Systemische Therapie

Geschichtliches und aktuelle Entwicklung

Die Systemische Therapie hat sich nicht wie andere psychotherapeutische Verfahren (Psychoanalyse, Psychodrama, Gestalttherapie) aus dem Entwurf einer Gründerpersönlichkeit entwickelt, sondern ist – ähnlich wie die Verhaltenstherapie – an mehreren Stellen gleichzeitig oder in geringem zeitlichem Abstand von mehreren Gruppen von Psychotherapeuten oder einzelnen Vertretern initiiert worden. Dabei standen anfangs durchaus unterschiedliche theoretische und methodische Orientierungen im Vordergrund. Zwischen diesen Initiatoren gab es schon früh einen intensiven Austausch, der wesentlich zu einem relativ einheitlichen therapeutischen Ansatz führte. Nicht zuletzt weil Systemische Therapie bei einer Vielfalt von Problemstellungen in unterschiedlichen Feldern, bei Einzelpersonen, Familien, Gruppen, Gemeinschaften und Institutionen sinnvoll angewandt werden kann, hat sich der systemische Ansatz inzwischen national und international weit verbreitet.

Grundannahmen der systemischen Therapie

Wie der Name schon verrät, betrachtet Systemische Therapie psychotherapeutische Problemstellungen aus einem systemtheoretischen Blickwinkel. Damit ist die Nutzung von ursprünglich in den Naturwissenschaften entstandenen aber bald auch in die Sozialwissenschaften übertragenen Theorien über Systeme (Theorie nichtlinearer dynamischer Systeme, Synergetik, soziologische Systemtheorien) in der Psychotherapie gemeint. Hier geht es dann um psychische und zwischen-menschliche (interpersonale) Systeme, die seelische Organisation des Menschen wird ebenso als unter systemtheoretischen Gesichtspunkten analysierbar und beeinflussbar verstanden wie seine sozialen Beziehungen, das soziale Umfeld in dem er lebt. Beides ist nicht voneinander zu trennen.

Zentrale Begriffe in diesem Ansatz sind

  • die Autonomie von Systemen
  • Eigendynamik von Systemen
  • Verhältnis von System und Umwelt
  • Veränderung von Wirklichkeitskonstruktionen
  • Verhältnis von individuellen Problemen und interpersoneller Kommunikation

Autonomie von Systemen

Das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen (um nur drei Dimensionen zu nennen) beeinflussen sich gegenseitig in einer komplizierten („komplexen”), auf sich selbst wieder zurückwirkenden („rekursiven”) Weise. Gerade weil alle drei Dimensionen prinzipiell offen und veränderlich sind, entsteht eine eigene, für eine Person u. U. charakteristische Dynamik, die eigenen (inneren) Regeln folgt und eine relativ kontinuierliche Struktur ausbildet. Diese macht sie überhaupt erst von ihrer Umgebung unterscheidbar und verleiht ihr eine gewisse Autonomie. Autonomie heißt dann, dass (in gewissen Grenzen) nicht genau vorhersagbar ist, wie eine Person auf eine bestimmte – innere oder äußere – Veränderung reagiert. Für die Therapie bedeutet das, dass eine bestimmte Intervention nicht automatisch einen bestimmten vorhersehbaren Effekt hat, sondern dass sich die Therapie auf die Eigenlogik der Person einstellen und an sie „Anschluss” finden muss, um therapeutisch etwas in Bewegung zu bringen.
Das Gleiche gilt natürlich auch für soziale Zusammenhänge (Familien, Gruppen etc.). In einer Familie hat etwa das Verhalten eines Mitgliedes Auswirkungen auf alle anderen und diese Auswirkungen wirken wieder auf das Mitglied zurück.

Grundverständnis psychischer Störungen und Behandlung

Diesen Grundgedanken folgend wird psychische Krankheit oder Störung nicht verstanden als ein Merkmal, das eine Person „hat”, sondern als ein Prozessgeschehen mit einer körperlichen, eine innerseelischen und einer sozialen Dimension. In dieser Hinsicht besteht auch kein Unterschied zu „Gesundheit”. Problematisch und im umgangssprachlichen Sinne „krank” wird die Funktionsweise einer Person (oder einer Gruppe, z. B. einer Familie), wenn die Verhaltens-alternativen zu sehr eingeengt sind, sich bestimmte Muster (z. B. psychische Symptome) in unerwünschter Weise ständig wiederholen oder eine Person (oder Gruppe) ihren eigenen Erwartungen und/oder den Erwartungen ihrer Umwelt nicht mehr ausreichend gerecht werden kann. Dann kann man davon ausgehen, dass sich bestimmte „Systemprozesse” verfestigt haben, starr geworden sind und die Beteiligten den Eindruck gewinnen, darüber nicht mehr ausreichende Kontrolle zu haben. „Gesundheit” wäre dem gegenüberzustellen als ein größerer Grad an Beweglichkeit, der notwendige Veränderungen zu meistern erlaubt.

Behandlung setzt dann die Analyse oder Diagnose der Funktion, die ein problematisches Verhalten („Symptom”) im Beziehungsnetz, im seelischen Gefüge und in der körperlichen Verfassung eines Patienten hat, voraus. Dabei sind diese drei genannten Dimension immer in ihren Wechselbeziehungen zu sehen.

Therapeutische Beziehung

Grundvoraussetzung systemischer Therapie ist – wie in anderen Therapieverfahren auch – die Gestaltung einer tragfähigen und entwicklungsförderlichen Therapeut-Klient-Beziehung. Dazu gehört eine empathisch einfühlende Haltung auf Seiten des Therapeuten, d. h. ein ernst gemeintes Interesse an Ressourcen, Veränderung und Entwicklung des Patienten und seiner Lebenswelt.
In der systemischen Therapie wird eine partnerschaftliche Grundhaltung realisiert. Die Funktion des Therapeuten besteht in der Moderation von Veränderungsprozessen, d. h. im Schaffen von günstigen Bedingungen für die Veränderung bio-psychosozialer Muster. Das Expertentum des Therapeuten für die Gestaltung des Therapieprozesses bezieht sich dabei auf den kompetenten Umgang mit der Autonomie und der Eigendynamik der beteiligten Person(en). Die Klienten werden ihrerseits als Experten für ihre Lebensführung betrachtet. (nach Schiepek et al., Systemische Therapie – Materialien zu Theorie, Praxis und Evaluation eines wissenschaftlichen Psychotherapieverfahrens)

Therapieziele

Zielrichtung systemischer Therapie ist „die Anzahl der Möglichkeiten zu vergrößern”. Alles, was die Möglichkeiten eines Klienten, einer Familie, einer Gruppe einschränkt (Tabus, Denkverbote, Dogmen, Richtig-/Falsch-Bewertungen) steht systemischem Arbeiten entgegen. Demzufolge gilt, es neue Sichtweisen und Bewertungen als möglich in Betracht zu ziehen und zu prüfen, ob sie dem Klienten eine Erweiterung seines Handlungsraumes, mehr „Gesundheit” ermöglichen. Das bedeutet selbstverständlich auch, eingefahrene Sichtweisen, erstarrte Muster in Frage zu stellen, eine konstruktive Irritation auszulösen. Dabei spielt auch das Prinzip der „Ressourcenorientierung” eine Rolle: Kräfte und Möglichkeiten, die dem Klienten zur Verfügung stehen, sollen erkannt und aktiviert werden.

Indikationsbereiche

Systemische Therapie verfügt über ein breites Indikationsspektrum, wobei unterschiedliche Problemlagen im Einzelnen auch ein unterschiedliches therapeutisches Vorgehen erfordern. Behandelt werden können neurotische Störungen, Psychosen, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen, Beziehungskonflikte, aber auch Kooperationsprobleme zum Beispiel in Arbeitsgruppen oder Teams.

Einschränkungen bestehen bei der Behandlung organischer Störungen, bei denen systemische Therapie nur eine flankierende Funktion haben kann. Auch kann im Rahmen einer systemischen Therapie die Notwendigkeit eines längerfristigen, auf Nachreifung hin angelegten Behandlungsansatzes deutlich werden. Vor allem bei spezifischen Problemstellungen bzw. bei speziellen Fragestellungen von Klienten, z. B. nach Klärung bestimmter biografischer Entwicklungen, ist im Vorfeld zu klären, ob systemische Therapie hier der jeweils geeignetste Ansatz ist.