Landeskammer für
Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten und
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten
in Hessen

Psychodrama

1. Geschichtliches und aktuelle Entwicklungen

Psychodrama – genauer Psychodramatherapie oder psychodramatische Psychotherapie – ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das von dem jüdischen Psychiater und Sozialwissenschaft-ler Jakob Levy Moreno (1889-1974) begründet und in seinen Grundzügen ausgestaltet wurde. Psychodramatherapie umfaßt nur einen Teil – nämlich die psychodramatische Behandlung seelischer Störungen und Erkrankungen – des auf vielfältige Formen sozialer und gesellschaft-licher Praxis ausgerichteten Lebenswerks von Moreno. Gleichwohl besteht ein innerer Zusammenhang zwischen den verschiedenen sozial- und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien und Methoden in Morenos Werk und dem psychodramatherapeutischen Verfahren.

Moreno wurde in Bukarest geboren, zog als Kind mit seiner Familie nach Wien, wo er studierte und wo er schon in jungen Jahren neben seinem Studium und später seiner ärztlichen Tätigkeit vielfältige kulturelle, insbesondere theaterexperimentelle und literarische sowie soziale Aktivitäten entfaltete, die er später, nachdem er 1925 in die USA ausgewandert war, als Vorläufer und Grundlagen seiner dort vorgelegten Entwürfe von Psychodrama und Soziometrie ansah. 1931 legte er als Gefängnis-Psychiater des Sing Sing Gefängnisses in New York auf Grund von Vorstudien einen Vorschlag zur Zusammenfassung der Gefangenen in Gruppen nach soziometrischen Gesichtspunkten vor, der zugleich den historischen Beginn der Gruppenpsychotherapie markiert. 1934 erschien sein Hauptwerk „Who shall survive“ (deutsch: Die Grundlagen der Soziometrie), das die Umstrukturierung der Hausgruppen eines Mädchenerziehungsheimes auf der Grundlage von Sympathiewahlen (soziometrische Wahlen) und eine Vielfalt von in diesem Rahmen entwickelten Methoden und Techniken beschreibt. Hier hat Moreno den Begriff der „Therapeutischen Gemeinschaft“ geprägt, der später einer der Leitbegriffe bei der Umgestaltung psychiatrischer Kliniken und Einrichtungen werden sollte. Hier hat Moreno erstmals Rollenspiele zur Klärung und Überwindung persönlicher Schwierigkeiten und zwischenmenschlicher Konflikte eingesetzt. Hier taucht auch erstmals der Begriff „Psychodrama“ auf.

1936 konnte Moreno ein kleines Sanatorium in Beacon, New York, eröffnen, in dem er Pat. mit psychischen Problemen, auch schwerkranke psychiatrische Patienten, psychodramatisch behandelte. Gleichzeitig lehrte er die von ihm entwickelten Methoden von Psychodrama und Soziometrie an der Universität in New York. Dadurch sowie durch die Herausgabe von Zeitschriften und die Gründung von Fachgesellschaften konnte Moreno einen großen Kreis von Schülern für seine Methoden interessieren, die nach und nach das Psychodrama international verbreiteten und Ideen und Vorgehensweisen aus dem Psychodrama in die verschiedensten psychotherapeutischen und sozialwissenschaftlichen Ansätze einarbeiteten.

In Deutschland fand das Psychodrama seit Beginn der 70er Jahre eine breitere Resonanz. Es wird im Bereich der Psychotherapie, der Psychiatrie, der Suchtkrankenbehandlung, der Pädagogik, der Sozialarbeit, der Supervision, der Erwachsenenbildung, der Organisationsentwicklung und anderen beruflichen Feldern in jeweils feld- und problembezogen abgewandelter Form angewandt. Es gibt mehr als ein Dutzend Institute, die Psychodramatiker in verschiedenen Bereichen ausbilden. Fachverbandlich wird Psychodrama durch den „Deutschen Fachverband für Psychodrama (DFP)/Sektion Psychodrama im Deutschen Arbeitskreis für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG)“ vertreten.

Psychodramatherapie gilt in Deutschland trotz ihrer wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung, ihrer breiten praktischen klinischen Anwendung und ihrer internationalen Verbreitung und Anerkennung bislang nicht als „wissenschaftlich anerkanntes Verfahren“.

2. Psychodramatische Grundannahmen

Psychodrama zählt wie Gesprächspsychotherapie und Gestalttherapie zu den sog. Humanistischen Therapieverfahren. Es gilt darüber hinaus – wie die Gestalttherapie – als „Erlebnis aktivierendes“ Verfahren und wird den interpersonellen Traditionen in der Psychotherapie zugerechnet. Ursprünglich für das gruppentherapeutische setting entwickelt wird Psychodramatherapie heute auch vielfach in der Einzeltherapie (Monodrama) wie auch in der Familien- und Paartherapie angewandt.

Psychodrama geht von der jedem Menschen eigenen Fähigkeit zu kreativer Handlung und Gestaltung aus, die als eine Form der Selbstorganisation Individuen mit anderen (in Familien, Gruppen, in der Gesellschaft) verbindet. Kreativität setzt eine spezifische Form von Spontaneität voraus, die als energetisches Potential jedem mitgegeben ist. Der Mensch wird von Geburt an als ein mit anderen interagierendes Wesen gesehen, das in seinen Beziehungen gesellschaftlich vorgegebene Rollen übernimmt, diese aber auch selbst ausgestalten und verändern kann und darüber sein eigenes Selbst entwickelt. Einerseits entsprechen Rollen von außen beobachtbaren Verhaltensmustern, die von einer Reihe innerer Prozesse begleitet und angestoßen werden. Andererseits bilden sich erst durch das rollengetragene Handeln intrapsychisch – und damit auf neuronaler Ebene – spezifische Körper-, Gefühls, Vorstellungs- und Handlungsmuster aus, die die intersubjektive Dynamik szenisch speichern.

Aus dieser primär interpersonellen und interaktionellen Orientierung leitet sich ab, dass im Psychodrama das Individuum nicht als Einzelperson verstanden wird, sondern in einem sozialen Netz mit anderen verbunden ist. Diese grundlegende Verbundenheit des Einzelnen mit seinen Beziehungspersonen wird als Soziales Atom bezeichnet, in dem wichtige Andere dem Individuum näher oder ferner stehen und das sich im Laufe des Lebens in charakteristischer Weise ändert.

Das Psychodrama betont damit den engen Zusammenhang zwischen interpersonellen Beziehungen und Erfahrungen und dem inneren Erleben und der Erlebnisverarbeitung. Beide Ebenen sind Gegenstand und Medium psychodramatischer Therapie und des psychodramatherapeutischen Prozesses.

3. Psychodramatisches Verständnis von psychischen Störungen

Psychische Gesundheit lässt sich psychodramatisch als die Fähigkeit definieren, auf interpersonale und situative Anforderungen durch die aktualisierbaren Rollen, d. h. die verfügbaren Verhaltens- und Erlebensmuster, angemessen reagieren zu können. Das schließt die Neuschöpfung von Rollen und die Neubewertung bisheriger Rollen ebenso wie den Aufbau eines kohärenten und hinlänglich stabilen Sozialen Atoms ein. Störungen werden dann als Misslingen dieses Vorgangs sichtbar. Sie lassen sich weiter als Störungen im Bereich von Spontaneität/Kreativität, im Bereich des verfügbaren Rollenaggregats und/oder des Sozialen Atoms differenzieren. D. h. im Psychodrama werden psychische Störungen und psychosomatische Krankheiten primär unter dem Gesichtspunkt der Störung zwischenmenschlicher Beziehungen und Interaktionen betrachtet.

Zur Diagnose können handlungsbezogene diagnostische Stichproben (z.B. kurze psychodramatische Szenen mit wichtigen Bezugspersonen, Vignetten) oder spezifische explorative diagnostische Verfahren eingesetzt werden, die eine Einschätzung von Aufbau, Umfang und Variabilität von Rollenmustern und des sozialen Netzwerks erlauben. Zugleich kann dabei die Handlungsbereitschaft und Imagination als Basis psychodramatherapeutischer Behandlung beurteilt werden.

Damit stellt das Psychodrama anderen diagnostischen Systemen einen spezifischen – lebensweltlich orientierten – diagnostischen Zugang zum sozialen Feld und zur sozialen Kompetenz des Patienten an die Seite.

4. Therapeutische Beziehung

Ein wesentliches und allgemeines Therapieziel ist die Entwicklung der Fähigkeit zur auf Gegenseitigkeit und angemessener Wahrnehmung beruhenden Beziehung, von Moreno als „Telebeziehung“ bezeichnet. Wahrnehmungsverzerrungen, die z. B. aus spezifischen Vorerfahrungen mit nahen Bezugspersonen herrühren können (z. B. Übertragungen i. S. der Psychoanalyse) sollen nach Möglichkeit vermindert und abgebaut werden. Dies gilt auch für die Beziehung zum Psychodramatherapeuten, sowohl bei der Behandlung in der Gruppe wie in der Einzeltherapie. Insofern steht der Psychodramatherapeut seinem Patienten nicht als Projektionsfigur gegenüber, sondern gewissermaßen an seiner Seite und begleitet ihn bei seiner Auseinandersetzung mit seinen Konflikten.

5. Ablauf der Therapie

Eine zentrale Stelle im Psychodrama nehmen die rollenspielartigen psychodramatischen Inszenierungen auf der psychodramatischen Bühne ein. Im Rahmen einer Therapiesitzung kommt es nach einer Phase der Erwärmung (d. h. der gedanklichen und gefühlsmäßigen Vorbereitung auf ein aktuelles Thema, z. B. ein belastendes Erlebnis) zur szenischen Darstellung durch einen Protagonisten (Spieler). Dieser äußert ihn im Zusammenhang mit dem Thema aktuell beschäftigende Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Träume o. ä., die auf Vorschlag des Therapeuten mit Hilfe der Mitspieler (Gruppe) oder mit unbelebten Objekten (Einzeltherapie) in Szene gesetzt werden. Dadurch externalisiert der Protagonist sein inneres Erleben und sieht sich ihm in einer äußeren, nach seinen Vorgaben arrangierten Szene gegenübergestellt. Oft über mehrere assoziierte Szenen hinweg kann das psychodramatische Spiel zu einer emotionalen Verdichtung führen, z. B. zur Erinnerung an eine belastende oder traumatisierende Erfahrung, die im Protagonisten bisher verschüttete oder verdrängte Gefühle wachruft. Es kommt zu einem intensiven emotionalen Ausbruch (Handlungskatharsis), einer „Erfahrung von vitaler Evidenz“, durch die der Protagonist eine neue Sicht seines Problems und seiner selbst bekommt.

Nach Abschluss der szenischen Darstellung (Aktionsphase) folgt eine Phase der Reflexion und Integration (Integrationsphase) des Erlebten, in der vergleichbare Erlebnisse der Mitpatienten, ihre emotionale Berührtheit und Rückmeldungen für den Protagonisten zur Sprache kommen. Sie dient der gedanklichen Nachbereitung und der emotionalen Verarbeitung des u. U. aufwühlenden Geschehens.

Diese idealtypische Skizze einer Psychodrama-Sitzung kann in der Praxis vielerlei Abwandlungen erfahren. Eine gefühlsmäßig tiefgehende Problembearbeitung setzt eine Sicherheit gebende vertrauensvolle Atmosphäre in der Gruppe bzw. eine stabile und belastbare Beziehung zwischen Patient und Therapeut voraus, die in der Anfangsphase einer Therapie zunächst erst einmal zu erarbeiten ist. Dazu stellt u. a. die Soziometrie wichtige Hilfsmittel bereit.

Die Wirksamkeit von Psychodramatherapie ist jedoch nicht auf das Eintreten von Handlungskatharsis begrenzt. Die Vielfältigkeit des Verfahrens lässt auch darüber hinaus eine Vielfalt von Lernmöglichkeiten, der Gewinnung von Einsichten und der Neuorientierung des Verhaltens zu.

6. Indikationsbereiche

Im Laufe seiner Entwicklung hat die Psychodramatherapie zahlreiche Spezifizierungen erfahren, die störungs- und problembezogen Abwandlungen des grundlegenden Vorgehens möglich machen. Ebenso hat die Psychodramatherapie Konzepte und Vorgehensweisen aus anderen psychotherapeutischen Traditionen aufgenommen sofern sie mit der psychodramatischen Grundidee vereinbar sind. Dadurch hat sie einen sehr breiten Indikationsbereich von psychosomatischen über neurotische und psychotische Störungen, Suchterkrankungen bis zu Persönlichkeitsstörungen. Es gibt relative Kontraindikationen für akut suizidale und akut psychotische Patienten, die nur im stationären Rahmen behandelt werden sollten. Weitere Kontraindikationen sind Störungen bei denen Patienten aus übergroßen Scham- oder Schuldgefühlen heraus sich nicht aktiv handelnd zeigen können oder wollen („Expositionsphobie“). Hier muss unter Umständen auf eine psychodramatische Behandlung verzichtet werden.