09.11.2019

Tiere in der Psychotherapie: Mit “Käthe und ich” (ARD) ein Trend?

Fortbildung: Tierärztekammer und Psychotherapeutenkammer kooperieren

Tiere in der Therapie – das ist ein aktuelles Top-Thema!

Australian-Shepherd-Hündin Käthe mit Psychologe Paul Winter (Christoph Schechinger), der sich auf tiergestützte Therapie spezialisiert hat … verstärkt diese neue ARD-Serie das Interesse am Thema?  Foto ©: ARD / Degeto (Britta Krehl)

Das zeigt die starke Resonanz auf eine Fortbildungsveranstaltung, die gemeinsam von der Landestierärztekammer Hessen und der Psychotherapeutenkammer Hessen in Frankfurt angeboten wurde: Mehr als 220 Fachleute kamen, um sich intensiver mit dem Themenkomplex („Tiere in der Therapie – Spielerei oder wirksame Unterstützer?“) zu befassen. Schon eine erste gemeinsame Veranstaltung im Herbst 2014 hatte gezeigt, dass es Themen gibt, die für beide Berufsgruppen gleichermaßen spannend und relevant sind. So gab diese Fortbildung am 8. November in Frankfurt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur tiergestützten Therapie, informierte über Einsatzmöglichkeiten von Therapiehunden und thematisierte, was mit Blick auf den Tierschutz beim sozialen Einsatz von Tieren zu beachten ist.

„Käthe und ich“: Tiergestützte Therapie – ein Trendthema?

Über eine Riesen-Resonanz freut sich derzeit auch die ARD: Anfang November haben 4,8 Millionen Zuschauer im Fernsehen die neue Reihe „Käthe und ich“ gesehen – die meistgesehene Sendung an diesem Freitagabend. Bei Käthe handelt es sich um eine Australian-Shepard-Hündin. Sie unterstützt in dieser neuen ARD-Reihe ihren Halter Paul Winter (Christoph Schechinger), einen Psychologen, der sich auf tiergestützte Therapien spezialisiert hat. Nun werde „tiergestützte Therapie“ also auch zum TV-Serien-Thema – erklärte die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, Dr. Heike Winter, bei der Begrüßung der Teilnehmenden in der „Evangelischen Akademie“ am Frankfurter Römerberg. Tiergestützte Therapie sei mehr als eine Mode-Erscheinung: Inzwischen gebe es dazu Forschung und Studien – obschon nach wie vor einige Akteure mit lediglich gutgemeinten Ansätzen unterwegs seien – ohne wissenschaftliche Begleitung und theoriebasierte Systematik. Bei Psychotherapie gehe es um fundierte Konzepte, nach denen systematisch vorgegangen wird – mit Professionalität, Fachwissen und Erfahrung.

Spielerei oder wirksame Unterstützer? Dr. Johanna Lass-Hennemann (Universität des Saarlandes) zum Stand der Forschung.            

 

Bisher keine Programme für bestimmte Störungsbilder”

Über den Stand der Forschung informierte Dr. Johanna Lass-Hennemann (Universität des Saarlandes): “Es gibt bislang zwar keine evidenzbasierten tiergestützten Therapieprogramme für bestimmte Störungsbilder, aber einige gute Studien zur Wirkung von Tieren auf Verhaltens- und Erlebensbereiche, die für die Psychotherapie relevant sind”. Zudem verwies die Wissenschaftlerin auf Studien und Übersichtsarbeiten, die die Wirksamkeit tiergestützter Interventionen bei bestimmten Störungsbildern untersuchen. So sei zum Beispiel belegt, dass Tiere soziale Interaktion stimulieren: Mehr Sprachgebrauch und mehr soziale Kontaktaufnahme bei autistischen Kindern (Sams et al., 2006) – mehr soziale Kontakte zu anderen Patienten, häufigeres Lachen, mehr hilfsbereites Verhalten bei Psychiatriepatienten (Marr et al.,2009; Villalta-Gil, et al. 2009).

Zudem könne der Einsatz von Tieren in der Therapie depressive Symptome und Einsamkeit sowie Aggressionen reduzieren sowie die Therapiemotivation erhöhen. Erfolge könne die tiergestützte Therapie auch im Einsatz gegen Traumata und Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) vorweisen – Symptome und Ängste mindern. PTBS-Begleithunde könnten Patienten zum Beispiel bei Albträumen wecken, Dissoziationen beenden und Medikamente bringen. In ersten Studien zeigten sich positive Einflüsse auf die PTBS-Symptomatik, Schlafqualität, Ärger, Angst und Cortisol-Spiegel, bessere Social-Skills bei Gefängnisinsassen, die an einem Hunde-Trainingsprogramm teilnahmen (Fournier et al., 2007). Einige Bereiche (wie zum Beispiel tiergestützte Therapie und Autismus) seien beliebte Medien-Themen („Delfintherapie“) ohne belastbare Studien. Eine aktuelle Studie zu ADHS liefere Hinweise darauf, dass ein Zwölf-Wochen-Hippotherapieprogramm genauso wirksam sein könne wie Pharmakotherapie. Mit welcher Tierart, welchem Charakter und welcher Form von tiergestützter Intervention bei welchem Störungsbild nachhaltig Therapieerfolg erzielt werden könne, müsse noch intensiv erforscht werden, erläuterte Lass-Hennemann.

Tierschutz: „Aber es hält doch so schön still“

Tierschutzaspekte beim therapeutischen und pädagogischen Einsatz von Tieren beleuchtete Dr. Dorothea Döring von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie verwies auf Gefahren für die Tiere – zum Beispiel durch Stress und Überforderung (Mangel an Ruhe): „Tiere brauchen Rückzugsmöglichkeiten.“ Wichtig seien die sachkundige Überwachung jeder Interaktion (durch Erwachsene), die Freiwilligkeit auf Seiten des Tieres sowie das Beachten feiner Signale. Beim Einsatz in Schulen und Kindergärten würden Tiere als hilflose Wesen („aber es hält so schön still“) oft „zwangsgekuschelt“ – die Reaktion sei oft „Freezing“ – das Einstellen jeder Bewegung: “Bei diesem Einfrieren wirken Tiere ruhig, in ihrem Inneren laufen jedoch Entscheidungsprozesse ab – mit unvorhersehbaren Reaktionen.“ Wie Dorothea Döring verdeutlichte, sind Meerschweinchen, Hamster oder Kaninchen keine „Streicheltiere“, sondern Lebewesen, deren Bedürfnisse berücksichtigt werden müssten. Hamster seien als nachtaktive Einzelgänger grundsätzlich ungeeignet für den direkten Tier-Mensch-Kontakt. Bei Meerschweinchen gebe es keine soziale Körperpflege untereinander und Streicheln sei für sie oft kein Genuss. Grundsätzlich dürften Meerschweinchen und Kaninchen nicht einzeln gehalten werden. Die Haltung in Einrichtungen wie Kindergärten oder Schulen sei oft tierschutzrelevant, da sich die Tiere (z. B. vor dem unvermeidlichen Lärm) nicht zurückziehen könnten. Besser als das Halten der Tiere in Klassenzimmern oder Gruppenräumen von Pflegeeinrichtungen sei es, sie dort zu besuchen, wo sie tiergerecht gehalten werden könnten. Wenn Tiere überfordert oder bedrängt würden, könne es durch Kratzen, Beißen oder Umstoßen des Menschen zu Verletzungen kommen. Der Schutz und die Gewährleistung des Wohls von Tieren seien somit auch im Sinn der Prävention von Gefahren.

Psychotherapeuten-Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter, Dr. Johanna Lass-Hennemann, Psychotherapeut Gerd Ganser, Dr. Ariane Volpert (mit Assistenzhund), Dr. Dorothea Döring und Dr. Ingo Stammberger (Tierärztekammer) bei der gemeinsamen Fortbildungsveranstaltung in Frankfurt. Foto: Robert Eberle (PTKH)

Tierärztin Dr. Ariane Volpert (aus Bad Soden) stellte bei der Veranstaltung Assistenzhunde in unterschiedlichen sozialen Einsatzbereichen sowie die Arbeit des Vereins „Vita Assistenhunde“ vor, der die von ihm ausgebildeten Tiere als „Medizin auf vier Pfoten“ präsentiert: „Sie unterstützen freudig ihre menschlichen Teampartner bei alltäglichen Aufgaben und öffnen Türen – im realen sowie übertragenen Sinn.“

Hundegestützte Psychotherapie: Mit Danka und Mut

Gerd Ganser (Konstanz) wird in seiner Psychotherapie-Praxis für Kinder und Jugendliche in Konstanz seit Januar 2012 von Danka unterstützt – einer jungen Golden-Retriever-Hündin, die aus einer speziellen Therapiehundezucht stammt und dort auch ausgebildet wurde. Ganser gab in einem Vortrag Einblicke in die Praxis der hundegestützten Psychotherapie. Die tiergestützte Therapie und Pädagogik entwickelt sich nach seiner Überzeugung zu einer innovativen Methode, die international immer mehr Beachtung und Verbreitung findet: „Inzwischen liegen überzeugende Forschungsergebnisse zur Wirksamkeit vor und bestätigen damit die Erfahrungen aus der Praxis.“ Die hundegestützte Psychotherapie nehme im Rahmen der tiergestützten Interventionen eine Sonderstellung ein, „weil sie über die wohltuenden und förderlichen Effekte einer reinen Anwesenheit von Tieren bzw. den Umgang mit ihnen hinausgeht“. In der Psychotherapie könne ein Hund „aufgrund seiner evolutionären Verbundenheit zum Menschen und dem spezifischen therapeutischen Beziehungsraum zu einem echten Subjekt – zu einem Dritten im therapeutischen Prozess – werden“. Ganser verweist auf Erkenntnisse aus der Forschung, dass Lernerfahrungen in Beziehungen – auch durch nonverbale Prozesse – “Auswirkungen auf unseren Körper haben, auf die Art und Weise im Körper zu sein, wie wir gehen, uns bewegen, welche Nähe wir als angenehm empfinden, welche Spannung wir im Körper haben … Die Erfahrungen sind embodied.” Dies gelte für alle Erfahrungen, “auch zum Beispiel traumatische Erfahrungen sind ja im Körper gespeichert und können reaktiviert werden. Es bilden sich sogenannte affektmotorische Muster.” Diese höchst individuellen und persönlichen affektmotorischen Muster entscheiden, ob jemand befriedigende Beziehungen eingehen kann, von anderen gemocht wird, sozial erfolgreich ist und psychische Belastungen gut bewältigen kann oder nicht.” Die hundegestützte Psychotherapie eröffne die Möglichkeit, an den affektmotorischen Mustern, an den Beziehungsmustern und Bewältigungsfertigkeiten sehr direkt zu arbeiten.

Psychotherapeut Gerd Ganser (KJP) arbeitet mit Therapiehündin Danka zusammen. “Die hundegestützte Psychotherapie eröffnet die Möglichkeit, an den affektmotorischen Mustern, an den Beziehungsmustern und Bewältigungsfertigkeiten sehr direkt zu arbeiten. Ich habe diese Erkenntnis von Frau Prof. Danka von Wikkegaard übernommen”, sagt Ganser, der in der Zusammenarbeit mit Danka immer wieder dazulernt.

Hunde in die Psychotherapie-Arbeit integrieren

Wie Ganser erklärte, werden durch die Integration des Hundes in die Psychotherapie die Möglichkeiten erweitert, mit Patienten über Gefühle, Wünsche Bedürfnisse, Handlungsmuster zu sprechen, die ihn bzw. andere betreffen und motivieren. In der Art und Weise, wie Patienten den Kontakt zum Hund gestalten, kommen Muster zum Tragen, auf die der Hund reagiere: „Der Hund gibt Rückmeldungen über die Patienten und das Geschehen im Raum, die so nur ein Hund geben kann. Diese zu verstehen und für die Psychotherapie zu nutzen benötigt eine fundierte Auseinandersetzung mit den Prozessen zwischen Patient, Hund und Therapeut.“ Psychotherapeuten aller Fachrichtungen könnten einen Hund gewinnbringend in ihre Therapieform einbringen, „wenn sie das aktuell vor sich gehende Beziehungsgeschehen als wertvolle therapeutische Ressource sehen“. Ganser sagte wörtlich: „Einen Hund in die psychotherapeutische Arbeit zu integrieren benötigt den Mut, die bekannten therapeutischen Pfade zu verlassen und sich auf etwas Neues einzulassen.“ Sein Verständnis dieser Arbeit hat Gerd Ganser in einem Buch veröffentlicht: “Aus meiner Sicht eröffnet die Einbindung eines Hundes in die Psychotherapie faszinierende Möglichkeiten unsere Therapien zu bereichern und zu vertiefen. Wir fangen gerade erst an dieses neue Feld zu ergründen, Konzepte zu entwickeln und zu erforschen. Ich freue mich über jede Kollegin und jeden Kollegen die sich auf dieses Abenteuer einlässt. Ich finde es lohnt sich denn von dieser Arbeit können Patient, Hund und Therapeut gleichermaßen profitieren und nicht zuletzt macht die Arbeit mit dem geliebten Hund Spaß, viel Spaß.”

Im Oktober 2018 gründete Ganser mit Kerstin Geppert das Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt). Das Institut bietet Ausbildungen, Fortbildungen, Seminare und Supervision für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten an, die ihren Hund in die psychotherapeutische Praxis integrieren wollen.

(rge)

 

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