtagung dazu anbieten. Kammer-Vorstandsmitglied Sabine Wald, die als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin häufig als forensische Gutachterin tätig ist, freut sich über das bundesweit starke Interesse an der Fachtagung zum Wechselmodell: Der interdisziplinäre Austausch aus unterschiedlichen Perspektiven (wie der Familiengerichtsbarkeit, der Forschung, der Psychologie und Pädagogik) werde allen Beteiligten helfen, „besser mit den komplexen, vernetzten und dynamischen Situationen im Familienrecht umzugehen“.                  (rge)

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