Neuropsychologische Therapie

Was ist Neuropsychologie/neuropsychologische Therapie?

Die Neuropsychologie beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Gehirn und psychischen Funktionen/Verhalten, wie z.B. dem Denkvermögen (bzw. der Intelligenz), der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis, dem Sprachvermögen, den motorischen Fertigkeiten etc. Die Klinische Neuropsychologie untersucht und beschreibt gestörte psychische Funktionen infolge von Schädelhirnverletzungen oder Erkrankungen des zentralen Nervensystems oder von Erkrankungen, die Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit des Gehirns haben. Darüber hinaus bietet die Klinische Neuropsychologie spezielle neuropsychologische Therapiemöglichkeiten für die Behandlung von durch Krankheit oder Unfall erworbenen neuropsychologischen Störungen und Beeinträchtigungen.

Geschichtliches und aktuelle Entwicklung der neuropsychologischen Therapie

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts (ca. 1915) wurden neuropychologische Behandlungsverfahren in der klinischen Arbeit mit hirngeschädigten Soldaten in den Lazaretten des ersten Weltkrieges beschrieben. Diese erste Blüte der deutschen Neuropsychologie wurde durch die nationalsozialistischen Vertreibungen zahlreicher prominenter Vertreter zunichte gemacht. Während dadurch in Deutschland bis in die 1970er Jahre eine schwere Narbe verblieb, wirkten die Exilanten im Ausland weiter. Erst in den 80er Jahren kam die Neuropsychologie (vor allem aus den USA) nach Deutschland zurück und begann, sich an den Universitäten als eigenständige Disziplin und in den Rehabilitationskliniken als Klinische Neuropsychologie in Diagnostik und Therapie zu etablieren. Seither erlebt die Neuropsychologie einen neuen und vorher ungeahnten Aufschwung. Gründe dafür sind u. a. in enorm wachsendes Interesse an der Hirnforschung, bedingt durch zahlreiche Verkehrsunfälle. Im Zusammenhang mit der rasanten Entwicklung der Notfallmedizin kam es zu stark anwachsenden Zahlen von Patienten mit organisch bedingten psychischen Störungen. Heute ist Standard, dass in jeder neurologischen Rehabilitationsklinik, aber auch in Akutkrankenhäusern und geriatrischen Einrichtungen, Neuropsychologinnen und Neuropsychologen eigenständig diagnostische Untersuchungen und Behandlungen durchführen.

Grundannahmen neuropsychologischer Therapie

Ein wesentliches Postulat der neuropsychologischen Therapie ist die Annahme, dass normales Verhalten und Erleben ein intaktes Zentralnervensystem voraussetzt. Nur wenn die vorhandenen neuronalen Systeme, die sich im Laufe der Entwicklung ausdifferenziert haben, Sinnesinformationen (Umweltinformationen) adäquat verarbeiten und für die Bildung entsprechender mentaler Repräsentationen sorgen, ist ungestörtes zielgerichtetes Verhalten, aber auch normales Erleben möglich. Alle ungestörten psychischen Prozesse basieren demnach auf einem intakten Nervensystem. Ebenso wird davon ausgegangen, dass alle Formen des Lernens ein strukturelles oder biochemisches Äquivalent aufweisen, und nur dann ungestört möglich sind, wenn die neuronalen Systeme intakt sind.

Die neuropsychologische Therapie geht ferner von einer großen Plastizität des Gehirns als Voraussetzung von jeglicher Veränderung durch Lernen aus. Die Plastizität spielt auch eine Rolle in Situationen, in denen es durch äußere oder innere Einflüsse zu Funktionsbeeinträchtigungen neuronaler Systeme kommt. Die aktuellen neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse aus dem tierexperimentellen und dem Humanbereich unterstützen diese Sicht durchgehend. Durch das Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen werden Voraussetzungen und Grenzen für Lernen nach erworbener Hirnschädigung erkannt und Therapiemöglichkeiten entwickelt.

Was kann behandelt werden  (Indikationsbereiche)

Die neuropsychologische Therapie wird bei allen krankheitsbedingten Funktionsstörungen des Gehirns (organische, einschließlich symptomatischer psychischer Störungen ICD-10: F0). angewandt. Darunter fallen z.B. Folgen traumatischer Schädigungen des Gehirns wie Schädelprellung, Schädelbruch, Hirntraumen, Gehirnerschütterung, Folgen von Schlaganfällen, Folgen entzündlicher Krankheiten wie z.B. Meningitis, Encephalitis, Folgen epileptischer Erkrankungen, Folgen frühkindlicher Schädigungen und Entwicklungsstörungen des ZNS, vaskuläre und degenerative Demenzformen, Parkinsonsche Erkrankung, Folgen Raum fordernder Prozesse (Tumoren) etc.

Die Folgen solcher Erkrankungen des Gehirns und des ZNS können Lähmungen von Armen, Beinen etc. sein. Was aber oft noch schwerer wiegt, sind Störungen im Bereich der geistigen Leistungsfähigkeit, im Gefühlsleben oder Störungen im Sozialverhalten. Schwierigkeiten, den Alltag selbständig zu planen oder weitreichende finanzielle Entscheidungen zu treffen, mangelnde Kontrolle z.B. aggressiver Impulse werden oft erst nach der Entlassung aus der Klinik in der komplexen Situation des Alltags von Familienmitgliedern beobachtet und als problematisch und belastend erlebt. Ursache dieser Probleme sind oft organisch bedingte

· kognitive Störungen (Aufmerksamkeitsstörungen, zerebrale Blindheit, Vernachlässigung (Neglect), visuoperzeptive und visuokognitive Störungen, Agnosie, räumlich-perzeptive, räumlich-kognitive, räumlich-konstruktive und räumlich-topographische Störungen, Lern- und Gedächtnisstörungen, Störungen exekutiver Funktionen, Apraxie, Störungen von Sprache und Sprechen, Störungen der Schriftsprachverarbeitung, Störungen der Zahlenverarbeitung),

  • emotionale und affektive Störungen
  • Motivationsstörungen (z.B. Apathie)

und daraus folgend auch

  • Verhaltensstörungen

Es kommt vor, dass Betroffene selbst ihre Störungen unterschätzen und sich oder andere durch ihr Verhalten in Gefahr bringen. Auch das Überschätzen von Schwierigkeiten kommt bei Patienten und Angehörigen vor und kann bei zu häufig angebotenen Hilfestellungen dazu führen, dass Patienten nicht so selbständig sind, wie sie es sein könnten. Zusätzlich zeigt es sich, dass viele Betroffene sich mit ihrem Zustand nicht abfinden können. Häufig kommt es dann zu Depressionen, Angst und Anspannung sowohl beim Patienten als auch bei Angehörigen. Langfristig ist es nicht selten, dass Menschen nach Erkrankungen und Verletzungen des Gehirns aufgrund dieser neuropsychologischen Störungen ihre früheren Sozialkontakte nicht aufrechterhalten können und sozial isoliert sind.

Neben diesem Hauptindikationsbereich F0 werden aber auch bei anderen psychischen Störungen (z. B. kognitiven Störungen bei ICD-10: F20 Schizophrenie; Diagnostik neuropsychologischer Störungen bei Patienten mit affektiven Störungen) diagnostische oder therapeutische Methoden der Klinischen Neuropsychologie verwendet.

Wie sieht der Ablauf einer Neuropsychologischen Therapie aus?

Vor Beginn einer Therapie führt der Neuropsychologe zuerst eine ausführliche neuropsychologische Untersuchung (oft auch Diagnostik oder testpsychologische Untersuchung oder Testung genannt) durch, um einen detaillierten Überblick über die vorhandenen Probleme, aber auch die Stärken eines Patienten zu gewinnen. Die Untersuchung ist in der Regel umfangreich und umfasst systematisch kognitive und Verhaltensfunktionen u. a. mit standardisierten Testverfahren. Anhand der Ergebnisse dieser neuropsychologischen Diagnostik, die schriftlich festgehalten werden, erfolgt dann die individuelle Therapieplanung und Durchführung der Therapie, mit dem Ziel die vorhandenen Probleme zu beseitigen oder so weit wie möglich zu verringern.

Die Therapie selbst findet in der Regel bis zu fünfmal wöchentlich über mehrere Monate statt.

In manchen Fällen können die verloren gegangenen Funktionen wieder durch spezielle Therapieverfahren aufgebaut werden (Restitutionstherapie). Ist dieses nicht mehr möglich, werden Behandlungsverfahren eingesetzt, die auf die Kompensation der ausgefallenen Funktionen zielen (z. B. durch Einsatz von technischen Hilfsmitteln oder den Einsatz von Handlungsstrategien). Zusätzlich zu den auf Restitution und Kompensation ausgerichteten Behandlungselementen werden von Neuropsychologen auch Methoden klassischer psychotherapeutischer Verfahren verwendet. Es handelt sich bei diesen integrierten Verfahren vor allem um die in der Verhaltenstherapie entwickelten operanten Techniken, die vorwiegend zur Therapie von Verhaltensstörungen (Aggressivität, Schreien etc.) eingesetzt werden. Allerdings hat sich gezeigt, dass diese Methoden nicht ohne Modifikation und Adaptation bei hirngeschädigten Patienten angewendet werden können.

Neuropsychologische Therapie zielt immer auch darauf ab, dass der Betroffene sich mit der veränderten Lebenssituation auseinandersetzt und die Erkrankung und ihre Folgen erkennt und psychisch angemessen verarbeitet. Wenn dieses nicht ausreichend gelingt, ist es oft nicht möglich, kompensatorische Strategien zu erlernen. Die Folge davon kann dann sein, dass Patienten unselbständiger bleiben, als es eigentlich nötig wäre.

Wichtig ist auch immer, dass die in der neuropsychologischen Therapie erlernten Fertigkeiten in den Alltag integriert werden, so dass sie von dem Patienten dauerhaft genutzt werden und nicht wieder verloren gehen. Dazu gehört auch, dass Angehörige oder andere bedeutsame Personen in die Therapie einbezogen werden oder die Therapie oder Teile der Therapie auch in der Schule oder am Arbeitsplatz stattfinden können. Daraus ergibt sich, dass die ambulante Behandlung in der konkreten Lebenssituation des Patienten ein besonders wichtiger Bestandteil neuropsychologischer Therapie ist.