30.01.2019

„Wegweisende Zukunftslösung für Psychotherapie-Ausbildung“

Psychotherapeutenkammer lobt Reformpläne für Universitätsstudium

Der im Bundesgesundheitsministerium erarbeitete Gesetzentwurf zur grundlegenden Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung wird von der Psychotherapeutenkammer Hessen begrüßt. Das Bundesgesundheitsministerium plant einen neuen Studiengang Psychotherapie, der mit einer bundeseinheitlichen staatlichen Prüfung und der Approbation abschließt. Bereits im Jahr 2020 sollen die ersten Studenten im neuen Fach beginnen können. Für diese Reform braucht es die Zustimmung der Bundesländer. Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, Dr. Heike Winter, beurteilt die Reformpläne positiv: „Auf der Basis dieses Entwurfes kann ein Gesetz erarbeitet werden, das praktikable Zukunftslösungen für die Psychotherapie-Ausbildung schafft und die Qualität der Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschlands Gesundheitssystem weiter verbessert.“ Allerdings müssen nach Überzeugung der Psychotherapeutenkammer Hessen im Gesetzentwurf einige Details geklärt, präzisiert und ergänzt werden.

Zusatz-Verantwortung in Gesundheitsversorgung „fachlich geboten und überfällig“

Kammerpräsidentin Dr. Heike Winter: Wegweisende Reform für Psychotherapeutinnen-Ausbildung.

Mit Blick auf die steigende Bedeutung der Psychotherapeuten für die Gesundheitsversorgung will das Bundesgesundheitsministerium der Berufsgruppe zusätzliche Verantwortung übertragen. Das Ziel der Gleichstellung des Psychotherapeutenberufs mit den ärztlichen und pharmazeutischen Heilberufen, das sich im Ansiedeln des Studiums an den Universitäten mit anschließender Approbation zeigt, wird von der Psychotherapeutenkammer Hessen als „fachlich geboten und überfällig“ bewertet. In Zukunft können Universitäten ein Direktstudium der Psychotherapie anbieten. Es gliedert sich in ein dreijähriges Bachelor- und ein zweijähriges Masterstudium und wird mit einer staatlichen Prüfung abgeschlossen. Es enthält im Vergleich zum bisherigen Studium deutlich höhere und spezifische Umfänge in Theorie und Praxis der Psychotherapie.

„Breite ambulante und stationäre Qualifizierung verbessert Versorgung“

Hintergrund: Das Spektrum der psychischen Erkrankungen, die psychotherapeutisch behandelt werden können, entwickelt sich weiter. Bei fast allen psychischen Erkrankungen empfehlen Leitlinien, sie psychotherapeutisch oder in Kombination mit einer Pharmakotherapie zu behandeln. Auch das Behandeln von psychotischen Erkrankungen, Borderline-Störungen und Suchterkrankungen gehört heute zu den Leistungen niedergelassener Psychotherapeuten. Die geplante Reform stellt sicher, dass Psychotherapeuten sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich nach diesen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weitergebildet werden. Eine ausreichend lange Weiterbildung im ambulanten sowie stationären Bereich sorgt dafür, dass Psychotherapeuten für ihre vielfältigen Aufgaben umfassend qualifiziert werden. Die Psychotherapeutenkammer begrüßt, dass zu den Ausbildungszielen auch Prävention, Rehabilitation und die Übernahme von Leitungsfunktionen gehören.

„Kompetenzen weit über den Anforderungen für Mediziner“

Warnungen von Ärzteorganisationen, der Entwurf aus dem Gesundheitsministerium führe „zu einer Gefährdung der Patientinnen und Patienten“, entbehren nach Überzeugung der Kammerpräsidentin jeder sachlichen Grundlage: „Zukünftige Psychotherapeuten weisen theoretische und praktische Kompetenzen in einem Umfang vor, die weit über den Anforderungen für Mediziner im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie liegen.“ Der Gesetzesentwurf zeige: „Das Gesundheitsministerium hat den Aspekt des Patientenschutzes mit großer Sorgfalt berücksichtigt. Die Ausbildungsreform ist in hohem Maße geeignet, eine für die Versorgung der Patienten gewinnbringende Kooperation zwischen Psychotherapeuten und Ärzten zu fördern.“

Suche nach Finanzierungslösung: „Schulgeld“ vermeiden

Insgesamt stecken aus Sicht der Psychotherapie-Experten in den Reformplänen des Bundesgesundheitsministeriums (die zum Jahresbeginn 2019 vorgelegt wurden) viele positive Impulse und zukunftsweisende Denkansätze. In der bisherigen Ausbildung arbeiten angehende Psychotherapeuten nach abgeschlossenem Studium mindestens drei Jahre in der Versorgung, davon eineinhalb Jahre als „Praktikanten“ in psychiatrischen oder psychosomatischen Krankenhäusern oder Reha-Kliniken. Während dieser Zeit erhalten sie bislang meist keine oder nur eine geringe Bezahlung und sind damit nicht in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Künftig sollen Psychotherapeuten nach dem Studium über eine Approbation verfügen. Dadurch können sie, wie heute schon Ärzte, während ihrer Weiterbildung in der Versorgung tätig sein und entsprechend vergütet werden. Zu den Einzelheiten, die bei der Weiterarbeit an den Reformplänen noch präzisiert werden müssen, gehört nach Angaben der Psychotherapeutenkammer Hessen der finanzielle Unterstützungsbedarf in der Weiterbildung: Für die fachlich notwendige Supervision, Selbsterfahrung und Theorie sowie die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung der Psychotherapeuten besteht während der ambulanten Weiterbildung ein zusätzlicher finanzieller Unterstützungsbedarf. Hier könnte sich der Gesetzgeber an der Regelung zur ambulanten Weiterbildung bei Hausärzten und grundversorgenden Fachärzten orientieren, um „Schulgeld“ für Psychotherapeuten zu vermeiden. Kammer-Vizepräsidentin Else Döring verweist darauf, dass Anlass für die Reform der Ausbildung vor allem auch die bisher schwierige finanzielle Situation der Psychotherapeutinnen in Ausbildung (PiA) ist: Hier muss mit dem Bundesgesundheitsministerium noch eine Lösung gefunden werden. Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen wird, eine angemessene Bezahlung für die PiW (Psychotherapeuten in Weiterbildung) zu erreichen.“

  • In der Psychotherapeutenkammer Hessen sind mehr als 5.400 qualifizierte Expertinnen und Experten organisiert – mehr als 1000 von ihnen sind auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Durch seine Universitäten und viele Ausbildungsinstitute für Psychotherapie gilt Hessen als ein für die Ausbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten wichtiges Bundesland: Allein an den Universitäten in Frankfurt, Gießen, Kassel und Marburg gibt es rund 3.500 Psychologiestudierende. Die Zahl der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) liegt in Hessen aktuell bei 1.187.               (rge)

 

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