Fachveranstaltung „Bedarfsplanung unter psychotherapeutischen Gesichtspunkten“ - Psychotherapeutenkammer Hessen

Fachveranstaltung „Bedarfsplanung unter psychotherapeutischen Gesichtspunkten“

Zur 10. Delegiertenkonferenz (2. Wahlperiode) der Psychotherapeutenkammer Hessen fand am 29.10.10 im Hotel Oranien in Wiesbaden eine Fachvorveranstaltung zum  Thema “Bedarfsplanung unter psychotherapeutischen Gesichtspunkten” statt zu der zwei Experten gewonnen werden konnten:  zum einen Dr. Thomas Kopetsch, Diplom-Volkswirt und Leiter des Referats Bedarfsplanung, Bundesarztregister und Datenaustausch der KBV; zum anderen die Ärztin Prof. Dr. med. habil. Eva Bitzer vom ISEG (Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung e.V.) Hannover und von der Pädagogische Hochschule Freiburg, Institut für Alltagskultur, Bewegung und Gesundheit.

„Epidemiologische Aspekte  der psychotherapeutischen Bedarfsplanung“

Eva Bitzer referierte zu „Epidemiologische Aspekte der psychotherapeutischen Bedarfsplanung“. Hierzu definierte sie einführend, dass der Bedarf in der Gesundheitsversorgung sich aus einerseits dem subjektiven Bedarf der Patienten und andererseits dem objektiven Bedarfsfeststellung seitens der Profession/Wissenschaft (z.B. Diagnostik) ableite. Im Hauptteil ihrer Ausführungen stellte sie dann zwei mögliche Wege vor, zu Daten zu erlangen, um Aussagen zum Bedarf an Psychotherapie zu kommen: Zum einen können epidemiologische Surveys herangezogen werden, zum anderen Abrechnungsdaten  der KBV.

An epidemiologischen Surveys könne etwa zurückgegriffen werden auf den Bundesgesundheitssurvey  von 1998 (Zusatzmodul „Psychische Störungen“), den telefonischen Gesundheitssurveys des Robert-Koch-Institutes oder (weniger ausführlich) oder den Kinder- und Jugendgesundheitssurvey. So ergab etwa der Bundesgesundheitssurvey, dass die Ein-Jahres-Prävalenz der 18-65Jährigen dafür, an irgendeiner psychischen Störung des F-Kapitels der ICD-10 zu erkranken, bei rund 31% liegt.  Das Problem an solchen Surveydaten sei aber, so Bitzer, dass diese zwar bundesweit repräsentativ sind, aber nicht ausreichend detailliert für kleinräumige Analysen.
Was Abrechnungsdaten der GKV angeht, so würden bekanntlich Gesundheitsreports der Techniker Krankenkasse, Gmünder Ersatzkasse, KKK-Allianz und BARMER GEK vorliegen. Aus diesen Reports ließen sich Ergebnisse zu Fall- und Diagnosehäufigkeit, Verweildauer und Fehlzeiten und Arzneimittelverordnungen ableiten, zudem seien regionale Analysen möglich.  Was Fallhäufigkeit und Diagnoserate angehe, so lassen sich folgende Zahlen aus den Abrechnungsdaten extrahieren:  Im  Jahr 2008 betrug die ambulante F-Kapitel-Diagnoserate 29,2%, 12,4/ 1000 Versicherte Krankenhausfälle wegen einer F-Diagnose gab es 2009, AU-Fälle 2009 44/ 1000 Versicherte und Krankengeldfälle 6,6/ 1000 Versicherte. Psychische Störungen würden somit im Mittelfeld der ICD-Diagnosekapitel rangieren. Zudem sei bei einer Analyse der letzten 10 Jahre erkennbar, dass psychischer Störungen im zeitlichen Verlauf deutlich zunehmen. Die besondere Bedeutung psychischer Erkrankungen resultiere außerdem maßgeblich aus ausgesprochen langen Verweilzeiten in Krankenhäusern (KH-Tage) sowie exorbitanten Fehlzeiten (AU- und KG-Tage). Zusammenfassend könne festgehalten werden, dass psychische Störungen in allen Leistungsbereichen bei Frauen häufiger als bei Männern auftreten, bis zum Renteneintritt bei beiden Geschlechtern kontinuierlich zunehmen und ambulant deutlich häufiger diagnostiziert werden als das sie zur Arbeitsunfähigkeit führen. Was  den Regionalbezug angeht, so variieren Diagnosehäufigkeiten und medikamentösen Behandlungsraten im Hinblick auf Depressionen auf Bundeslandebene um etwa 50%. In den Neuen Bundesländern würden sich durchgängig sowohl Diagnose- als auch Behandlungsraten finden lassen, die um mehr als 20% unter den Werten liegen, welche aufgrund der spezifischen Alters- und Geschlechtsstruktur zu erwarten wären.

Vortrag

Diskussion     

In der Diskussion wurde von den Zuhörern u.a. angemerkt, dass in der Psychiatrie-Enquete von 1975 bereits Aspekte, die heute wieder verstärkt im Rahmen einer veränderten Bedarfsplanung diskutiert werden, wie etwa gemeindenahe Versorgung, empfohlen wurden. Auch wurde geäußert, dass auf Grundlage von GKV-Versorgungsdaten differenziertere Bedarfsanalysen schwer möglich sind, da etwa Daten zur sozialen Schichtung oder Arbeitslosigkeit nicht berücksichtigt werden können. Zudem wurde deutlich, dass es einen „wahren Bedarfswert“ wohl nicht gibt, sondern der Bedarf „multiperspektivisch“ verstanden werden muss.

„Kleinräumige Bedarfsplanung unter Berücksichtigung der (teil-)stationären Versorgung“

Das Konzept der kleinräumigen Bedarfsplanung der KBV wurde anstelle des  sehr kurzfristig ausgefallenen Referenten Thomas Kopetsch vom Vizepräsidenten unserer Kammer Hans Bauer vorgestellt. Dieses Konzept berücksichtigt einen Kernaspekt veränderten Rahmenbedingungen in der Gesundheitsversorgung, nämlich, dass die für die noch geltende  Bedarfsplanung ursächliche „Ärzteschwemme“ inzwischen durch eine Situation des Ärztemangels ersetzt wurde (z.B. 5.000 fehlende Ärzte in Krankenhäusern, 1.700 fehlende Ärzte im ambulanten Bereich).  Auf Bedarfsplanung deshalb allerdings völlig zu verzichten, erscheine aber nicht sinnvoll, da sich damit die Ungleichverteilung zwischen Ballungsgebieten und schon jetzt unterversorgten Gebieten weiter verschärfen würde – wie etwas das Beispiel Berlin zeige, wo die kleinräumige Bedarfsplanung aufgehoben wurde und es zu Zuzügen von Ärzten  in sozioökonomisch „bessere“ Stadtteile (z.B. Charlottenburg-Wilmersdorf) und Wegzügen aus „schlechteren“ Stadtteilen (z.B. Neukölln) kam. Kopetsch plädiert deshalb für eine Arztsitzsteuerung. Grundlage für selbige solle eine sektorenübergreifende Versorgungsplanung sein, die kleinräumig den Behandlungsbedarf der Wohnbevölkerung misst und daraus den Versorgungsbedarf im ambulanten und stationären Bereich ableitet und passgenau organisiert.
Diese Überlegungen hat die KBV in einem Gesetzesvorschlag ausformuliert. Im Mittelpunkt dieses Vorschlags steht eine neu zu gründende „Arbeitsgemeinschaft für sektorenübergreifende Versorgungsplanung“, der u.a. die Psychotherapeutenkammern, wohl aber ohne Stimmrecht, angehören sollen. Die konkrete Ausgestaltung der Versorgungsplanung mit Sitzverteilungssteuerung soll auf der Grundlage eines Prüfverfahrens dann geschehen. Diese Verfahren prüft, ob ein regionaler Standort folgende vier Bedingungen erfüllt:  1. Es muss eine unterdurchschnittliche Versorgungslage vorliegen; 2. Potenzielle Standorte müssen strukturelle Mindestbedingungen erfüllen; 3. Wirtschaftlichkeitskriterium muss erfüllt sein; 4. Bestehende Standorte müssen wirtschaftlich tragfähig bleiben. Um den Bedarf sodann auch in strukturschwachen Gebieten decken zu können, soll ein Strukturfonds zur finanziellen Unterstützung von Niederlassungen gegründet werden. Zudem soll es der KV möglich sein Eigeneinrichtungen (etwa MVZ´s) zu schaffen. In überversorgten Gebieten wird ein Arzt-/Psychotherapeutensitz nicht mehr neu besetzt, wenn sich der Vertragsarzt bzw. Psychotherapeut beispielsweise aus Altersgründen zur Ruhe setzen will. In diesem Fall muss die KV die Praxis zum Verkehrswert aufkaufen. Der aufgekaufte Sitz wird zukünftig dann nicht mehr besetzt.

Vortrag

Diskussion

Die Teilnehmer diskutierten intensiviert jenen Aspekt des KBV-Konzepts, wonach der Bedarf nicht primär auf der Grundlage von Morbiditäten, sondern auf der Basis von Wirtschaftlichkeit ermittelt werden soll. Auch wurde die Einschätzung vertreten, dass Instrumente der Steuerung der Bedarfsplanung in der Regel „ein stumpfes Schwert“ darstelle. Was Psychotherapie angeht, so wurde angemerkt, dass gerade hier die schiere Anzahl der Sitze wenig relevant sei, da zum einen diese immer häufiger nicht in vollem Umfang ausgenutzt werden (Frauen kombinieren etwa teilzeitige Berufstätigkeit mit Kinder) und es Abhängigkeiten vom psychotherapeutischen Verfahren gibt (Analytiker behandeln mit ihrem Sitz weniger Patienten als etwa Verhaltenstherapeuten). Interesse wurde auch geäußert, komplementär zum KBV-Konzept das sich in Entwicklung befindende Bedarfsplanungsmodell des G-BA kennenzulernen.

MO