06.04.2019

„Klink-Neubauten können Reformen nicht ersetzen“

 Psychotherapeutenkammer fordert mehr Investitionen in ambulante Angebote und Personal

Mit Blick auf die enorm gestiegene Zahl der Krankheitstage durch psychische Erkrankungen fordert die Psychotherapeutenkammer Hessen deutlich höhere Investitionen in Psychotherapie-Personal. Beim Hessischen Psychotherapeutentag (am 5. und 6. April 2019) in Frankfurt wurden die aktuellen Millionen-Investitionen in den Neubau und die Modernisierung von Psychiatrie-Kliniken auch kritisch bewertet. „Manche Klinikgebäude müssen modernisiert werden – das ist unstrittig. Beeindruckende Neubauten können den konzeptionellen Reformbedarf in Psychiatrien aber nicht ersetzen“, erklärte die Präsidentin der Kammer, Dr. Heike Winter. „Natürlich dürften nicht alle Kliniken unter Generalverdacht gestellt werden. Tatsache sei aber auch, „dass es bei vielen stationären Einrichtungen erkennbaren Handlungsbedarf gibt – mit Blick auf Leitlinien und die Chancen durch Psychotherapie, von denen Patienten stärker profitieren könnten.“ In einigen Kliniken gebe es den Begriff „Psychotherapie“ zwar im Namen, aber kaum im Behandlungsalltag, weil es dort an den dafür qualifizierten Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten fehle. Kammer-Präsidentin Winter sagte beim Psychotherapeutentag in Frankfurt: „Manche Patientinnen und Patienten müssten eigentlich nicht in Kliniken, wenn es für Sie rechtzeitig ambulante Psychotherapie-Plätze geben würde. Doch da wird nach wie vor – auch von Krankenkassen – am falschen Ende gespart.“

 

 

Die Überzeugung, dass Psychotherapie in der stationären Versorgung nur bei bestimmten psychischen Erkrankungen eingesetzt werden kann, ist nach Darstellung der Psychotherapeutenkammer Hessen längst überholt: „Psychotherapie hat sich bei allen psychischen Erkrankungen als wirksam erwiesen.“ Sowohl in den nationalen als auch in internationalen Leitlinien zeige sich gebe es für Psychotherapie den höchsten Leitlinien-Empfehlungsgrad – zum Beispiel für die Behandlung depressiver Störungen, für Angsterkrankungen, für Zwangsstörungen, für Posttraumatische Belastungsstörungen, Alkoholbezogene Probleme und Schizophrenie. Kammer-Präsidentin Heike Winter verwies auch auf die interdisziplinäre Behandlung bei somatischen Erkrankungen – wie Krebserkrankungen, chronischen Schmerzen, Diabetes oder Adipositas: „Die Bedeutung der Psychotherapie in der Versorgung psychisch kranker Menschen wird schon allein aufgrund der steigenden Erkrankungszahlen weiter zunehmen.“

 

„Bestens ausgebildete Psychotherapeutinnen für Führungspositionen in Kliniken“

 

Deshalb muss nach Überzeugung der Psychotherapeutenkammer neben der ambulanten Versorgung auch die Qualität vieler Kliniken konzeptionell und personell deutlich verbessert werden. Planungsgrundlage sei oft noch die Psychiatrie-Personalverordnung aus dem Jahr 1991 (PsychPV). Der veränderte Stellenwert der Psychotherapie und die dafür notwendige personelle Ausstattung mit Psychotherapeuten sei bisher meist nicht berücksichtigt: „Das muss sich dringend ändern!“ Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) sei aufgefordert, hier Abhilfe zu schaffen: Damit eine – an den Leitlinien orientierte – stationäre Versorgung psychisch erkrankter Menschen in Zukunft besser gewährleistet werden kann. Zudem müsse darüber nachgedacht werden, wie Leitungspositionen in Fachkliniken künftig mit bestens ausgebildeten Psychotherapeutinnen oder Psychotherapeuten besetzt werden können. Nur so könne ausreichend qualifizierter Nachwuchs aus den unterschiedlichen Berufsgruppen für solche Führungspositionen motiviert werden: „Dann könnten verdiente Chefärzte endlich ihren Ruhestand genießen.“ Hintergrund: Auch in Hessen holen Fachkliniken bereits längst in den Ruhestand verabschiedete Senioren wieder auf den Chefsessel zurück, weil sich unter Medizinern bisher offenbar kein geeigneter Nachfolger gefunden hat.  

 

Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter mit Hessens Gesundheitsminister Kai Klose.

Gesundheitsminister Klose: Ausbildungsreform ist wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung

 

Zur Eröffnung des Psychotherapeutentages war auch der in Hessen für Gesundheit zuständige Staatsminister für Soziales und Integration, Kai Klose, nach Frankfurt gekommen. Er äußerte sich dort zur Reform der Psychotherapeutenausbildung: „Ich bin sicher, dass sich die Ausbildung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der Bedeutung der Psychotherapie entsprechend weiterentwickeln wird und hoffe, dass die Reform der Psychotherapeutenausbildung einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung in der Psychotherapie leisten kann.“ Hessens Landesregierung hat sich für diese Wahlperiode vorgenommen, die Versorgung psychisch erkrankter Menschen in ihren eigenen vier Wänden weiter zu verbessern, lange Wartezeiten zu verkürzen, Versorgungslücken zu schließen und die sozialpsychiatrischen Dienste der Kommunen zu stärken. Die Psychotherapeutenkammer Hessen sicherte Staatsminister Kai Klose zu: „Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und auf die Gespräche, wie wir zu einer besseren Psychotherapie-Versorgung in Hessen beitragen können!“ Hessens Landesregierung habe zentrale Herausforderungen für eine bessere Psychotherapieversorgung erkannt und auch im Koalitionsvertrag verankert. „Wir freuen uns, wenn Sie den bisherigen Gesundheitspakt mit allen relevanten Akteuren weiterentwickeln und künftig also konsequenterweise auch Hessens Psychotherapeutinnen und -therapeuten einbeziehen“, sagte Kammerpräsidentin Winter zu Gesundheitsminister Klose.

 

Döring: Beziehungsarchitekten und Kontaktkünstlerinnen leisten wichtige Therapiearbeit

 

Das Thema des Hessischen Psychotherapeutentages lautete: „Im Kontakt! – Die therapeutische Beziehung im Verlauf einer Psychotherapie.“ Dabei warf der (alle zwei Jahre organisierte) Psychotherapeutentag auch einen Blick auf die aktuelle neuropsychologische Forschung zum Thema Beziehung: Prof. Gregor Domes (Universität Trier) gab in einem Festvortrag zum Auftakt des Treffens am Freitagabend (5. April) spannende Einblicke: Kontakt, Beziehung, Vertrauen – zur Psychobiologie der Nähe.“ Die Veranstaltung bot den mehr als 350 Teilnehmenden mit Vorträgen und Workshops „interessante Perspektiven über den Tellerrand der jeweils eigenen Therapieschule hinweg“.

Veranstaltungen wie dieser Hessische Psychotherapeutentag seien wichtig, um mit allen Akteuren im Gesundheitswesen “in Kontakt“ zu sein, erklärte die Vizepräsidentin der Kammer, Else Döring: „Wir müssen gemeinsam neue Wege entwickeln.“ Inzwischen gebe es mehr als 22.000 Psychotherapeut(inn)en und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut(inn)en (KJP) in Deutschland. Döring sagte: „Alle müssen in Kontakt mit ihren Patienten sein. Das tun sie jeden Tag, indem sie sich zu Beziehungsarchitekten und Kontaktkünstlerinnen entwickeln und alltäglich wichtige Beziehungsarbeit leisten.“

(rge)

 

 

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