25.11.2019

Steht #eMentalHealth vor einem Boom?

Fachtagung zu Chancen und Perspektiven in der Psychotherapie

Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter: Trotz mancher Skepsis steigt das Interesse von Psychotherapeut(inn)en an #eMentalHealth spürbar.

Steht die Psychotherapie vor einer digitalen Revolution? Digitalisierung bewirkt einen Wandel nahezu aller Lebensbereiche. Auch im Gesundheitswesen spielt der durch Digitaltechnik ausgelöste Umbruch eine wachsende Rolle – #eHealth ist ein Trendwort. Welche Chancen und Perspektiven haben digitale Innovationen in der Psychotherapie? Welche Erkenntnisse gibt es aus Wissenschaft und Forschung, die eine Orientierungshilfe geben, wie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit diesen Herausforderungen umgehen sollen? Mit diesen Fragen hat sich eine Fachtagung der Psychotherapeutenkammer Hessen (am 23.11.19) im “Tagungszentrum Dominikanerkloster” in Frankfurt am Main befasst. Die Fachtagung mit rund 200 Expertinnen und Experten sowie einem “Markt der Möglichkeiten”, auf dem Institutionen und Firmen über digitale Lösungen für die Psychotherapie informierten, war bereits seit Monaten ausgebucht.  

Fernbehandlung – neue Chance für Psychotherapie-Praxen?

“Immer mehr Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wird bewusst: Die Integration digitaler Technik im Gesundheitswesen ist keine Zukunftsmusik – sie prägt in einer wachsenden Zahl von Medizin-Bereichen den Arbeits-Alltag”, erklärte Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter zum Auftakt der Fachtagung. #eMentalHealth sei mit einer Vielzahl von Perspektiven, Fragen, Sorgen, aber auch mit Hoffnungen und Erwartungshaltungen verknüpft – von Patientinnen und Patienten, von Krankenkassen und Kliniken sowie in der Gesundheitspolitik. Die Präsidentin verwies dabei auf den Koalitionsvertrag der Landesregierung in Hessen, der auch das Ziel formuliere, den ländlichen Raum zu stärken: Wie lässt sich künftig in eher ländlichen Regionen eine gute Gesundheitsversorgung sicherstellen – auch für die seelische Gesundheit? Wie kann Digitalisierung dazu einen Beitrag leisten? Zum Beispiel durch Telemedizin. Wird es attraktiver, eine Psychotherapie-Praxis in einer Landregion zu eröffnen – weil sich durch Fernbehandlung auch dort nun völlig neue Möglichkeiten ergeben?” Im Rahmen der Fachtagung gab es einen “Markt der Möglichkeiten”, bei dem auch Anbieter von Fernbehandlungs-Lösungen ihre Technik präsentierten. Die Offensive „LAND HAT ZUKUNFT“ in Hessen werde nur Erfolg haben können, wenn es dort künftig eine moderne Digitalinfrastruktur gebe – auch zum Sichern der Gesundheitsversorgung: “Wo es in einer Land-Region Hessens einen superschnellen Internetzugang gibt, wird es sicher auch möglich sein, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu finden, die dort eine „Referenz-Praxis“ eröffnen – ausgestattet mit modernsten digitalen Techniken”. Neben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen war auch das „Kompetenzzentrum für Telemedizin und E-Health Hessen“ mit einem Infostand bei der Fachtagung vertreten.

Virtuelle Realität (VR-Brillen) im Einsatz in der Psychotherapie – bei der Fachtagung getestet auch von Vizepräsidentin Else Döring.

Expositionstherapie in Virtueller Realität (VRET) vor Boom?

Prof. Dr. Harald Baumeister von der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Ulm stellte den Forschungsstand zu Internet- und Mobile-basierten Interventionen (IMI) vor. So sei die hohe Wirksamkeit solcher Interventionen bei Depressionen, Sozialen Phobien, Generalisierten Angststörungen, Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Essstörungen  und anderen Krankheiten inzwischen durch viele klinische Studien belegt. Die Herausforderung besteht darin, effiziente Behandlungsprogramme im Gesundheitswesen zu implementieren – vielleicht auch über das bisher klassische Modell (Hausarzt – Verschreibung) hinaus, zum Beispiel therapieflankierend (“blended”) oder in (virtuellen) Spezialkliniken. Prof. Dr. Andreas Mühlberger von der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Regensburg referierte über den Einsatz von Virtueller Realität in der Psychotherapie – vor allem mit Blick auf Angststörungen: Die meisten Studien über die Wirksamkeit der Expositionstherapie in Virtueller Realität (VRET) gebe es zu Spezifischen Phobien  – zur Flugangst, Höhenangst sowie der Angst vor Kleintieren und Hunden. Hier zeige sich, dass die VR-Exposition eine effektive Therapiemethode mit stabilen Effekten sei. Die wiederholte Exposition sei deutlich einfacher und günstiger als “in-vivo”, da die Angstsituation in den Therapieräumen realisierbar ist und so auch eine niedrigere Hemmschwelle für die Therapie besteht: “Bei der Wahl zwischen VR und in vivo wählen 81% bis 93% VR Exposition.” Weitere VR-Anwendungen in der Psychotherapie gebe es bei PTBS, Schizophrenie (Stimmenhören), Aufmerksamkeitsstörungen (ADHD), Sucht, Depression, Essstörungen, Demenz sowe bei Schmerzen und Rehabilitation. Die Virtuelle Realität ist nach Überzeugung Mühlbergers in der Gesellschaft angekommen: “Virtuelle Welten werden bei zahlreichen Störungen als Hilfsmittel der Psychotherapie effektiv eingesetzt. VR wird in der Psychotherapie eine weite Verbreitung erfahren -VR und Künstliche Intelligenz (KI) werden gänzlich neue Erfahrungen ermöglichen.” Allerdings sei eine Förderung notwendig “für eine zeitnahe Umsetzung in der Praxis, auch Abrechnungsoptionen müssen etabliert werden.”

“Serious Games”: Therapeutischer Einsatz und Erfahrungen 

Über den therapeutischen Einsatz und Erfahrungen mit “Serious Games” informierte Prof. Dr. Christiane Eichenberg von der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Wegen eines Forschungsaufenthaltes hielt sie ihre Präsentation für die Fachtagung in Frankfurt virtuell – live aus England. Wie Prof. Eichenberg erläuterte, geht es bei “Serious Games” nicht vorrangig um Unterhaltung, sondern darum, sich spielerisch neues Wissen anzueignen, Fähigkeiten zu trainieren oder bestimmte Verhaltensweisen zu erlernen bzw. zu verändern. Die systematische Nutzung in der Psychotherapie stecke noch in den Anfängen. Die Wissenschaftlerin verwies auf empritische Belege dafür, dass Serious Games bei der Behandlung verschiedener psychischer Störungen wirksam sind: PTBS, Angstsstörungen, Depressionen – aber auch Entwicklungsstörungen. Die Aussagekraft der bisher vorliegenden Studien sei allerdings begrenzt – aufgrund der kleinen Stichprobengröße. Durch Spiele können Patientengruppen angesprochen werden, die sonst nur schwer für Psychotherapie erreichbar sind. Neben diesen Vorteilen der Spiele (Verfügbarkeit, zusätzliche Unterstützung während der Therapie etc.) geben es für Patien(inn)en und Therapeut(inn)en das Risiko der Ablenkung von der Therapie sowie die Gefahr der Abhängigkeit. Im Vergleich zu anderen Ländern (zum Beispiel zu Neuseeland, wo wegen der großen Distanzen die Gesundheitsversorgung anders organisiert werden muss) ist die Integration von solchen #eMentalHealth-Anwendungen in die Versorgung in Deutschland bislang sehr gering. Eichenberg erklärte: “Die meisten “Serious Games” verwenden kognitive Verhaltenstechniken. Trotz der Zurückhaltung analytischer Kollegen bin ich davon überzeugt, dass solche Spiele in psychodynamische Therapien integriert werden können, sofern bestimmte Regeln beachtet werden.”

Vom Forschungszentrum Depression der Deutschen Depressions-Hilfe stellte Caroline Oehler “Blended therapy mit iFightDepression” vor.    Fotos: R. Eberle

                                                                                   

Kein Allheilmittel – sinnvolle Ergänzung: “iFightDepression”

“Blended therapy mit iFightDepression” war Vortragsthema von M.Sc. Caroline Oehler vom Forschungszentrum Depression der Deutschen Depressions-Hilfe. “iFightDepression” ist begleitetes Online-Selbstmanagement: Kostenfrei, evidenzbasiert und in zwölf Sprachen verfügbar. So könnten Patient(inn)en mit dem Programm z. B. ein realistisches Bild des eigenen Stimmungsverlaufes bekommen, negative Gedankenmuster verändern und lernen, dass Schlaf und Depression zusammenhängen können und die Struktur des Alltags darauf Einfluss haben kann. Patienten entscheiden in diesem Programm, ob sie ihre Daten teilen. Dann können Therapeut(innen) die Liste der Arbeitsblätter und den Stimmungsverlauf sehen. Oehlers Fazit: “iFightDepression ist kein Allheilmittel, kann aber eine sinnvolle und wirksame Ergänzung sein”. Die Vorteile liegen in der Verfügbarkeit, Strukturiertheit und Selbstwirksamkeit – die Inhalte können flexibel im Therapiegeschehen genutzt werden. “iFightDepression” wird kostenfrei durch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe/EAAD zur Verfügung gestellt. Ärzt(inn)en und Psychotherapeut(inn)en erhalten 2 CME Punkte für die Qualifizierung als Begleiter(in). Die Zeit, in der mit “iFightDepression” gearbeitet wird, kann jedoch nicht „extra“ abgerechnet werden.

Qualitätskriterien für Apps aus Sicht der Wissenschaft

Qualitätskriterien für Apps aus Sicht der Wissenschaft stellte Mag. Eva-Maria Meßner von der Universität Ulm vor. Dabei wurde deutlich: “Gesundheits”-Apps sind in Deutschland bereits weit verbreitet: 60% der Smartphone-Nutzer(innen) haben zumindest eine Health-App installiert – vor allem zum Aufzeichnen von Körper- und Fitnessdaten sowie zu Verhaltensänderungen (“Lebensstilmodifikation”). Insgesamt sind 4,5 Millionen Apps in den deutschen App-Stores verfügbar – doch auch Eva-Maria Meßner stellte fest: “E-Mental-Health-Angebote sind in Deutschland kaum im Gesundheitssystem implementiert – im Vergleich zu den Niederlanden, Großbritannien, den skandinavischen Ländern, Australien und Neuseeland.” Die Potentiale seien groß, weil Health-Apps unabhängig von sozioökonomischem Status, geografischer Situation und teils auch sprach- und barrierefrei benutzt werden können. In Einzelstudien und Metaanalysen zeige sich eine ähnliche Wirksamkeit von internet- und mobile-basierten Interventionen zur Prävention, Behandlung und Nachsorge von psychischen Erkrankungen wie bei klassischer Psychotherapie. Lediglich bei Panikstörungen, Traumafolgeerkranungen und Negativen Affekten habe sich keine Wirksamkeit von Apps gezeigt. Problem sei der mangelnde Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Gesundheitsversorgung: “Viele wissenschaftlich geprüfte, wirksame Apps kommen nicht in der Regelversorgung (oder im Appstore) an. Gleichzeitig werden viele von Firmen entwickelte Health-Apps nie auf Wirksamkeit geprüft.” Dies trotz hoher Risiken: Denn die Beurteilung von App-Qualität und Datensicherheit sei für Enduser und Behandelnde kaum möglich – oft gebe es weder eine Datenschutzerklärung noch Transparenz, wer die Daten nutzen können: “Rund 50 Prozent der Gesundheitsapps teilen Daten an Dritte Parteien.” Deshalb sind nach den Worten von Eva-Maria Meßner international anerkannte Qualitätskriterienotwendig, die sichtbar gemacht werden müßten [Expertenratings www.mhad.science (z.B. MARS), Userratings standardisieren (z.B. www.healthon.de); Qualitätssiegel für Diabetesapps (www.diadigital.de) und Diabetes- und Demenzapps (www.appcheck.de)]. Popularität und “Sterneratings” aus dem Appstore seien keine Garanten für Qualität – hier gebe es nur schwache Korrelationen.  Meßner ist sicher: “Applikationen aus Universitäten oder NGOs weisen eine höhere Güte auf.”

Prof. Harald Baumeister und Prof. Andreas Mühlberger im Gespräch mit Dr. Heike Winter sowie Mag. Eva-Maria Meßner bei der #eMentalHealth-Fachtagung.

Unstrittig ist: Der Markt boomt. Patienten suchen Hilfe und stoßen im Internet auf digitale Angebote. Immer mehr Krankenkassen bieten ebenfalls Programme an – nicht nur, um die Wartezeit auf eine Psychotherapie zu überbrücken. Das Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) wird diese Trends verstärken. Experten erwarten ein enormes Wachstum bei Telemedizin-Anwendungen. Die zunehmende Verbreitung digitaler Technologien in Diagnose und Therapie verändert auch das Kompetenzprofil des Berufes. Eine moderne Psychotherapie-Ausbildung wird diesen neuen Herausforderungen durch die Digitalisierung im Gesundheitswesen Rechnung tragen müssen. Denn es gilt als sicher: Diese digitalen Anwendungen werden nicht wieder verschwinden. Die Fachtagung zu #eMentalHealth gab einen Überblick in existierende Angebote, ihre Wirksamkeit und Grenzen. Zudem konnten auf dem „Markt der Möglichkeiten“ praktische Anwendungen ausprobiert werden – etwa aus dem Bereich “Virtual Reality” (VR), in dem VR-Brillen zum Beispiel bei einer Psychotherapie gegen Angsterkrankungen (Höhenangst etc.) eingesetzt werden können. Wie eine erste Analyse der Rückmeldungen zur Fachtagung zeigt, besteht starkes Interesse an Folgeveranstaltungen: Viele Psychotherapeut(inn)en wünschen sich dabei neben wissenschaftlichen Vorträgen noch mehr praktische Umsetzungstipps und Technik-Präsentationen für #eMentalHealth im Psychotherapie-Praxisalltag.

(rge) 

 

zurück zur Übersicht