Gestalttherapie

1. Geschichtliches und aktuelle Entwicklungen

Gestalttherapie wird – wie Gesprächspsychotherapie und Psychodrama zu den Humanistischen Psychotherapieverfahren gezählt. Begründet wurde sie von dem deutsch-jüdischen Psychiater und Psychoanalytiker Frederik (Fritz) Salomon Perls (1893-1970) in kritischer Distanzierung gegenüber der Psychoanalyse einerseits und dem Behaviorismus bzw. der Verhaltenstherapie andererseits. Als “Geburtsstunde” gilt die Veröffentlichung von Gestalt Therapy – Excitement and Growth in the Human Personality von Perls, Hefferline und Goodman 1951 (deutsch: Gestalt-Therapie – Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung, 1979), durch die der Name “Gestalt-Therapie” erstmals in der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde.

Als Erlebnis aktivierendes Verfahren erreichte die Gestalttherapie in den 60er und 70er Jahren eine weite Verbreitung in den USA und Europa, namentlich auch in Deutschland. Nicht zuletzt durch die Betonung der persönlichen ganzheitlichen Erfahrung und des existentiellen Bezuges psychischer Probleme und Störungen hat die Gestalttherapie nur schwer Anschluss an den universitären Forschungsbetrieb gefunden und gilt – trotz einer Vielzahl von Untersuchungen, die ihre Wirksamkeit bestätigen, in Deutschland nicht als “wissenschaftlich anerkannt”. In Österreich, Ungarn und anderen Ländern ist ihr Rang als wirksames und wissenschaftlich begründetes psychotherapeutisches Verfahren jedoch unbestritten.

Im Zuge ihrer internationalen Verbreitung hat sich die Gestalttherapie weiter differenziert, wobei die verschiedenen Strömungen unterschiedliche Gesichtspunkte in den Vordergrund rücken. Dementsprechend bestehen in Deutschland drei Fachgesellschaften, die sich in ihrer Tradition stärker oder schwächer auf Fritz Perls und seine Schüler beziehen. Der “klassische” Ansatz wird vor allem von der “Deutschen Vereinigung für Gestalttherapie (DVG)” vertreten. Demgegenüber hat die “Deutsche Gesellschaft für Integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung (DGIK)” ihren Ansatz v. a. durch die Aufnahme von Erkenntnissen und Methoden aus dem psychoanalytisch-tiefenpsychologischen Bereich und aus der Körper- und Bewegungstherapie erweitert. Die “Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie (DAGP)” stützt sich vorrangig auf die Theorien und Forschungsergebnisse der akademisch-wissenschaftlichen Tradition der Gestalttheorie in der Psychologie.

Die Ausbildung in Gestalttherapie dauert drei bis fünf Jahre und umfasst eine umfangreiche Eigentherapie (Lehrtherapie), Behandlung unter Supervision und Theoriestudium.

2. Grundannahmen in der Gestalttherapie

Geistesgeschichtlich haben die Psychoanalyse, der philosophische Pragmatismus der sog. Chikagoer Schule und auch der Zen-Buddhismus die Gestalttherapie beeinflusst. Im Bereich der Behandlungstechnik und der Therapietheorie haben schon früh Elemente des Psychodrama (Moreno) und der Körpertherapie (Reich) Eingang in die Gestalttherapie gefunden.

  • Die Gestalttherapie sieht den Menschen in einer ständigen Wechselbeziehung zu seiner Umwelt, Organismus und Umwelt bilden ein zusammengehöriges Feld.
  • In diesem Feld handelt der menschliche Organismus als psychosomatische Einheit: Wahrnehmen und Denken (Kognition), Fühlen (Emotion) und Handeln (Körpermotorik) bedingen einander gegenseitig.
  • Um in dem gemeinsamen Feld von Organismus und Umwelt wachsen und sich entwickeln zu können, muß der Mensch
  • seine für ihn wichtigen Bedürfnisse erkennen können, d. h. er muss zur “Gestaltbildung” in der Lage sein: augenblicklich wichtige (Figur) von augenblicklich unwichtigen Bedürfnissen (Hintergrund) unterscheiden können;
      • so mit seiner Umwelt Kontakt aufnehmen können, daß er die zur Befriedigung seiner (als wichtig erkannten)
      • Bedürfnisse notwendigen Umweltanteile in den Organismus aufnehmen (assimilieren) kann.

3. Grundverständnis psychischer Störungen und Behandlung

Demgemäß sieht die Gestalttherapie psychische Störungen, insbesondere Neurosen, primär als Wahrnehmungs- bzw. Kontaktstörungen. Innere Konflikte (wie in der Psychoanalyse) oder fehl gelaufene Lernvorgänge (wie in der Verhaltenstherapie) sind deshalb nicht unwichtig, aber von sekundärer Bedeutung. Wahrnehmungs- und Kontaktstörungen werden vorrangig im unmittelbaren Kontakt (im “Hier und Jetzt”) mit dem Therapeuten (oder einer Gruppe von Mitpatienten) behandelt.

Da Gewahrsein der eigenen Bedürfnisse und Kontakt zu deren Befriedigung immer nur im “Hier und Jetzt” erfahrbar und beobachtbar ist, geht auch der Gestalttherapeut ganz unmittelbar vom “Hier und Jetzt” der therapeutischen Beziehung aus: Ihn interessiert zunächst mehr die Struktur und der Prozess des gegenwärtigen Kontaktverhaltens des Patienten (Was geschieht? Wie geschieht es?) und erst sekundär die Kausalität und historische Bedingtheit der gegenwärtigen Beziehung (Warum geschieht es?).

In der Behandlungstechnik spielen Rückmeldungen eine große Rolle, durch die der Patient auf ihm nicht bewusste körperliche oder sprachliche Reaktionen aufmerksam gemacht wird mit dem Ziel, seine Selbstwahrnehmung zu verbessern. Ebenso erweitern Techniken des Perspektivenwechsels und des Rollentauschs, in denen der Patient aufgefordert wird, aus der Perspektive eines Anteils der eigenen Person oder eines Partners oder Kontrahenten engagiert zu sprechen, die Bewusstheit Umgang mit eigenen Bedürfnissen und Ängsten. Bekannt geworden ist die Technik des “leeren Stuhls” mit deren Hilfe dieser Perspektivenwechsel symbolisiert werden kann. Prinzipiell nutzen Gestalttherapeuten zur Erlebnisaktivierung beim Patienten ein breites Spektrum von Techniken, die auch Malen, Modellieren, Traum- und Tagtraumarbeit und anderes umfassen können.

4. Therapeutische Beziehung

Die Gestalttherapie geht von der grundsätzlichen Selbstverantwortlichkeit des Menschen aus, die auch in der Beziehung von Therapeut und Patient Geltung hat, andererseits aber für den Patienten auch ein Problem darstellen kann. Daher ist eine tragfähige und belastbare, von der Seite des Therapeuten auch unterstützende Beziehung die Voraussetzung für die oft konfrontierende und frustrierende Vorgehensweise in der Therapie. Diese Doppelseitigkeit der Therapeut-Patient-Beziehung ist die Grundlage für die Verbesserung der Selbstorganisation und der Autonomie des Patienten im Zuge der Behandlung.

5. Therapieziele

Gestalttherapie strebt an, dem Patienten dabei zu helfen, seinen Wahrnehmungs- und Kontaktstörungen auf die Spur zu kommen, d. h. sie bewusster zu erleben und darüber Handlungsalternativen zu gewinnen, um sie zu überwinden. Letztlich ist damit eine veränderte, lebendigere Beziehung zu den Mitmenschen und zur Umwelt im Allgemeinen angezielt, die psychische Symptome als Ausdruck eines gestörten Verhältnisses von Organismus und Umwelt verringert bzw. zum Verschwinden bringt.

Im Sinne der Selbstverantwortlichkeit liegt es beim Patienten, sich darüber Rechenschaft zu geben, ob ihn der eingeschlagene Weg überzeugt und ihn die Behandlung in seiner inneren Entwicklung weiterbringt bzw. wann er das Behandlungsergebnis für ausreichend hält. Aufgabe des Therapeuten wiederum ist es, dem Patienten, die notwendigen Informationen für eine begründete Entscheidung zur Verfügung zu stellen und sie zu respektieren.

6. Indikationsbereiche

Gestalttherapie hat ein breites Indikationsspektrum, behandelt werden v. a. neurotische, psychosomatische, Persönlichkeitsstörungen und Suchtprobleme. Eine gestalttherapeutische Behandlung kann durch die Aktualisierung lebensgeschichtlicher Konflikte und Traumata zeitweise eine erhebliche psychische Belastung darstellen, der bis zum Aufbau neuer Bewältigungsmöglichkeiten in der Therapie Rechnung getragen werden muss. Schwere psychische Erkrankungen, z. B. Psychosen erfordern ein modifiziertes Vorgehen, sind aber grundsätzlich ebenfalls behandelbar.