23.01.2020

Was brauchen traumatisierte Kinder und Erwachsene?

Fortbildung zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) in Hessen

Großschadensereignisse (wie z. B. bei der Loveparade 2010 in Duisburg) können jederzeit auftreten: Sie erfordern eine rasche Reaktion zum Versorgen von Betroffenen, Zeugen und Angehörigen. Inzwischen erachtet die Öffentlichkeit es zu Recht als selbstverständlich, dass in komplexen Schadens- bzw. Gefahrenlagen nicht nur eine medizinische, sondern auch psychosoziale Hilfe bereitgestellt wird. Dabei ist in Hessen vor allem Frankfurt im Blick – als zentrale Großstadt mit einem internationalen Flughafen und einer Vielzahl von publikumswirksamen Großveranstaltungen. Für die psychotherapeutische Akutversorgung in Notfällen sowie vor allem für die Hilfsangebote für Betroffene nach einem Schadensereignis werden Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten  benötigt.

Eine Fortbildungsveranstaltung der Psychotherapeutenkammer Hessen vermittelte Basiskenntnisse der Organisation und Arbeitsweisen im Rettungswesen (Feuerwehr, Polizei und Sanitätsdienste) sowie Grundlagen der Behandlung in der psychotherapeutischen Notfallversorgung. Dazu gehören das Erkennen von Risikopersonen, Interventionen zur psychischen Stabilisierung bei Angst, Schmerz und Schock, zur Stressreduktion und zum Stärken von Ressourcen. Darüber hinaus ging es in Fachvorträgen und Workshops um die Praxis der Behandlung akuter Belastungsreaktionen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nach traumatisierenden Ereignissen. „Ziel der Veranstaltung ist es, motivierte Kolleginnen und Kollegen anzusprechen, die sich im Falle von Großschadensereignissen bereitfinden, psychotherapeutische Hilfe zu leisten“, erklärte Dr. Heike Winter, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, zum Auftakt der seit Monaten ausgebuchten Fortbildungsveranstaltung am 25. Januar in Frankfurt.

Winter verwies auf die Empfehlungen zu Qualitätsstandards und Leitlinien der psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK, 2011): Überlebende, Angehörige, Hinterbliebene, Zeugen und Vermissende sollen eine bedürfnis- und bedarfsgerechte medizinische und psychosoziale Unterstützung und Hilfe erhalten. Dazu wurden in verschiedenen Bundesländern Landeszentralstellen zur Organisation, Koordinierung und Qualitätssicherung der PSNV eingerichtet: “Es soll eine interdisziplinäre und organisationsübergreifende Zusammenarbeit der zahlreichen PSNV-Anbieter (wie Notfallseelsorger und -psychologen, Hilfs- und Rettungsorganisationen) und Einrichtungen der Notfall- und Regelversorgung (z. B. dem Rettungsdienst, psychosozialen Beratungsstellen) und hier vor allem mit psychotraumatologisch ausgewiesenen Psychotherapeuten und Psychiatern erfolgen.”

Fortbildung zu Psychosozialer Notfallversorgung (PSNV) in Frankfurt.

Fortbildung zu Psychosozialer Notfallversorgung (PSNV) in Frankfurt (Hessen).

Dipl.-Psych. Thomas Weber vom Zentrum für Trauma- und Konfliktmanagement in Köln (ZTK) erläuterte, warum eine Struktur für die psychosoziale Versorgung bei Notfällen als unverzichtbar gilt – auch, wenn jede Schadenslage einzigartig ist. Dies machte der erfahrene Krisenexperte an der Analyse der schrecklichen Ereignisse in Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Le Vernet / Haltern (Germanwings-Absturz), Nizza / Berlin und Sonderfällen wie Loveparade und dem Gas-Unglück in Titisee-Neustadt deutlich. Über die akute Notfallversorgung vor Ort hinaus müsse eine Strukturelle Interdisziplinäre Nachsorge (SIN) nach solchen Ereignissen gewährleistet werden, um langfristige Traumafolgestörungen zu vermeiden: “Die Hilfe für die Betroffenen und die betroffenen Institutionen wird möglichst frühzeitig und individuell zugeschnitten, um die natürlichen Heilungsprozesse zu unterstützen.” Weber differenziert in einem dreistufigen Vorgehen zwischen der Akutintervention (Hilfe in den ersten Stunden und Tagen), der mittelfristigen Nachsorge (nach etwa einem Jahr) sowie der langfristigen Nachsorge und Evaluation der eingeleiteten Aktivitäten. Auch für die Jahrestage (Gedenken etc.) brauche es eine Strategie. Was traumatisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene benötigen? “Sicherheit, Stabilisierung und eventuell Therapie”. 

In einem Workshop stellte Weber Screening-Instrumente zum Einschätzen der Gefährdungspotentiale einzelner Betroffener für das Entwickeln psychischer Folgeschäden vor. Dabei können die Betroffenen in drei Gruppen (“Selbsterholer”, “Risikopersonen” und “Wechsler”) eingeteilt und die Hilfsangebote den spezifischen Bedürfnissen angepasst werden. Während bei “Selbsterholern” das Anleiten zur Selbsthilfe mit dem Hinweis auf Hilfesysteme meist ausreiche, sei bei den “Risikopersonen” eine psychotraumatologische Diagnostik und gegebenenfalls eine Akuttherapie unverzichtbar. Weber machte deutlich, wie wichtig die in Hessen auch durch die von der Psychotherapeutenkammer forcierte Vernetzung der PSNV-Akteure ist: “Psychosoziale Nachsorge ist Netzwerkarbeit.”

Im Dialog: Dipl.-Psych. Thomas Weber (ZTK) im Gespräch mit Präsidentin Dr. Heike Winter und Frankfurts PSNV-Koordinator Peter Waterstraat.

Peter Waterstraat, der PSNV-Koordinator beim Gesundheitsamt Frankfurt, erläuterte Grundlagen, Strukturen und Schnittstellen der Psychosozialen Notfallversorgung in der Mainmetropole. Bei belastenden Notfällen und Einsatzsituationen sind vor allem zwei Zielgruppen im Blick: Die Betroffenen und die Einsatzkräfte. Obwohl in Hessen bislang keine Landesstelle für die PSNV existiert, sind in der Prävention und Früherkennung von psychosozialen Belastungsfolgen sowie der Koordination der Akteure seit dem ersten Konzept 2006 (Fußball-WM mit Frankfurt als Austragungsort) erkennbare Fortschritte erzielt worden. Gerade bei Großschadenslagen, in denen vorübergehende Chaosphasen unvermeidbar seien, brauche es auch für die PSNV (wie bei Polizei, Feuerwehr und allen “Blaulicht-Organisationen”) Strukturen für die Kooperation. Nur so könnten nach einem potentiell traumatisierenden Ereignis auch die PSNV-Ziele erreicht werden, bei betroffenen Personen und Gruppen das Erleben von Sicherheit, Beruhigung, Selbstwirksamkeit und Hoffnung (Hobfol) zu sichern. Zum Bewältigen kritischer Lebensereignisse sollen vor allem personale und soziale Ressourcen aktiviert werden – PSNV-Aktivitäten wirken ergänzend oder substituierend, erklärte Waterstraat: “Nicht jeder braucht PSNV.” 

In Frankfurt existiert eine Notfallseelsorge mit etwa 300 Einsätzen pro Jahr. Was ist bei Schadenslagen mit den nichtkörperlich Verletzten? Wie und wo kann ihnen geholfen werden? Es gibt einen Sonderschutzplan “Massenanfall von Verletzten” (MANV) und Konzepte für Behandlungsstellen, Betroffenen-Informationszentren (BIZ), für die Einsatzkräftebetreuung (mit Rückzugsräumen, Angeboten für die psychische Erste Hilfe etc.) sowie die zugleich erforderliche Kooperation mit der Polizei (Zeugensammelstellen etc.). Der Flughafenbetreiber Fraport verfügt über ein “Careteam” – auch die großen Fluggesellschaften sind für belastende Notfälle gerüstet. Wie sich mit Blick auf andere Unglücks- und Terrorfälle zeigt, liegen die Haupt-Herausforderungen inzwischen weniger in der Akutversorgung, sondern eher darin, in den Tagen, Wochen und Monaten nach solchen Ereignissen ausreichend viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit freien Kapazitäten zu finden, die mit ihrer diagnostischen Kompetenz eine individuell passende Nachsorge sichern können. Teilnehmer(innen) der Fortbildung konnten (durch das Eintragen ihrer Rufnummern und Mailadressen in entsprechende Listen) ihre Bereitschaft signalisieren, in solchen Fällen kontaktiert zu werden. Waterstraat bewertet diese schnelle Bereitstellung von Psychotherapie-Kapazitäten als wichtigen Mosaikstein in der PSNV-Planung für Hessen.

Prof. Dr. Christoph Kröger vom Institut für Psychologie der Universität Hildesheim thematisierte in einem Vortrag sowie später in einem Workshop Maßnahmen in der Akutversorgung von Erwachsenen. Obschon es enorme Fortschritte bei Behörden und Institutionen gibt, die PSNV sehr viel stärker im Blick haben als noch vor zwanzig Jahren, kritisiert Kröger einen Mangel an empirischer Forschung dazu in Deutschland. Bei der Präsentation von Studienergebnissen zur Häufigkeit von Akuten Belastungsstörungen (ABS) nach Unfällen, Überfällen, Terror-Anschlägen etc.) müsse er deshalb meist auf Ergebnisse aus anderen Ländern verweisen. Zudem müsse die Diagnostik in Forschung und Praxis breiter angelegt werden: So sollten nach potentiell traumatisierenden Ereignissen nicht nur Depressionen und Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) im Blick sein, sondern auch mögliche Steigerungen im Substanzkonsum (Suchtrisiken bei den Langzeitfolgen etc.).

Prof. Kröger (Uni Hildesheim) erläutert die Leitlinien zur Diagnostik und Akutfolgen psychischer Traumatisierung.
Fotos: Robert G. Eberle

Prof. Kröger gab den 90 Teilnehmende der Fortbildung Einblicke in die aktuellen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur “Diagnostik und Behandlung von akuten Folgen psychischer Traumatisierung”, die im August 2019 verabschiedet wurden. Darin wird klargestellt, dass Betroffenen keine Interventionen aufgedrängt werden sollen: “Sie basieren auf Freiwilligkeit und werden als Angebot formuliert.” Bei den ersten Interventionen gehe es um das “Beruhigen und Entlasten, Steigern von Kontrolle und Selbstwirksamkeit, Fördern von Kontakt und sozialer Anbindung sowie Stärkung von Hoffnung und Zukunftsorientierung”. Betroffene mit hoher Symptomlast oder erhöhtem Risiko für Traumafolgestörungen sollen in den ersten Wochen beobachtet, begleitetet und ggf. weiter versorgt werden (Screening und Monitoring). Als spezifische Frühintervention der Akuten Belastungsreaktion/störung soll laut Leitlinien die Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt werden: “Für andere Interventionen besteht derzeit noch keine ausreichende Evidenz. Aus diesem Grund kann keine Empfehlung gegeben werden.” Mit dem Einsatz von Psychopharmaka sollte “zugewartet werden, wenn keine akute Suizidalität vorliegt”. Zugleich wird in den Leitlinien gewarnt: “Debriefing als einmalige Intervention mit einem Durcharbeiten der traumatischen Erfahrung soll nicht als Frühintervention für Betroffene angeboten werden.” Beobachtendes Warten ist nach den Worten von Prof. Kröger, der an den AWFM-Leitlinien mitgearbeitet hat, in der Frühphase meist  hilfreicher: “Psychosoziale Interventionen können auch schaden.”

Fachvorträge und dann Workshops zum PSNV-Einsatz: Fortbildung in Hessen mit starker Resonanz.

Birgit Köppe-Gaisendrees von der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land thematisierte die Akutversorgung von Kindern und Jugendlichen. Sie hat zwei Jahre lang nach dem Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt (im Jahre 2002, bei dem elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizeibeamter erschossen wurden, und der Amokläufer sich anschließend selbst tötete) dort als Traumatherapeutin gearbeitet. Sie ist Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land am Sana Klinikum in Remscheid. Die Kinderschutzambulanz ist eine Fachstelle für Kinder und Jugendliche in NRW, die von körperlichen Misshandlungen, Vernachlässigung und/oder sexueller Gewalt betroffen sind. Schwerpunkte der Arbeit sind die medizinische Diagnostik bei Kindern/Jugendlichen nach Gewalterfahrungen sowie die spezifische Psychodiagnostik zur Abklärung von Traumatisierungen (sowie Empfehlungen hinsichtlich des weiteren Lebensmittelpunktes des Kindes, der weiteren notwendigen Unterstützung von Kindern und Eltern etc. sowie die Akutversorgung von Kindern/Jugendlichen nach traumatischen Ereignissen).

Köppe-Gaisendrees warnte die Psychotherapeut(inn)en in solchen Fällen davor, zuviel zu reden: Das “Kompensieren der eigenen Unsicherheit durch Reden” müsse vermieden werden. Es gehe zunächst darum, Sicherheit zu vermitteln und in kurzen Sätzen mit ruhiger Sprache zu erklären: “Es ist vorbei.” Es geben nach solchen Ereignissen auch bei Kindern und Jugendlichen nicht nur Übererregung, sondern auch Vermeidungsverhalten (Verleugnen etc.). Nach den Worten von Köppe-Gaisendrees könnten die Symptomatiken bei Kindern nach traumatischen Lebenserfahrungen als sinnvolle Selbsthilfe-Versuche verstanden werden – manchmal sei es auch die Abwehr eigener Ohnmachtserfahrungen. 

Kammerpräsidentin Winter lobte die hohe Bereitschaft vieler Fortbildungsteilnehmer(innen), die PSNV-Arbeit in Hessen mit ihrer Kompetenz zu unterstützen: “Als Psychotherapeutinnen und – therapeuten wissen wir aus unserer Forschung über die psychischen Folgen von traumatisierenden Ereignissen sehr gut Bescheid: Wir wissen auch, welche Interventionen unmittelbar und kurz nach einem Schadensereignis hilfreich sind und welche nicht. Und wir besitzen eine hohe Expertise beim  Behandeln der langfristigen Folgen.” Die Fortbildung machte einmal mehr deutlich: Psychische Folgen von traumatischen Ereignissen zeigen sich oft auch erst Monate und Jahre später und sollten in jedem Fall eine adäquate Behandlung erfahren.

Teilnehmer der Fortbildung können einige der Präsentationen ab Donnerstag im internen Mitgliederbereich der Kammer (als pdf) noch einmal nachlesen. 

(rge)


Flyer

 

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