22.09.2018

„Psychotherapeutinnen in Führung bringen”

Angestelltentag 2018: Mit Professionalität und Strategie mehr Verantwortung

Frankfurt / Wiesbaden. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist selbstverständlicher Teil der Identität von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die in Kliniken, Beratungsstellen und anderen Einrichtungen (Jugendhilfe, Strafvollzug etc.) angestellt sind. Sie erbringen psychotherapeutische Leistungen entsprechen dem Facharzt-Standard. Wie es ihnen gelingen kann, auf der Basis dieser Professionalität mit mehr Selbstbewusstsein verstärkt Leitungsverantwortung zu übernehmen, war Thema beim „Angestelltentags 2018“ der Psychotherapeutenkammer Hessen am 22. September im „Haus am Dom“ in Frankfurt.

Im Dialog: Expertin Christina Demmerle und Karl-Wilhelm Höffler vom Vorstand der Psychotherapeutenkammer Hessen.

Grundlagen für bessere Positionierung – gleichberechtigt neben Ärzten

Wie sich Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Führung bringen können, hat die Psychologische Psychotherapeutin und Psychoonkologin Christina Demmerle (Mainz) beim Angestelltentag deutlich gemacht. Bei der Entlohnung und Reputation, der Rollenzuweisung und den strukturellen Rahmenbedingungen sind angestellte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bisher meist nicht in der Pole-Position. In Rheinland-Pfalz schafft das 2011 in Kraft getretene Landeskrankenhausgesetz (LKG) allerdings eine gute Grundlage für die bessere Positionierung von Psychotherapeuten: “Es bezieht die Psychologischen Psychotherapeuten (PP) sowie die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten (KJP) gleichberechtigt neben den Ärzten in die entsprechenden Bestimmungen des Landeskrankenhausgesetzes ein.” Die Landespsychotherapeutenkammer hat einen Sitz im Ausschuss für Krankenhausplanung. Das Gesetz in Rheinland-Pfalz bietet zudem Grundlagen für das Übertragen von Leitungsverantwortung an Psychotherapeuten (früher mussten Fachabteilungen stets unter ärztlicher Leitung sein). Die Approbation der PsychotherapeutInnen wird mit diesem LKG in Rheinland-Pfalz erstmals „statusdifferenzierend, indem es den PP und KJP mehr Kompetenzen als zum Beispiel den Psychologen im Krankenhaus zuordnet.“ Hinzu kommen seit 2017 neue Kompetenzen im Bereich der Verordnung von Leistungen.

Christina Demmerle beim Angestelltentag im Haus am Dom.

Durch das Psychotherapeutengesetz (PsychThG und durch Abs. 3 SGB V) sind Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten zwar bundesweit als eigenständige Heilberufe im berufsrechtlichen Sinne Ärzten gleichgestellt (und die sozialrechtliche Einbeziehung dieser Berufe ist gleichberechtigt mit den ärztlichen Leistungserbringern im SGB V). Approbierte psychologische Psychotherapeuten sind in Kliniken formal gesehen jedoch häufig immer noch im Rahmen der ärztlich verantworteten Behandlungsplanung tätig. Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis fehle ein gemeinsames Professions- und Selbstverständnis, diagnostizierte Demmerle.  Trotz struktureller Möglichkeiten gebe es noch keine gemeinsam getragene Idee von stationärer Psychotherapie im Rahmen von multiprofessionellen Behandlungsteams. So werde Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis nach wie vor häufig die Rolle des Heilhilfsberufs zugeschrieben. Mit Blick auf die Pflege verwies die Expertin auch auf das vergleichsweise hohe Weiterentwicklungstempo anderer Professionen: „Andere Berufsgruppen im klinischen Kontext beginnen stärker, eigene Profilierungsthemen und Autonomiebestrebungen voranzubringen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

Wird die Profession der Psychotherapeuten endlich erwachsen?

Christina Demmerle forderte, die Profession der Psychotherapeuten müsse (20 Jahre nach Einführung des Psychotherapeutengesetzes) endlich erwachsen werden. Dazu gehörten auch politische Werkzeuge und der Wille, sie zu nutzen: „Im Rahmen der Ausbildung werden Psychotherapeuten nur unzureichend auf Themen der Positionierung in Organisationen vorbereitet. Sie verstehen nur wenig vom sich Bewegen in Hierarchien. Die Ausbildung in Psychotherapie sozialisiert zum Denken in kleinen Einheiten.“ Durch die starke Konzentration auf das Heilen einzelner Patienten fehle oft die Kompetenz, komplexe organisationale Themen zueinander in Beziehung zu setzen. Zudem wehrten sich Psychotherapeuten häufig gegen den Einsatz politischer Taktiken: „Sie investieren zu wenig Zeit in Eigenwerbung an entscheidenden Stellen sowie in Netzwerkaktivitäten”. Und: „Psychotherapeuten sind in großer Anzahl Frauen, Führungskräfte sind immer noch zu einem großen Teil männlich – dies hat Konsequenzen für die Aufstiegschancen.“ Christina Demmerle forderte beim „Angestelltentag 2018“ deshalb: „Wir müssen die Nachwuchs-Leitungskräfte identifizieren und in Führungskompetenzen und Mikropolitik fördern. Dazu gehören neben Fortbildung auch kollegiale Beratung, Mentorenprogramme, Coaching. Wir können in diesem Feld besser sein.“

Spielregeln, die Psychotherapeutinnen in Führung bringen.

Juristische Rahmenbedingungen – Fachthemen zu Verlust und Trauer  

Über die juristischen Rahmenbedingungen für „angestellte PsychotherapeutInnen im Spannnungsfeld zwischen Berufs-, Arbeits- und Sozialrecht“ referierte beim Angestelltentag 2018 Johann Rautschka-Rücker, der langjährige Geschäftsführer der Psychotherapeutenkammer Hessen. Die Fachreferate am Nachmittag drehten sich um Verlust und Trauer: Mit Matthias Heitmann („Verlust und Trauer – die durchgängige Thematik in der vollstationären Behandlung von Jugendlichen in der Psychosomatik“, Octavia Harrison („Ab wann wir Trauer zur Krankheit? Herausforderungen für die Behandlung“) und Jan Gramm („Die Familie im Umgang mit Tod und Sterben befähigen: Systemische Interventionen in der Palliativpsychologie“). Einzelheiten zu diesen Referaten beim „Angestelltentag 2018“ werden ab Ende September im Mitgliederbereich dieser Internet-Plattform nachzulesen sein.    (rge)

 

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