12.09.2018

„Zahl arbeitsunfähiger Psychotherapie-Patienten steigt“

Kammer: Wochenlange Wartezeiten verschlimmern das Leiden

Hessens Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten registrieren in ihren Sprechstunden eine wachsende Zahl von Patientinnen und Patienten mit stärker chronifizierten Störungen. Wie die Psychotherapeutenkammer Hessen am Mittwoch (12.9.) in Wiesbaden mitteilte, hat sich das Patientenspektrum in vielen Praxen seit der Strukturreform der Psychotherapie-Richtlinie (im April 2017) messbar verändert. Wie die Länderauswertung einer Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer zeigt, kommen nun auch sozial benachteiligte und schwer chronisch erkrankte Patienten häufiger in die Sprechstunde hessischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Nach Überzeugung der Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen, Dr. Heike Winter, hat die Reform ihr Ziel, das Behandlungsangebot für psychisch erkrankte Menschen zu erhöhen jedoch nur teilweise erreicht: „Es gelingt nun, deutlich mehr Patienten ein Erstgesprächsangebot zur ersten Abklärung und Informationsvermittlung anzubieten, aber es gibt dadurch nicht mehr Behandlungsplätze. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz betragen auch in Hessen im Durchschnitt vier Monate.“

Report: Mehr psychische Erkrankungen auch in Kliniken

Der Anstieg von Patienten, die aktuell arbeitsunfähig sind, liegt in Hessen seit Inkrafttreten der Reform bei 45 Prozent. Ähnliche Zahlen gehen aus dem Krankenhausreport der Barmer hervor, für den die Daten von rund 8,4 Millionen Versicherten ausgewertet wurden: Bei körperlichen Erkrankungen nimmt die Zahl der Krankenhaustage seit 2006 kontinuierlich ab. Entgegen diesem Trend steigen Zahl und Dauer der Krankenhausbehandlungen bei psychischen Erkrankungen. Zwischen 2006 und 2017 ist die Zahl der Krankenhaustage aufgrund von psychischen Erkrankungen insgesamt um 24 Prozent gestiegen. Die Zunahme der Krankenhaustage bei psychischen Erkrankungen hängt nach Überzeugung der Psychotherapeutenkammer Hessen auch mit Defiziten in der ambulanten Versorgung zusammen: „Zum einen fehlen nach wie vor komplexe ambulante Versorgungsangebote für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, in denen verschiedene Behandlungsleistungen koordiniert aus einer Hand erbracht werden. Zum anderen müssen psychisch Kranke weiterhin rund vier Monate auf eine Behandlung in einer psychotherapeutischen Praxis warten.“

Lange Wartezeiten für Therapieplätze: Erkrankungen chronifizieren.

„In einigen Landkreisen warten Patienten mehr als zehn Wochen auf ersten Termin“

Psychische Erkrankungen, die nicht behandelt werden, verschlimmern sich oder chronifizieren. Lange Wartezeiten erschweren zudem die meist notwendige ambulante Weiterbehandlung nach einer Krankenhausbehandlung. Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert daher eine Reform der psychotherapeutischen Bedarfsplanung, die erstmals die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen berücksichtigt. Sie fordert dazu bereits konkrete gesetzliche Vorgaben im geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz. An der Befragung hatten bundesweit 3469 Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten teilgenommen – darunter 285 aus Hessen. Dabei hatte sich herausgestellt, dass Patientinnen und Patienten in Hessen im Durchschnitt etwa fünfeinhalb Wochen auf einen ersten Termin für eine Psychotherapie-Sprechstunde warten müssen. Bei den Wartezeiten zeigten sich deutliche regionale Unterschiede: In einigen Landkreisen könnten die Wartezeiten bei mehr als zehn Wochen liegen – in der Landeshauptstadt Wiesbaden dagegen nur bei etwa drei Wochen.

–  Die Kammer ist die Selbstverwaltung aller Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutinnen und -psychotherapeuten in Hessen. In der Psychotherapeutenkammer Hessen sind rund 5.400 qualifizierte Expertinnen und Experten organisiert – mehr als 1000 von ihnen sind auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind Expertinnen und Experten für psychische Gesundheit und psychische Erkrankungen – sie tragen mit ihrer Tätigkeit zur Gesundheit in der Bevölkerung Hessens bei. Die Kammer setzt sich für leistungsfähige Versorgungsstrukturen und berufsübergreifende Zusammenarbeit ein. Sie arbeitet eng mit anderen Kammern zusammen und pflegt regen Austausch mit Organisationen des Gesundheitswesens in Gremien und Initiativen. Als Körperschaft des öffentlichen Rechts ist die Psychotherapeutenkammer Hessen demokratisch verfasst.

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