Gesprächspsychotherapie


1. Entstehung

Die Gesprächspsychotherapie gehört zu den wissenschaftlich anerkannten und im stationären und ambulanten Bereich in großem Umfang angewandten Verfahren.
Sie ist umfassend beforscht und dadurch als wirksames psychotherapeutisches Verfahren ausgewiesen.

Unter dem Namen “Personzentrierte Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen” ist sie auch in der Psychotherapie dieser Altersgruppe weit verbreitet.

Die Gesprächspsychotherapie gehört zu den humanistischen Psychotherapieverfahren. Im Mittelpunkt steht der ganze Mensch (Leib, Seele, Geist), und zwar nicht nur mit seinen Störungen sondern auch mit seinen Fähigkeiten. Sie konzentriert sich auf die Gegenwart, das “Hier und Jetzt”.

Die Gesprächspsychotherapie wurde von  dem amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers (1902-1987) aus seiner psychotherapeutischen und pädagogischen Arbeit mit Erwachsenen und Kindern in Abgrenzung zu Psychoanalyse und Verhaltenstherapie entwickelt:

Die Gesprächspsychotherapie und die ihr zugrunde liegende Theorie entstammen der klinisch-psychologischen Praxis. Rogers hatte das Ziel, eine Psychotherapieform zu entwickeln, die von der praktischen Erfahrung ausgehen und auf der Reflexion dieser Erfahrungen aufbauen sollte.

Die Theorie beinhaltet Rogers’ theologische, pädagogische und philosophische Grundüberlegungen und berücksichtigt Kenntnisse aus der experimentellen und behavioristisch orientierten Psychologie und der Psychoanalyse.

2. Grundidee

Im Mittelpunkt von Beratung/Psychotherapie steht das Individuum und nicht das Problem. Es ist nicht das Ziel, ein bestimmtes Problem zu lösen, sondern dem Individuum zu helfen, sich zu entwickeln. Zu dieser Grundidee gehört die zentrale Überzeugung, dass jeder Mensch die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu verstehen und erfolgreich zu verändern. Hinzu kommt die therapeutische Erfahrung, dass diese Fähigkeit am besten in einer Beziehung mit bestimmten definierbaren Merkmalen freigesetzt und verwirklicht werden kann (Beziehung Klientin/Klient – Therapeutin/Therapeut bzw. Klientin/Klient – Beraterin/Berater).

3. Theoretische Grundlagen des Personzentrierten Ansatzes

Dem Menschenbild liegen folgende zentrale Annahmen über die Natur des Menschen und über menschliches Zusammenleben zugrunde:

  • Jeder Mensch besitzt eine angeborene Tendenz, seine Person, sein Verhalten und Erleben selbständig und eigenverantwortlich in Richtung auf positives Wachstum zu entwickeln.
  • Menschliches Leben vollzieht sich als Prozess der Selbstverwirklichung. Dazu gehört Selbsterfahrung (Selbstaktualisierung).
  • Jeder Mensch lebt in seiner eigenen subjektiven Welt. Zugleich ist er immer in Beziehung mit seiner Umwelt. Diese ist aber nur in der Weise bedeutsam und handlungsleitend, in der sie von dem Einzelnen in seine Innenwelt aufgenommen wird und dort gegenwärtig (repräsentiert) ist.
  • Jeder Mensch besitzt ein großes Bedürfnis nach tiefen mitmenschlichen Beziehungen (Zuwendung).
  • Zwischenmenschliche Beziehungen werden als befriedigend und förderlich erlebt, wenn sie frei von Machtmissbrauch sind, und wenn jeder die Einzigartigkeit und Eigenart seines Gegenübers wahrnimmt und akzeptiert.

4. Persönlichkeitsentwicklung/Psychische Störungen

Das Individuum ist mit den oben beschriebenen positiven und konstruktiven Kräften und Fähigkeiten ausgestattet. Destruktive Entwicklungsbedingungen können diese auf Wachstum und Entfaltung gerichteten Kräfte beeinträchtigen und behindern – mit der Folge psychischer Störungen. Die Fähigkeit, konstruktive Erfahrungen zu machen, ist behindert. Diesen Zustand empfindet das Individuum beispielsweise als Auseinanderklaffen von Verhalten und Erleben, als inneren Spannungskonflikt, inneren Leidensdruck. Die Störung kann sich ganz offen in Verhaltensstörungen sowie in vielfältigen anderen seelischen Belastungen äußern, wie

  • negative Wahrnehmung der eigenen Person (negatives Selbstkonzept)
  • depressive Verstimmung
  • psychosomatische Beschwerden
  • existentielle Krisen und Sinn-Verlusten
  • Belastungen in Ehe und Familie
  • Entscheidungsschwierigkeiten
  • Ängsten vor dem Sterben

 5. Therapietheorie

Ziel der Therapie ist es, das Selbstkonzept der Klientin/des Klienten zu verbessern. Hier haben sich, wie in umfangreichen wissenschaftlichen Forschungen nachgewiesen wurde, die drei von Rogers entwickelten  Variablen, die die  klientenzentrierten Grundhaltungen ausmachen, bewährt.

Dazu gehören:

Empathie und Selbstexploration
Die Behandlerin/der Behandler nimmt die innere Lebenswelt der Klientin/des Klienten mit all den gefühlsmäßigen Facetten, die er erfassen kann, exakt und ohne Wertung wahr. D. h., er versetzt sich in die innere Erlebniswelt der Klientin/des Klienten und versucht, sie mit ihren/seinen Augen zu sehen (Empathie = einfühlendes Verstehen). Diese hohe Aufmerksamkeit ermöglicht es der Klientin/dem Klienten, sich selbst genauer wahrzunehmen und seine Erkenntnisse der Therapeutin/dem Therapeuten/der Beraterin/dem Berater unmittelbarer und vollständiger mitzuteilen (Selbstexploration = Selbsterforschung).

Unbedingte positive Achtung bzw. Wertschätzung
Die Behandlerin/der Behandler achtet und beachtet die Klientin/den Klienten bewusst, konzentriert – professionell. Die Erlebniswelt der Klientin/des Klienten wird vorurteils- und wertfrei übernommen. Viele Klientinnen/Klienten erleben diese “Kraft der Beziehung” erstmalig in ihrem Leben. Diese Rahmenbedingungen ermöglichen es ihnen, ihre inneren Haltungen und Erfahrungen angstfreier und weniger verzerrt als bislang zuzulassen und auszudrücken.

Kongruenz/Echtheit und Vertrauen
Die Behandlerin/der Behandler ist aufrichtig gegen sich selbst und nimmt das eigene Erleben in der Begegnung mit der Klientin/dem Klienten vollständig wahr. Die Mitteilungen an die Klientin/den Klienten stehen nicht im Widerspruch zu den eigenen Empfindungen. Diese für viele Klienten neue Grundhaltung in einer Beziehung ist vertrauensfördernd. Vertrauen ist die Basis jeder hilfreichen Beziehung.

6. Anwendung

Bei der Gesprächspsychotherapie ist es entscheidend, dass die Therapeutin/der Therapeut neben der fundierten Ausbildung die aktuellen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse berücksichtigt und mit den Patienten arbeitet, die auf Gesprächspsychotherapie “ansprechen”. Hier spielen Klienten- und Settingmerkmale sowie symptom- und problembezogene Aspekte die entscheidende Rolle. Gesprächspsychotherapie wird angewendet bei:

  • Kindern
  • Jugendlichen und Erwachsenen
  • Paaren
  • Gruppen
  • alten Menschen

sowie in folgenden Anwendungsfeldern:

In der medizinischen Versorgung im ambulanten und stationären Bereich:
  • bei psychiatrischen Patienten
  • bei psychosomatischen Patienten
  • bei chronisch Kranken
  • in der Sterbebegleitung
  • bei Kriseninterventionen
Im Strafvollzug:
  • In der Prävention
  • In der Rehabilitation

Die Gesprächspsychotherapie gilt als kostengünstiges und effektives Verfahren.

7. Forschung

Rogers gilt als Pionier der empirischen Psychotherapieforschung. Der Personzentrierte Ansatz wurde in zahlreichen wissenschaftlichen Studien auf seinen therapeutischen Beitrag hin erforscht. Hierbei zeigte sich deutlich, dass die Klienten während der Therapien ein positiveres Selbstkonzept entwickeln konnten, sich ihre inneren Spannungen und Ängste verminderten, verzerrte Wahrnehmungen geringer wurden und verwirrende Gefühle und psychosomatische Symptome deutlich abnahmen.